Aktuelle Zahlen zu Darmkrebs

Nehmen Kolonkarzinome bei Jüngeren zu?

37. Deutscher Krebskongress
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Von den 55.316 Neuerkrankungen an Darmkrebs im Jahr 2023 waren in lediglich 3.024 Fällen die Betroffenen jünger als 50 Jahre.

Trotz alarmierender Schlagzeilen in den Medien zeigt die Datenlage, dass Darmkrebs bei Jüngeren nicht zunimmt. Die Inzidenz bleibt stabil, die Mortalität sinkt – dank Früherkennung und Prävention. Expert:innen warnen vor voreiligen Screening-Absenkungen.

Die altersstandardisierte Gesamtinzidenz für Darmkrebs ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern über die letzten zwei Jahrzehnte um mehr als 30 % gesunken und lag 2023 bei etwa 30 bzw. 45 Fällen je 100.000 Personen. Die Mortalität reduzierte sich zwischen 1999 und 2024 bei Frauen um fast 51 % und bei Männern um rund 46 %, erklärte Dr. ­Dietrich­ Hüppe­ von der Stiftung LebensBlicke und dem Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen. Seit einigen Jahren wird allerdings über eine „dramatische Entwicklung“ von Darmkrebs bei Menschen unter 50 Jahren berichtet: Immer mehr junge Personen seien betroffen, und auch die Mortalität steige, da die Erkrankung bei ihnen erst spät festgestellt werde, so die mediale Darstellung. Doch was ist dran am Bild der „Darmkrebspandemie“?

Darmkrebs bei Jüngeren – eine reale Bedrohung?

Von den 55.316 Neuerkrankungen im Jahr 2023 waren in lediglich 3.024 Fällen die Betroffenen jünger als 50 Jahre, wie Daten des Robert Koch-Instituts zeigen. Das entspricht einem Anteil von nur 5,5 %, so Dr. Hüppe. Den größten Anteil innerhalb der unter 50-Jährigen stellen dabei die 35- bis 49-Jährigen. Weniger als 1 % aller kolorektalen Karzinome manifestieren sich bei den 20- bis 34-Jährigen. Die Inzidenz liegt laut Berechnungen von Prof. Dr. ­Alexander ­Katalinic vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein für 35- bis 49-Jährige bei 15,5 bis 16,5 Fällen pro 100.000 und für 15- bis 34-Jährige bei 2 bis 3 Fällen pro 100.000 Personen.

Insgesamt nehme die Zahl der Neuerkrankungen bei den unter 50-Jährigen nicht zu, betonte Dr. Hüppe. In der Gruppe der 35- bis 49-Jährigen reduzierte sie sich zwischen 2003 und 2023 bei Männern um 22 % (n = 371); bei Frauen stagnierte sie. Bei den 20- bis 34-Jährigen zeigte sich zwar ein prozentualer Anstieg, der zunächst dramatisch erscheine (26 % bei Frauen bzw. 30 % bei Männern), doch in absoluten Zahlen sei es ein Zuwachs von nur 50 bzw. 58 Fällen (von 190 auf 240 bzw. von 192 auf 250), so Dr. Hüppe. Die Inzidenz sei bei den unter 50-Jährigen zudem gleichbleibend. Die Todesfallzahl sank zwischen 1999 und 2024 um mehr als 25 %.

Eine höhere Teilnahmerate würde mehr Todesfälle verhindern als eine niedrigere Altersgrenze

Die aktuelle Leitlinienempfehlung mit einer Vorsorge ab 50 Jahren behält daher ihre Gültigkeit, betonte der Referent. Eine generelle Absenkung der Screening-Altersgrenze auf 45 Jahre sei ihm zufolge nicht sinnvoll – auch, weil eine höhere Teilnahmequote in der Gruppe ab 50 Jahren mehr Todesfälle verhindern würde als ein Screening in der Altersgruppe darunter.

Stuhltest in den Check-up 35 einbinden

Vorsorgeuntersuchungen unter 50 Jahren sollten risikoadaptiert erfolgen. So erhöhen beispielsweise chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, bestimmte genetische Prädispositionen und eine positive Familienanamnese das Risiko für Darmkrebs bei Jüngeren deutlich. Ein Vorschlag der Stiftung LebensBlicke ist zudem, den Stuhltest als einmalige Untersuchung in den Check-up 35 der hausärztlichen Versorgung zu integrieren. Das böte eine niedrigschwellige Möglichkeit, Risikopersonen frühzeitig zu identifizieren und weiterzuverfolgen, resümierte Dr. Hüppe.

Foto von Nina Arndt

Nina Arndt

Redakteurin Medical Tribune
Nina Arndt ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der Medical Tribune, nachdem sie zuvor ihr Volontariat in der Medizinredaktion absolviert hat. Sie studierte Biotechnologie an der Technischen Universität Berlin. Neben ihrer Arbeit in der Print-Redaktion ist sie unter anderem im Bereich Social Media tätig.
Judith Besseling

Dr. Judith Besseling

Chefredakteurin Medical Tribune Onkologie · Hämatologie
Nach dem Studium an der Universität Nijmegen mit Auslandsaufenthalten an der Université de Poitiers und KU Leuven promovierte sie im Bereich der molekularen Neurobiologie am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Seit 2017 ist sie Teil der Redaktion – angefangen als Volontärin für die Medical Tribune Onkologie · Hämatologie und diabetes zeitung, dann als Redakteurin. Mittlerweile ist sie eine der Chefredakteurinnen der Medical Tribune Onkologie · Hämatologie. Zudem hört man sie als Host in der Podcastreihe O-Ton Onkologie und sieht sie in der Videoberichterstattung von onkologischen Kongressen.

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