Osteoprotektion bei Krebstherapie von Anfang an mitdenken

„Osteoporose mehr Aufmerksamkeit schenken“

Medical-Tribune-Bericht
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In der Behandlung der Osteoporose unterscheidet man zwischen antiresorptiv (Knochenabbau hemmend) und osteoanabol (Knochenaufbau fördernd).

Krebstherapien wie Aromatasehemmer oder Androgendeprivation steigern das Osteoporoserisiko deutlich. Ein Experte fordert deshalb, die Osteoprotektion von Beginn an mitzudenken, und erklärt, worauf Onkolog:innen bei Diagnostik und Therapie achten sollten.

Inhaltsverzeichnis

Studien zufolge sind verschiedene Krebstherapien wie Chemotherapie, Aromatasehemmer oder Androgendeprivation mit einem erhöhten Osteoporoserisiko verbunden. So senken Aromatasehemmer bei Frauen jährlich die Knochenmasse um 2—4 %, sodass innerhalb von fünf Jahren nach Therapiestart jede fünfte Frau eine Osteoporose entwickelt. Auch Androgendeprivation erhöht das Risiko. Sie reduziert die Knochenmasse von Männern um bis zu 5 % jährlich, 20—30 % der Betroffenen weisen innerhalb von fünf Jahren eine Osteoporose auf. Deshalb fordert Prof. Dr. Ingo J. Diel, Praxisklinik am Rosengarten Mannheim: „Onkologen und Onkologinnen sollten der tumor- und tumortherapie-induzierten Osteoporose mehr Aufmerksamkeit schenken!“

Risikofaktoren einer primären Osteoporose

  • niedriger BMD (bone mineral density) T-Score

  • höheres Lebensalter

  • Rauchen

  • längerfristige Immobilität

  • Malnutrition

  • Malabsorption

  • positive Familienanamnese für Osteoporose

  • prävalente Fragilitätsfrakturen

Risikofaktoren einer tumorassoziierten Osteoporose

  • tumorspezifische Therapie

  • frühe therapieassoziierte Menopause

  • androgensupprimierende Therapie beim Prostatakarzinom

  • östrogensupprimierende Therapie beim Mammakarzinom

  • längerfristige Glukokortikoidtherapie

  • tumorassoziierte Kachexie mit Muskelsubstanzverlust

Eine Abklärung der Knochendichte von Patient:innen gehört für den Experten ebenso dazu wie die Aufklärung über die Folgen einer Osteoporose und über die Rolle des Lebensstils für eine verbesserte Knochengesundheit. Zudem sind ältere Patient:innen oft multimorbide und nehmen noch weitere knochenschädigende Arzneimittel ein. Deshalb sollten Kolleg:innen auch die Medikation außerhalb der Krebstherapie im Blick haben, etwa eine dauerhafte Kortisongabe, PPI, Heparine, Antidepressiva und Antidiabetika.

Fünf Tipps für Onkolog:innen

1. Sie müssen die Langzeitnebenwirkung „Osteoporose“ bei hormonablativen Verfahren kennen und Patientinnen und Patienten darüber aufklären. Raten Sie insbesondere zu einer Basis-Knochendichtemessung.

2. Halten Sie die Patienten und Patientinnen zu einer knochengesunden Lebensweise an mit Krafttraining, ausreichender Calciumzufuhr und Vitamin-D-Supplementierung.

3. Empfehlen Sie bei osteoporotischen Knochendichtewerten zu einer Basistherapie mit Alendronat, Risedronat oral wöchentlich oder Zoledronat i.v. 1—2x im Jahr. Bei Nichtansprechen sollte auf Denosumab 60 mg s.c. 2x im Jahr gewechselt werden. Im Bedarfsfall kann ein Osteologe/eine Osteologin eingebunden werden.

4. Klären Sie darüber auf, dass das Risiko für Kieferosteonekrosen bei osteoprotektiver Therapie im Rahmen einer Osteoporose sehr niedrig ist (0,02—0,05 %), im Gegensatz zur Hochdosisbehandlung bei Knochenmetastasen.

5. Nach dem Ende einer Denosumab-Therapie muss noch für 1—2 Jahre ein Bisphosphonat eingesetzt werden.

Wie lässt sich eine Osteoporose sicher diagnostizieren?

Seit mehreren Jahrzehnten widmet sich Prof. Diel dieser Thematik. Und weiß: Basis der Diagnose bilden die Evaluierung von Krankengeschichte und Medikamenten sowie eine körperliche Untersuchung. Mittels DXA (Dual-energy X-ray Absorptiometry) lässt sich die Knochendichte ermitteln. Erreicht sie Werte zwischen -1 und -2,5, liegt laut WHO eine Osteopenie vor, ein niedrigerer T-Score wird als Osteoporose gewertet.

Zur Berechnung des Frakturrisikos bietet in Deutschland der Dachverband der Deutschsprachigen Wissenschaftlichen Osteologischen Gesellschaften e. V. in seiner Leitlinie Osteoporose einen Risikorechner an. Laboranalysen von Calcium, Vitamin D, PTH und Knochenmarkern können die Diagnostik ergänzen.

Laut der S3-Leitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen Patientinnen“ beinhaltet die nicht-medikamentöse Therapie einer tumorassoziierten Osteoporose:

Osteoprotektion mittels Bisphosphonaten und Denosumab

Grundsätzlich erfolgt die Therapie einer tumorassoziierten Osteoporose analog zu einer primären Osteoporose. Bisphosphonate und Denosumab inhibieren die Knochenresorption. Beide Substanzklassen können auch für die Behandlung von Knochenmetastasen eingesetzt werden. Die Gabe der Bisphosphonate Alendronat, Risedronat und Ibandronat erfolgt oral, die Dosierung liegt bei nur einem Zehntel der Menge, die für die Therapie ossärer Metastasen notwendig ist.

Denosumab (60 mg/6 Monate/s.c.) erhöhte in einer Studie bei Frauen mit Brustkrebs und Aromatase-Inhibition die Knochendichte und halbierte das Frakturrisiko über 5—6 Jahre im Vergleich zu Placebo. Ähnliche Studienergebnisse gibt es bei Männern mit Prostatakrebs und antiandrogener Therapie unter Denosumab.

Zu den bekannten Nebenwirkungen von Bisphosphonaten zählen gastrointestinale Symptome, sehr selten Uveitis, Skleritis, Nierenfunktionsstörung und Kieferosteonekrosen. Letztere können auch durch Denosumab ausgelöst werden und gelten als schwerwiegende, wenn auch seltene Komplikation bei der Behandlung der Osteoporose (0,02—0,05 %). „Vor Therapiebeginn ist eine Abklärung durch Zahnmedizin oder Kieferchirurgie obligatorisch“, betonte der Referent. Seine Patient:innen erhalten hierfür einen ASORS-Laufzettel. Die Behandlung einer Osteoporose sollte erst erfolgen, wenn klar ist, ob Zahn- bzw. Kiefersanierungen notwendig sind. Zahnärztliche Nachsorgeuntersuchungen sind empfehlenswert. Zudem rät Prof. Diel seinen Patient:innen, sorgfältig auf ihre Mundhygiene zu achten.

Was steckt hinter dem Rebound-Effekt?

Prof. Diel empfiehlt, bei Menschen mit hohem Frakturrisiko Denosumab präventiv einzusetzen und nach 4—5 Jahren das Risiko erneut zu evaluieren. Ist dieses unverändert, wird die Behandlung mit dem RANKL-Inhibitor fortgeführt, ist es gesunken, „sollte für 1—2 Jahre nach Absetzen von Denosumab ein orales oder i.v. Bisphosphonat gegeben werden, um ein Rebound-Phänomen zu vermeiden“, so der Experte weiter. Denn ansonsten steigt das Risiko für Frakturen wieder stark an. In Studien erreichte es für einfache vertebrale Frakturen 8—10,5 %, für multiple sogar 14,6 %.

Meist tritt der Rebound-Effekt 6—18 Monate nach der letzten Denosumab-Injektion auf und manifestiert sich mit multiplen Wirbelkörperfrakturen und Rückenschmerzen. Die Knochendichte sinkt schnell auf das prätherapeutische Niveau oder sogar darunter. Knochenumbauparameter wie CTX und P1NP steigen rasch an. Der Referent betonte: „Also denken Sie daran: Sie können die Therapie nicht so einfach absetzen. Sie müssen auch den Patientinnen und Patienten sagen, ihr müsst, wenn ihr die Therapie beendet, mit uns darüber sprechen.“ Als mögliche Medikation für die Übergangszeit zitierte Prof. Diel die Leitlinie, die Zoledronsäure für 1—2 Jahre nennt.

Welche Rolle spielen Osteoanabolika?

Unter den osteoanabolen Medikamenten dürfen Teriparatid und Abaloparatid nicht zur Therapie einer tumorassoziierten Osteoporose genutzt werden, da sie die Krebszellen stimulieren könnten. Anders sieht es bei Romosozumab aus. Die subkutane Gabe von Romosozumab erfolgt monatlich mit 210 mg für ein Jahr. Als Vorteil des neuen Antikörpers erachtet der Gynäkologe, dass es auch bei Frauen in der Postmenopause eingesetzt werden kann, die bereits eine Fraktur erlitten haben. Für alle drei Frakturtypen (Wirbelkörper-, periphere -, proximale Femurfraktur) erhielt das anabole Medikament den Evidenzgrad A. „Sie geben es monatlich, aber nach einem Jahr ist Schluss. Dann müssen Sie ein, zwei Jahre Osteoprotektion mit Resorptionshemmern z. B. Denosumab oder Bisphosphonaten betreiben“, warnte Prof. Diel. Eine Kontraindikation besteht für Romosozumab bei akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfällen.

Diel IJ. 37. Deutscher Krebskongress; Vortrag „Osteoprotektion“

Diel IJ. Die Onkologie; Die Onkologie 2026; 32/2: 200-206; „Prävention und Behandlung der tumor- und tumortherapie-induzierten Osteoporose“

S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen Patientinnen

Elisa Sophia Breuer

Elisa Sophia Breuer

Chefredakteurin Medical Tribune Onkologie · Hämatologie