S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“

„Viele Krebskranke sterben an den Folgen einer Mangelernährung“

Interview
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Die Ernährungsempfehlungen für Krebserkrankte ähneln grundsätzlich denen für die Allgemeinbevölkerung.

Krebstherapien können nur gelingen, wenn Betroffene alle nötigen Nährstoffe erhalten. Prof. Jutta Hübner erklärt unter anderem, warum Krebsdiäten schaden und beim Screening auf Mangelernährung oft ein gewisses Augenmaß genügt.

Porträt von Prof. Dr. Jutta Hübner
© UKJ/Schroll
Prof. Dr. Jutta Hübner, Universitätsklinikum Jena; Klinik für Innere Medizin II

Prof. Hübner, beeinflusst die Ernährung die Prognose von Krebserkrankten?

Prof. Dr. Jutta Hübner: Die Ernährung hat einen großen Einfluss auf die Prognose! Ein nicht unerheblicher Teil der Patient:innen mit einer Krebserkrankung stirbt nicht direkt am Malignom, sondern an den Folgen einer Mangelernährung. Diese müssen wir unbedingt vermeiden. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung bildet wiederum eine wesentliche Grundlage, damit die Behandlung gelingen kann.

Wen sollten Ärzt:innen auf Mangelernährung screenen?

Prof. Hübner: Alle Patient:innen sollten auf Mangelernährung gescreent werden, und das wiederholt. Sie kann alle Krebserkrankten betreffen, und wir müssen immer aufmerksam sein statt eine Vorauswahl zu treffen. Ein besonders hohes Risiko haben allerdings Personen, deren Krebserkrankung den Verdauungstrakt betrifft, sowie Betroffene, die Hochdosistherapien oder lang andauernde Behandlungen erhalten. Des Weiteren ernähren ältere Menschen sich oft nicht mehr so ausgewogen und gesund wie Jüngere.

 

Alltägliche Beobachtungen deuten auf Abbau hin

Auf welche Anzeichen sollten Kolleg:innen achten?

Prof. Hübner: Jede:r kann sich zunächst einmal das Gegenüber anschauen. Wenn die Person sehr dünn ist, sagt das schon etwas aus. Es können aber auch übergewichtige Menschen bereits mangelernährt sein, weil sie bestimmte Nährstoffe nicht mehr ausreichend zu sich nehmen.

Deshalb sollten Ärzt:innen eher den Gewichtsverlauf erfragen, beispielsweise, ob Rock und Hose noch wie zuvor passen. Auch ein Abbau der kleinen Handmuskeln kann ein Warnzeichen sein, besonders im Alter. Nicht zuletzt kann ich aktiv fragen, ob Einschränkungen bei der Ernährung bestehen oder freiwillig eingehalten werden.

Wann ist eine Ernährungstherapie indiziert?

Prof. Hübner: Eine Ernährungstherapie ist immer dann indiziert, wenn ein Risiko für eine Mangelernährung besteht. Das heißt, in dem Moment, wo Mediziner:innen merken, dass eine Aufklärung über gesunde, ausgewogene Ernährung nicht ausreicht. Wir wollen ja verhindern, dass eine Mangelernährung überhaupt entsteht.

Sollte eine Ernährungsberatung oder sogar -therapie schon vor Beginn einer belastenden Tumortherapie stattfinden?

Prof. Hübner: Am wichtigsten wäre tatsächlich, vor Beginn den Ernährungsstatus als Referenzwert zu erheben. Ich würde das außerdem um eine Ernährungs­anamnese ergänzen. Das beginnt mit der Frage, ob sich jemand vegan oder in anderer Weise eingeschränkt ernährt und ob die Person regelmäßige Mahlzeiten zu sich nimmt. Die Antworten können bereits auf potenziell entstehende Probleme hinweisen und dann kann man ein regelmäßiges Screening über die verschiedenen Behandlungsphasen hinweg vereinbaren. Auch sollte man gefährdete Personen dazu anhalten, sich selbst zu melden, wenn sie Veränderungen bemerken.

Trinknahrung allein bringt keinen Vorteil

Prof. Dr. Jutta Hübner

Welchen Stellenwert hat beispielsweise Trinknahrung?

Prof. Hübner: Zunächst sollten Ärzt:innen sich fragen, ob es nicht ohne ergänzende Maßnahmen geht. Trinknahrung und ähnliche Supplemente bringen allein keinen Vorteil für Patient:innen, sondern nur zusammen mit Begleitung und Ernährungsberatung.

In einer guten Ernährungsberatung prüfen Fachleute, welche Ernährungsform individuell passt und welche Faktoren die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen. Das kann bei Kauschwierigkeiten oder Mundschleimhautentzündungen beginnen, aber häufig fehlt unter der Therapie auch einfach der Appetit. Zudem können Geruchs- und Geschmackssinn stark beeinträchtigt sein.

Zusammenfassend prüft man: Gibt es irgendwelche Symptome, die die Ernährung einschränken, und was kann ich dagegen tun? Wenn dann weiterhin ein Zustand besteht, in dem angepasste und gut zubereitete Mahlzeiten nicht genügen, kommt eine Trinknahrung infrage. Wie beschrieben geschieht das zusammen mit einer Ernährungsberatung und einer engmaschigen Begleitung des oder der Erkrankten.

Welche Besonderheiten gibt es in der fortgeschrittenen palliativen Situation zu beachten?

Prof. Hübner: Wenn sich abzeichnet, dass sich die Krankheitsgeschichte in diese Richtung entwickelt, sollten wir mit dem oder der Erkrankten darüber reden. Wir sollten gemeinsam überlegen, was sich die Person für das Lebensende wünscht, und in diesem Kontext auch über das Thema Ernährung sprechen.

Dabei müssen Ärzt:innen kommunizieren, dass eine künstliche Ernährung am Lebensende häufig eine große Belastung darstellt und keinen Vorteil mehr bringt. Man darf den Betroffenen aber nicht das Gefühl vermitteln, dass man sie einfach sterben lässt. Gleichzeitig sollte man klarstellen, dass man sie nicht allein lässt, auch wenn Hunger, Durst oder spezifische Wünsche aufkommen. Das alles erfordert ein kluges Management und eine gemeinsame Überlegung mit allen Beteiligten.

Fasten und Krebsdiäten bergen mehr Risiken als Nutzen

Was weiß man zu ketogenen Diäten für Krebserkrankte?

Prof. Hübner: Alle Studien zu ketogenen Diäten bei Krebs zeigen keinen Vorteil bezüglich des Überlebens oder der Bekämpfung der Krebserkrankung. Andererseits verlieren Patient:innen an Gewicht, und das schon innerhalb relativ kurzer Zeit. Das birgt ein hohes Risiko einer Mangelernährung – zum einen, weil sie zu wenig Kalorien zu sich nehmen, zum anderen können wichtige Nährstoffe fehlen, die sich beispielsweise in Obst oder Getreideprodukten finden. Ballaststoffe fehlen größtenteils ebenfalls, was wiederum die Darmflora beeinflussen kann. Man sollte Patient:innen auf keinen Fall dazu raten.

Bringt Fasten Vorteile?

Prof. Hübner: Fasten in unterschiedlichen Formen ist sehr verbreitet. Es wird immer wieder behauptet, man könne Krebszellen aushungern, aber das ist grob falsch und lebensgefährlich. Die einzigen Zellen, die leiden, sind gesunde Körperzellen, die Erkrankte dringend brauchen, um die Therapien durchzustehen.

Es gibt auch keinerlei Evidenz dafür, dass eine zeitlich begrenzte Fastenperiode um die Chemotherapie herum Vorteile bringt. Wenn Patient:innen alle zwei oder drei Wochen drei Tage lang nichts essen, bedarf es höchster Anstrengungen, das Defizit an den anderen Tagen wieder auszugleichen. Das Risiko einer Mangelernährung halte ich für hoch.

Eine vegane Ernährung ist bei Krebs nicht sonderlich gesund

Prof. Dr. Jutta Hübner

Müssen Vegetarier:innen oder Veganer:innen besondere Hinweise beachten?

Prof. Hübner: Jemand, der sich ausgewogen vegetarisch ernährt, hat in der Regel eine ausreichende Zufuhr aller Makro- und Mikronährstoffe. Gegebenenfalls lohnt es sich, Eisen und Vitamin B12 zu prüfen.

Bei veganer Ernährung stellt sich das etwas anders dar. Hier müssen Ärzt:innen nicht nur auf die Mikronährstoffe achten, sondern zusätzlich klären, ob die Person es schafft, Proteine ausreichend und in richtiger Zusammensetzung zuzuführen. Um die essenziellen Aminosäuren aus Pflanzen aufzunehmen, muss man mehrere Eiweißquellen kombinieren. Eine der wichtigsten Quellen sind Hülsenfrüchte, die Patient:innen oft nicht gut vertragen, wenn die Behandlungen den Magen-Darm-Trakt strapazieren. Es kann schnell passieren, dass Veganer:innen, ohne es zu merken und trotz ausreichender Kalorienzufuhr, einen Mangel an essenziellen Aminosäuren und Mikronährstoffen entwickeln.

Zusammenfassend ist eine vegane Ernährung bei Krebs nicht sonderlich gesund. Wenn Veganer:innen unter der Therapie keine ausreichende und ausgewogene Nahrungszufuhr gelingt, sollten sie sich frühzeitig eine qualifizierte Beratung suchen oder sogar für die Dauer der Therapie auf eine vegetarische Ernährung oder Mischkost umsteigen.

Sollten Krebspatient:innen Vitamine und Mineralstoffe supplementieren?

Prof. Hübner: In der Leitlinie empfehlen wir konkret die Messung von Vitamin D, Selen und Vitamin B12. Ergibt der Test einen Mangel, gucken Ärzt:innen zunächst, ob er sich über die Ernährung beheben lässt oder ob sie, besonders im Fall von Vitamin D3, ein Präparat verordnen. Sammelpräparate mit zahlreichen Inhaltsstoffen halte ich andererseits für völlig unsinnig.

Nicht nur ein Mangel an Mikronährstoffen ist gefährlich, auch ein Überschuss kann negative Folgen haben. So können die stark beworbenen und teilweise hochdosierten Antioxidanzien die Wirkung von Chemotherapien, Strahlentherapien und wahrscheinlich auch Immuntherapien vermindern. Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Salat, die diese natürlicherweise enthalten, sollten Patient:innen aber selbstverständlich auch während der Krebstherapie weiter essen.

Welche Ratschläge können Sie Kolleg:innen ohne ernährungsmedizinische Expertise mitgeben?

Prof. Hübner: Ein grundlegendes Screening auf ernährungsbezogene Risiken gelingt auch ohne entsprechende Erfahrung. Man kann Patient:innen direkt zu ihren Gewohnheiten befragen und die allgemeinen Empfehlungen für eine ausgewogene Ernährung weitergeben. Wer sich darüber hinausgehend unsicher fühlt, kann sich im eigenen Umfeld umschauen, wo es eine ernährungsmedizinische Fachkraft gibt, die möglichst auch onkologisch weitergebildet ist. Es kann sich diesbezüglich lohnen, bei den Landeskrebsgesellschaften oder den Berufsverbänden VDD und VDOE anzufragen.

Liebe Frau Prof. Hübner, vielen Dank für das Gespräch!

 

Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ finden Sie hier.

 
Lara Sommer

Lara Sommer

Redakteurin Medical Tribune Onkologie · Hämatologie
Lara Sommer ist Teil der momentan vierköpfigen Onkoredaktion in Wiesbaden. Schon seit sie in Marburg und Greifswald Humanbiologie studiert hat, gilt ihr besonderes Interesse der Onkologie sowie seltenen Erkrankungen. Im Herbst 2022 begann sie als Volontärin in der Redaktion der Medical Tribune Onkologie · Hämatologie und lernte, Fachwissen mit ihrer Vorliebe für das geschriebene Wort zu kombinieren. Seit Herbst 2024 führt sie ihre Arbeit als Redakteurin fort.

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