Mehr Bedarf, aber Lücken in der psychoonkologischen Versorgung
Mittlerweile ist Krebs häufig eine chronische Erkrankung. Das hat auch die Psychoonkologie verändert und erhöht den Bedarf an psychoonkologischer Hilfe. Doch trotz gestiegener Aufmerksamkeit, etablierter Screenings und digitaler Angebote bleibt die Versorgung teilweise lückenhaft. Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf informiert über den aktuellen Stand der Psychoonkologie und darüber, was sie sich für die Zukunft wünscht.
Wie hat die Entwicklung von Krebs hin zu einer häufig chronischen oder langfristig begleitenden Erkrankung die Psychoonkologie verändert?
Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf: Die Psychoonkologie gibt es seit rund 30 Jahren. Ursprünglich konzentrierte sie sich vor allem auf die akute Krankheitsphase: erst einmal die Behandlung zu überstehen, Krankheitsverarbeitungsfertigkeiten zu verbessern oder einfach gut durch diese schwierige Phase im Leben zu kommen.
Mit dem längeren Überleben – was eine positive Nachricht ist – rückt nun das Thema Survivorship stärker in den Fokus. Das bedeutet, dass viele Felder wichtig werden, die vielleicht früher gar nicht so relevant waren. Es geht etwa um die Rückkehr an den Arbeitsplatz, Partnerschaft, Familie, Kinder und das Körperbild – also darum, mit der chronischen Erkrankung weiterzuleben. Die Evidenz zeigt, dass deshalb die Bedarfe an psychosozialer Unterstützung eher steigen, besonders bei Jüngeren sowie Patientinnen und Patienten in der mittleren Lebensphase.
Wie viele Krebspatient:innen leiden unter einer psychischen Störung und welche Störungen treten besonders häufig auf?
Prof. Mehnert-Theuerkauf: Psychische Belastungen erleben viele Patientinnen und Patienten. Etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten berichtet eine klinisch relevante Belastung, die die Kriterien einer psychischen Störung jedoch nicht erfüllt (subsyndromaler Distress). Von einer psychischen Störung sind hingegen im Verlauf der Krebserkrankung durchschnittlich etwa ein Drittel betroffen, wie wir in einer großen Studie belegen konnten. Am häufigsten sind Angsterkrankungen beziehungsweise Anpassungsstörungen und Depressionen.
Auch die Inzidenz psychischer Erkrankungen ist nach einer Krebsdiagnose deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung – besonders im ersten Jahr. Das zeigt eine große Studie, die wir mit dänischen Kolleg:innen ausgewertet haben. Es besteht also eine hohe Inzidenz und Prävalenz.
Psychische Belastung oder psychische Störung: Wo liegt der Unterschied?
psychische Belastung | Gesamtheit aller Einflüsse, die von außen auf einen Menschen einwirken und seine psychische Verarbeitung beanspruchen. Eine psychische Belastung ist zunächst neutral und kann sowohl positiv als auch negativ wirken. |
psychische Störung | Eine pathologische Beeinträchtigung des Denkens, Fühlens, Wahrnehmens, Verhaltens oder Erlebens. Sie führt meist zu erheblichem Leidensdruck oder Beeinträchtigung. Die Diagnose erfolgt durch qualifizierte Fachkräfte. |
Welche Personen oder Gruppen entwickeln besonders häufig eine psychische Störung?
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