„Jede Exazerbation zählt“
Der GOLD-Report 2026 stellt die COPD-Diagnose und die Therapie auf neue Füße: Schon eine moderate Exazerbation verändert die Einstufung – und damit auch die Therapie. Auch Multimorbidität rückt stärker in den Fokus.
Kurz vor Jahresbeginn wurde der GOLD-Report 2026 veröffentlicht. Er bietet unter anderem neue Empfehlungen zur Einstufung bei Erstdiagnose von COPD-Kranken sowie für den richtigen Umgang mit Multimorbidität.
Eine der wichtigsten Änderungen im aktualisierten GOLD-Report 2026 beruht auf Erkenntnissen zum prognostischen Wert der Exazerbationsrate im Jahr vor einer COPD-Diagnose. Verglichen wurde der Verlauf bei Personen mit und ohne Erhaltungstherapie. „Natürlich ist es in beiden Gruppen so, dass das Risiko für weitere Exazerbationen besonders dann hoch ist, wenn Patientinnen und Patienten bereits viele oder schwere Ereignisse hatten“, stellte Prof. Dr. Claus Vogelmeier vom Universitätsklinikum Marburg klar, der das aktualisierte Dokument selbst im Herbst in Philadelphia präsentiert hatte. Es habe sich gezeigt, dass im Vergleich zu keiner Exazerbation bereits eine einzige moderate Exazerbation in der Vorgeschichte das Risiko deutlich in die Höhe treibt – sowohl bei Behandelten als auch bei Therapienaiven.
Dies hat die GOLD-Arbeitsgruppe zum Anlass genommen, die Schwellenwerte für die initiale ABE-Zuordnung zu ändern. Künftig werden bei der Erstdiagnose einer COPD nur noch solche Patientinnen und Patienten in Gruppe A oder B eingestuft, die überhaupt keine Exazerbationen haben. Bereits ein einziges moderates Ereignis reicht für Gruppe E. „Das geht nach dem Dogma: Jede Exazerbation zählt“, so Prof. Vogelmeier.
Wer initial als GOLD E eingestuft wird, erhält zunächst eine LABA/LAMA-Kombination. „Und dann schaut man sich an, was weiter passiert. Und wenn der Patient dann wieder exazerbiert – und da reicht eine moderate, da reichen auch 100 Eos –, dann rutscht er in die Gruppe, die ein ICS bekommt.“ Es sei nicht prospektiv untersucht worden, inwieweit Betroffene mit GOLD E gleich bei Diagnosestellung von einer Tripletherapie profitieren. Auch gebe es dafür keine Zulassung, stellte Prof. Vogelmeier klar. Die Initialtherapie bei GOLD E ist LABA/LAMA.
Zwei weitere Neuerungen betreffen die Therapieanpassung im Behandlungsverlauf. Zum einen bestehe beim Thema Tripletherapie ein „Disconnect zwischen Indikation und Verordnung“, so der Referent. Nach wie vor bekämen längst nicht alle die Kombination LABA/LAMA/ICS, die tatsächlich dafür qualifiziert sind. Und andersherum sei ein Teil derjenigen, die diese Therapie erhalten, gar nicht dafür geeignet. Möglicherweise hat das bisherige Ampelschema für Verwirrung gesorgt, räumte Prof. Vogelmeier ein. Deshalb sei die Kategorie „Favors Use“ statt gelb nun ebenfalls grün. Das heißt: Bereits bei einer einzigen moderaten COPD-Exazerbation pro Jahr und Bluteosinophilen zwischen 100 und 300 Zellen/µl sollte man ein ICS erwägen.Zum anderen ist mit Mepolizumab ein weiteres Biologikum in den Therapiealgorithmus aufgenommen worden, das aller Voraussicht nach im Laufe des ersten Quartals 2026 auch hierzulande bei ≥ 300 Eos/µl Serum als Add-on zum Triple verordnet werden darf. Im Gegensatz zu Dupilumab geschieht das unabhängig vom Vorliegen einer chronischen Bronchitis.
Die 4 Ms der COPD
Einen starken Akzent setzt der GOLD-Report 2026 auf das Thema Multimorbidität. Im Zentrum stehen dabei die „4 Ms der COPD“:
Morbidities. Welche Komorbiditäten und Beschwerden hat die Patientin oder der Patient?
Medications. Was muss man hinsichtlich der Polypharmazie beachten? (z. B. Wechselwirkungen zwischen kardialer und pneumologischer Medikation)
Mentation. Wie steht es um die geistige Gesundheit der Patientin oder des Patienten? (ggf. Screening auf Depression, Angst und kognitive Einschränkungen)
Mobility. Wie kann man die Aktivität der Patientin oder des Patienten stärken? (Einschätzung von Gleichgewichtssinn und körperlicher Leistungsfähigkeit)
Zudem finden sich in dem aktualisierten Dokument konkrete Empfehlungen zur initialen Einschätzung der Multimorbidität. Neben einer ausführlichen Anamnese und ggf. einer Bildgebung bereits zu diesem Zeitpunkt sollte man ein EKG schreiben und das NT-proBNP kontrollieren. „Dieser Parameter ist ein wahnsinnig guter Biomarker. Wenn das NT-proBNP hoch ist, hat der Patient ein Problem, das ist gar keine Frage“, so Prof. Vogelmeier.
Weiterhin müsse man sich ein Bild davon machen, wie es um die Gesundheit von Knochen und Muskeln steht. Auch die aktuelle Lebensqualität gilt es einzuschätzen sowie ein paar grundlegende Laborwerte zu kennen. Im normalen Praxisalltag sei das natürlich oftmals nicht alles machbar. „Aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass das alles wichtige Faktoren sind, die für das Schicksal der Patienten mindestens so entscheidend sein können wie die Wahl des richtigen Inhalativums.“