Longevity ohne Pillen-Hype

Dem Supplementewahn mit wissenschaftlichem Know-how begegnen

21. Diabetologie-Update-Seminar
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Der Schlüssel zu längerer gesunder Lebenszeit liegt in der evidenzbasierten Prävention und nicht in fragwürdigen Heilsversprechen.

Longevity scheint das neue Lebensziel. Immer mehr Menschen streben nach einem langen Leben, schlucken Pülverchen und Pillen und befolgen die Ratschläge fragwürdiger Gurus. Doch in aller Regel reicht es vollkommen aus, auf die Big Five der Langlebigkeit zu setzen.

In der sogenannten Gerowissenschaft geht man davon aus, dass sich das biologische vom chronologischen Altern unterscheidet. Um das biologische Altern abzuschätzen, werden im Wesentlichen die drei Faktoren körperliche Fitness, DNA-Methylierung und die Telomerlänge genutzt. Die Differenz zwischen biologischem und chronologischem Alter soll die Sterblichkeit und andere altersbedingte Ereignisse voraussagen.

Laut einer Übersichtsarbeit können Therapien, die auf die Biologie des Alters zielen, Krankheiten verhindern oder ihren Progress verlangsamen sowie Funktionsverluste aufhalten. Dazu gehören u. a. Kalorienrestriktion sowie der Einsatz von Metformin, Rapamycin und Senolytika. Letztere sollen das Anhäufen seneszenter, also nicht mehr teilungsfähiger Zellen, die entzündliche Zytokine produzieren, reduzieren.

Auf veränderbare Risikofaktoren fokussieren

Randomisierte Studien, die den Effekt dieser Verfahren belegen könnten, fehlen allerdings. Und da allen voran die FDA ein Abbremsen des Alterungsprozesses und die Reduktion altersbedingter Erkrankungen wie Sarkopenie oder Mobilitätseinschränkungen nicht als zugelassene Indikationen anerkennt, wird es so schnell auch keine geben, erklärte Prof. Dr. ­Stephan ­Martin vom Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum in Düsseldorf.

Statt auf Telomere und Methylierungen zu fokussieren und daraus einen potenziellen Effekt auf ein langes gesundes Leben abzuleiten, solle man sich mehr um die modifizierbaren Risiken kümmern, meinte der Referent. Die sogenannten Big Five, also hoher BMI, systolische Hypertonie, hohes Non-HDL-Cholesterin, Rauchen und Diabetes seien bei Frauen für 57 % und bei Männern für 53 % der kardiovaskulären Ereignisse verantwortlich. Die Gesamtmortalität lässt sich in 22 % bzw. 19 % der Fälle auf sie zurückführen, wie das Global Cardiovascular Risk Consortium 2023 errechnet hat.

Impfen schützt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die gleiche Arbeitsgruppe publizierte im vergangenen Jahr ihre Analyse von Daten aus 133 Kohortenstudien mit mehr als zwei Millionen Teilnehmenden. Danach blieben Frauen ohne einen der genannten Risikofaktoren 13,3 Jahre länger ohne kardiovaskuläre Erkrankung als diejenigen, die alle fünf aufwiesen. Für Männer ergab sich ein Gewinn gesunder Lebenszeit von knapp 10,6 Jahren. Im Hinblick auf die Gesamtsterblichkeit lag die Differenz bei 14,5 bzw. 11,8 Jahren.

Im Sinne von Longevity ist ein kardiovaskuläres Risikomanagement vonnöten, mahnte Prof. Martin an. Dazu gehören bei gegebener Indikation der Einsatz von Lipidsenkern, Antihypertensiva und Antidiabetika, aber auch das Impfen. Es ist die vierte Säule der kardiovaskulären Prävention, betonte der Kollege. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie betrachtet Impfungen als wirksame Präventionsmaßnahme nicht nur gegenüber bestimmten Infektionen, sondern auch zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen. Dennoch liegen die Quoten z. B. der Grippeimpfung in Deutschland viel zu niedrig, rief Prof. Martin in Erinnerung.

„Sie sind der Longevity-Experte!“

Er riet seinen Kolleginnen und Kollegen, das kardiovaskuläre Risikomanagement in der Praxis besser zu verkaufen. Man solle „viel aggressiver“ auftreten, von „Longevity-Beratung“ sprechen und sich selbst als „Longevity-Experten“ bezeichnen. Dem ganzen „Mist“ im Internet müsse man entgegentreten und klarmachen, dass man in der Regel keine Supplemente brauche, wenn man sich ausreichend um die Big Five kümmere.

Birgit Maronde

Birgit Maronde

Freie Autorin
Nach ihrem Medizinstudium an der Universität Mainz hat sie zunächst in der Inneren Medizin gearbeitet, um sich dann dem Medizinjournalismus zuzuwenden. Viele Jahre gehörte sie zum Team der Medical-Tribune-Redaktion, von 2016 bis 2024 in der Funktion als Chefredakteurin. Im Unruhestand ist sie als freie Autorin tätig.

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