Krebsprävention: Du bist, was du isst

Micronutrients in Primär- und Tertiärprävention

37. Deutscher Krebskongress
|Erschienen am: 
Bewusste Ernährung schützt besser vor Krebs als einzelne Nahrungsergänzungsmittel.

Eine Pille mit Mikronährstoffen nehmen und keinen Krebs bekommen? So einfach ist es leider nicht. Mit der Ernährung lässt sich in Sachen Prävention aber durchaus etwas bewegen. Allerdings sollte man nicht blind Nahrungsergänzungsmittel einsetzen.

„Wie viel essen und trinken Sie im Laufe Ihres Lebens?“, fragte Prof. Dr. Johann Ockenga vom Klinikum Bremen-Mitte das Auditorium.1 Die erstaunliche Antwort: Wird eine Person rund 80 Jahre alt, sind es insgesamt 30.000 Kilogramm an Nahrung und fast 50.000 Liter Flüssigkeit. Der Körper muss also eine große Menge verstoffwechseln – und das, was wir essen, wirkt sich auf die Gesundheit aus. So auch beim kolorektalen Karzinom, dem sowohl endogene Faktoren als auch exogene – „Ernährung und Lifestyle“ – zugrunde liegen können.

Vollkornprodukte und Ballaststoffe auf die Eins

Verschiedene Nahrungsmittel können das Risiko für Darmkrebs senken oder erhöhen. Günstig wirken sich Prof. Ockenga zufolge beispielsweise Vollkorn (Relatives Risiko [RR] je 90 Gramm täglich: -17 %), Gemüse (RR bei 200 g vs. 22 g: -16 %), Obst (RR 200 g vs. 22 g: -16 %) und Milchprodukte (RR bei 400 g: -13 %) aus. Pro 10 g zusätzliche Ballaststoffe am Tag sinkt das Risiko um 7 %.

Mit einer Risikoerhöhung assoziiert ist zum Beispiel Alkohol. Schon 20 g pro Tag steigern das relative CRC-Risiko um 7 %, bei 40 g täglich sind es 25 %. 100 g rotes Fleisch pro Tag gehen wiederum mit einem RR von +12 % einher, 50 g prozessiertes Fleisch täglich mit +16 %.

Die Leitlinie Kolorektales Karzinom (CRC) rät daher zu einer Ernährung reich an Vollkornprodukten und Ballaststoffen, pflanzlichen Lebensmitteln und Milchprodukten. Zu hoch verarbeiteten Lebensmitteln und prozessiertem/rotem Fleisch sollte man nur selten greifen. Zur wirksamen Prävention des CRC durch Mikronährstoffe gebe es aber derzeit keine Daten, betonte der Referent.

Wie wirkt sich Ernährung auf das CRC-Risiko aus?

Wirkmechanismen der Ernährung in der Krebsprävention umfassen laut Prof. Ockenga:

  • Modulation von Entzündungen

  • oxidativer Stress

  • epigenetische Regulation

  • Signaltransduktion

  • Mikrobiom/Metabiom

Das Dilemma mit den Studien

Rund die Hälfte aller Deutschen nimmt Nahrungsergänzungsmittel. Dass diese aber keine Rettung bei einseitiger Ernährung sind und sogar schaden können, beleuchtete Prof. Dr. Jutta Hübner, Universitätsklinikum Jena, anhand verschiedener Daten.2 Bisherige Studien helfen hier aber nicht viel weiter. Denn man wisse nicht, ob ein einzelner gemessener Nährstoff wie Zink, Vitamin D oder Selen für sich genommen und dann auch noch kausal eine Wirkung hat – oder ob er nur einen Indikator für eine gesunde Lebensweise darstellt. Die Daten seien aber dennoch wichtig, weil sie Hypothesen generieren.

Viele Studien fokussierten sich auf einzelne Nahrungsergänzungsmittel und zeigten irgendeinen Effekt. „Wenn man aber in der Studie dann auch noch nach Ernährungsgewohnheiten schaut, hat das in der Ernährung plötzlich eine ganz andere Wirkung als, wenn man es als zugeführtes Supplement betrachtet“, erklärte Prof. Hübner. So fand sich in einer prospektiven Kohortenstudie eine inverse Assoziation von Folsäure in der Ernährung mit dem Darmkrebsrisiko. Für eine Supplementation mit Folsäure fanden die Forschenden diesen Effekt nicht. Auch hängen die Ergebnisse von Nahrungsergänzungsmittel-Studien u. a. davon ab, welche Personengruppe man betrachtet – zum Beispiel Rauchende oder Nicht-Raucher:innen.

Viel ergänzen hilft nicht viel

Für alle Nährstoffe gelte: Es gebe ein gesundes Gleichgewicht. Ein Mangel sei nie gut – ein Zuviel aber auch nicht. Ein gutes Beispiel bilde Vitamin D: „Nicht on top oben viel drauf, aber bei einem Mangel reagieren“, so Prof. Hübner.

Selbst Antioxidanzien seien nicht immer gut. In einem systematischen Review mit 68 randomisierten Studien wurde der Einsatz von Vitamin A, C, E und Selen in der Primär- und Sekundärprävention untersucht. In Studien mit hoher Qualität fand sich ein signifikanter Anstieg der Sterblichkeit um rund 5 %. Für Vitamin C wurde ein solcher Effekt aber nicht gefunden.

Wie wirken Selen, Vitamin E und Grüntee?

In der Tertiärprävention nach nicht-muskelinvasivem Harnblasenkarzinom gibt es einer weiteren Studie zufolge keine Auswirkungen von Selen oder Vitamin E gegenüber Placebo auf die Rezidivrate. Vitamin E habe möglicherweise sogar einen nachteiligen Effekt, erläuterte Prof. Hübner. Ähnlich verhielt es sich in einer Studie, die einen Grüntee-Extrakt zur Prävention weiterer kolorektaler Adenome adressierte.

Generell gelte für die Tertiärprävention das, was auch in der Primärprävention zählt: Körperliche Aktivität sowie eine gesunde und ausgewogene Ernährung. „Eine blinde Einnahme von Mikronährstoffen ist gefährlich!“, lautete Prof. Hübners Fazit. Multipräparate von Vitaminen, Mineralien und sekundären Pflanzenstoffen empfiehlt sie ebenfalls nicht, da diese eine feste Zusammensetzung haben und nicht individuell abgestimmt sind. Nahrungsergänzungsmittel gleichen generell eine einseitige oder Fehlernährung nicht aus.

1. Ockenga J. 37. Deutscher Krebskongress; Vortrag: „Gibt es eine optimale präventiv wirksame Ernährung?“

2. Hübner J. 37. Deutscher Krebskongress; Vortrag: „Micronutrients und Nahrungsergänzungsmittel in der Tertiärprävention“

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