Was hilft am besten gegen Trichotillomanie?
Die Trichotillomanie ist eine schwerwiegende Störung mit erheblichen somatischen und psychiatrischen Folgen. Eine Analyse von über 80 Studien zeigt deutliche Unterschiede in der Wirksamkeit therapeutischer Ansätze.
Die Trichotillomanie ist keine harmlose Störung: Die Patientinnen und Patienten sind stark in ihrer Lebensqualität eingeschränkt, viele leiden begleitend unter Angststörungen oder Depressionen, etliche denken an Suizid. Auch körperlich drohen Folgen. Sie reichen von Entzündungen an den Ausrissstellen bis hin zu schweren gastrointestinalen Komplikationen bei denjenigen, die die ausgezupften Haare ingestieren. Zur Behandlung eingesetzt werden psychotherapeutische Maßnahmen, Medikamente und technologiebasierte Verfahren. Welche am effektivsten sind, analysierte ein Autorenteam um Prof. Dr. Brian Fisak vom Florida Institute of Technology in Melbourne, USA, anhand von mehr als 80 Studien.
Wie gut helfen psychotherapeutische Verfahren?
Insgesamt schnitten psychotherapeutische Verfahren besser ab als passive Kontrollen (Warteliste), Medikamente oder aktive Komparatoren wie progressive Muskelrelaxation oder supportive Behandlung. Die wirksamsten psychotherapeutischen Behandlungsansätze sind nach dieser Analyse die Verhaltenstherapie mit Habit Reversal Training (Reaktionsumkehr-Training, HRT) und die Kombination des Habit Reversal Trainings mit einer Akzeptanz- und Commitment-Therapie (siehe Kasten). Sie haben nicht nur eine große Effektstärke, sondern wurden auch in mehreren Studien geprüft und erwiesen sich als konsistent wirksam.
Mit Verhaltenstherapie ans Haarezupfen
Das Habit Reversal Training (Reaktionsumkehr-Training) besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten:
Mit dem Bewusstseinstraining werden Auslöser und Frühwarnsignale identifiziert.
Die Wettbewerbsreaktion ersetzt das Herausziehen der Haare durch eine konkurrierende Handlung, z. B. durch Fäusteballen oder Hände-in-die-Tasche-stecken.
Das soziale Unterstützungssystem bindet Bezugspersonen ein, die z. B. Erfolge loben oder auf Warnsignale hinweisen.
Bei der Verhaltenstherapie mit HRT (BT-HRT) werden die genannten Komponenten mit Elementen der Verhaltenstherapie kombiniert. Die Kombination der HRT mit einer Akzeptanz-und-Commitment-Therapie ist eine Weiterentwicklung der klassischen BT-HRT. Zusätzlich zu den genannten Komponenten lernen die Betroffenen, unangenehme Impulse zu akzeptieren, statt gegen sie anzukämpfen.
Die größten Effekte bewirkten jedoch die metakognitive Therapie und die dialektisch-behaviorale Therapie, beide jeweils kombiniert mit dem HRT. Bei Ersterer sollen die Betroffenen zusätzlich zum HRT lernen, ihre Gedankenmuster zu kontrollieren, bei Letzterer werden die Prinzipien des Achtsamkeitstrainings und der Emotionsregulation mit dem HRT verknüpft. Diese innovativen Varianten der Verhaltenstherapie wurden allerdings nur in jeweils einer Studie geprüft. Für eine stärkere Evidenz sind weitere klinische Studien erforderlich.
Was können Medikamente leisten?
Die medikamentöse Intervention zeigte einen äußerst heterogenen Effekt. Vor 2010 wurden vor allem Antidepressiva bei der Trichotillomanie untersucht. Für das bei Impulskontrollstörungen häufig eingesetzte Clomipramin fanden sich zwei Arbeiten. Eine zeigte keine Wirkung bei Trichotillomanie, in der anderen schnitt Clomipramin besser ab als Desipramin – eine verlässliche Schlussfolgerung ist aus diesen Daten nicht möglich. Fluoxetin wurde in drei Studien geprüft und war weder Placebo noch Wartekontrollgruppen überlegen. Für den Einsatz von SSRI bei Trichotillomanie gibt es deshalb keine ausreichende Evidenz. Eine vielversprechende Option ist dagegen das schleimlösende, glutamaterg wirkende N-Acetylcystein. Es wurde in mehreren Studien untersucht und zeigte dabei eine zuverlässige und robuste Wirkung. Damit rangiert es unter den Behandlungsansätzen nach den psychotherapeutischen Verfahren auf Rang 3, so die Autorinnen und Autoren. Die größte Effektstärke wurde für Olanzapin gefunden. Für das Neuroleptikum gibt es bisher allerdings nur eine Studie, was weitere Untersuchungen erforderlich macht.
Naltrexon und Inhaltsstoffe der Mariendistel waren wenig wirksam. Sie schnitten schlechter ab als Olanzapin und N-Acetylcystein, aber besser als Antidepressiva. Memantin, ein Glutamat-Modulator, erzielte in einer randomisierten, kontrollierten Studie vielversprechende Ergebnisse, ein Ansatz, der weiterverfolgt werden sollte.
Welche Aussichten gibt es für die Zukunft?
Computertraining und ein „Smart Bracelet“ in Verbindung mit einer App wurden in drei Studien untersucht. Den stärksten Effekt dieser technologiebasierten Verfahren hatte das Training des Arbeitsgedächtnisses am PC. Computergestütztes Inhibitionstraining und ein Habit Reversal Training mittels Bewegungsarmband und App waren dagegen nicht erfolgreicher als Placebo.
Fisak B et al. J Psychiatr Res. 2026; 197: 264-274;
doi: 10.1016/j.psychires.2026.02.029