Subgruppen besonders betroffen

Wie Sexarbeit die Psyche belastet

DGPPN* Kongress 2025
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Vielleicht gut fürs Portmonnaie, aber selten für die Seele: Tür an Tür bieten Sexarbeitende im Rotlichtmilieu ihre Dienste an.

Eine Querschnittstudie zur Sexarbeit zeichnet ein paradoxes Bild: Die meisten Frauen geben ein gutes Befinden in der Sexarbeit an - bei zugleich hoher psychischer Krankheitslast. Migration und Obdachlosigkeit verschärfen psychische Risiken.

Wie belastend ist Sexarbeit? Die Tätigkeit selbst stellt offenbar nicht immer ein Problem dar, wie eine aktuelle Befragung zeigt. Trotzdem sind psychische Schwierigkeiten und der Wunsch nach einem Ausstieg weit verbreitet.

In einer Querschnittstudie zur psychischen Gesundheit von Sexarbeitenden antworteten 46 % der mehr als 400 Teilnehmenden, ihr Befinden sei „gut“, weitere 16 % antworteten mit „eher gut“ und rund 19 % mit „weder gut noch schlecht“, berichtete Prof. Dr. Meryam Schouler-Ocak, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Nur etwa jede fünfte der überwiegend weiblichen Befragten bezeichnete ihr Befinden in Bezug auf die Arbeit als eher schlecht oder schlecht. „Das hat uns überrascht“, so die Psychiaterin.

Auch das Einkommen wich von den Erwartungen ab: Es lag niedriger als von den Forschenden zuvor angenommen. 38 % der Befragten gaben an, weniger als 1.000 Euro im Monat zu verdienen. Auf mehr als 3.000 Euro monatlich brachte es nur jede fünfte Sexarbeiterin.

Gut 90 % der Frauen gaben an, bestimmte Sexualpraktiken auszuschließen. Allerdings hatten 57 % schon einen Regelbruch von Kunden erlebt. In den sechs Monaten vor der Befragung war jede Zehnte zu sexuellen Handlungen gezwungen worden, 12 % waren körperlich verletzt und 17 % bedroht worden. Die Punktprävalenzen verschiedener psychischer Erkrankungen überstiegen die in der Allgemeinbevölkerung üblichen Werte deutlich, etwa für posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, 17 %), Substanzkonsumstörung (20 %) und Depression (22 %). 41 % der Befragten äußerten den Wunsch, aus dem Gewerbe auszusteigen.

Ein Viertel der Sexarbeiterinnen war obdachlos. In dieser Subgruppe zeigte sich eine besonders hohe Prävalenz psychischer Störungen, u. a. bei Substanzkonsum (47 %), Panikstörung (31 %), Depression (29 %) und PTBS (22 %). Ein Screening auf Suizidalität und Selbstverletzung war bei 30 % auffällig. In einer Referenzgruppe von Sozialarbeiterinnen war die Punktprävalenz fast aller erfassten Störungen deutlich niedriger als bei den Befragten aus dem Sexgewerbe.

Depression und PTBS auch in der Kontrollgruppe häufig

Betrachtet man die Lebenszeitprävalenz, war die Referenzgruppe ebenfalls belastet: Jede fünfte Sozialarbeiterin hatte bereits unter einer Panikstörung gelitten, 40 % unter einer Depression und ein Viertel unter PTBS. Unter den Sexarbeiterinnen waren diese Lebenszeitprävalenzen aber noch einmal deutlich höher.

Vor allem Obdachlose und Migrantinnen sind Prof. Schouler-Ocak zufolge in der Sexarbeit besonders gefährdet. Hohe Barrieren sprachlicher oder bürokratischer Natur verhinderten, dass diese Gruppen Angebote des Gesundheitswesens nutzen. Sie empfänden häufig Scham und erlebten Diskriminierung in Arztpraxen und Kliniken. Insbesondere die Situation der obdachlosen Sexarbeiterinnen bezeichnete die Referentin als „desaströs“.

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde