Was die Gentherapie heute kann
Dank moderner Gentherapien lassen sich bereits einige schwere Erbkrankheiten erfolgreich behandeln. Probleme bereitet jedoch weiterhin der Transport an den Zielort.
Je nach Art einer krankmachenden Mutation gibt es verschiedene Optionen der Behandlung, erklärte Prof. Dr. Julian Grünewald von der Technischen Universität München. Man kann betroffene Gene ersetzen, reparieren oder komplett ausschalten. Eine vierte Möglichkeit besteht darin, nicht im proteinkodierenden Teil des Gens selbst eine Veränderung vorzunehmen, sondern in dessen regulatorischem Anteil. So funktioniert z.B. die erste zugelassene CRISPR-Therapie Exa-cel. Sie kommt bei schwerer Sichelzellkrankheit und transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie infrage, wenn der oder die Betroffene für eine Stammzelltransplantation geeignet ist, aber keine Stammzellspende zur Verfügung steht.
Gen-Supplementation als etablierteste Methode
Am etabliertesten ist laut Prof. Grünewald die Gen-Supplementation, bei der man ein funktionelles Gen hinzugibt, weil das in der Zelle nicht mehr richtig arbeitet. Diese Methode hat beispielsweise die Behandlung der spinalen Muskelatrophie grundlegend verändert.
Virale Vektoren: Chancen und Grenzen
Um die Therapeutika in den Körper einzuschleusen, gibt es verschiedene Transportmittel. Zu den gängigsten zählen Viren, v.a. Adeno-assoziierte Virus-Vektoren (AAV-Vektoren). Sie bringen ihre Fracht in den Zellkern, integrieren sie aber nicht ins Genom. AAV selbst haben nur ein kleines Genom und können daher nur wenig Genmaterial tragen. Je nachdem, was gebraucht wird, muss man in einigen Fällen die Fracht auf mehrere Vektoren verteilen. Für viele Betroffene kommen sie aber generell nicht infrage, weil sie Antikörper gegen AAV-Serotypen aufweisen.
Nichtvirale Transporteure: Lipidnanopartikel
Zu den nichtviralen Transporteuren gehören Nanocarrier. Am breitesten erprobt sind die Lipidnanopartikel, die als mRNA-Impfstoffe in der COVID-Pandemie Bekanntheit erlangt haben. Sie können große Mengen Geninformation transportieren, auch komplexe Geneditierungswerkzeuge. Allerdings werden sie schnell abgebaut, d.h., die Editierung hält nur kurz an. Außerdem reichern sie sich oft in bestimmten Geweben wie Leber und Milz an. Damit sinkt ihre Verfügbarkeit in anderen Organen, in denen sie benötigt werden, und die Dosierung verursacht Probleme.
Immunologische Risiken bleiben eine Herausforderung
Das Risiko immunologischer Nebenwirkungen besteht immer, betonte Prof. Dr. Boris Fehse vom Zentrum für Onkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Denn letztendlich müsse man bei allen bisherigen Systemen etwas benutzen, was im Körper per se nicht vorkommt, und das könne dann schon immunogen sein.
Applikationsformen und Finanzierungshürden
Prof. Dr. Regine Heilbronn, EpiBlok Therapeutics, Berlin, wies darauf hin, dass nicht nur die Genfähren Schwierigkeiten bereiten, sondern auch die Applikationsformen. Denn es wäre wünschenswert, dass die Präparate gezielt nur dorthin kommen, wo sie gebraucht werden, z.B. ins ZNS. Für die spinale Muskelatrophie ist bereits eine intrathekal zu verabreichende Gentherapie zugelassen. Wenn man etwas gezielt hineingeben kann, kommt man auch mit geringeren Dosen aus, erklärte die Kollegin. Aber um die Ansätze in breitem Umfang weiterentwickeln zu können, sind enorme Summen erforderlich, die sich nicht ohne Weiteres aufbringen lassen.
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