KI im Praxisalltag: Hilfe oder Vertrauenskiller?
Künstliche Intelligenz revolutioniert Diagnostik und Praxisorganisation – doch Patientinnen und Patienten zweifeln an der Kompetenz von Ärztinnen und Ärzten, die KI nutzen. Eine Studie zeigt, wie tief das Misstrauen reicht – und wo die Chancen liegen.
Die Krankenversicherten in Deutschland scheinen KI zu lieben. Laut einer Umfrage nutzen 47 % von ihnen die Algorithmen gelegentlich oder regelmäßig, um sich über medizinische Themen zu informieren. Und 93 % sind mit den Antworten zufrieden oder sehr zufrieden. 91 % der Deutschen nutzen nach wie vor wie gewohnt das Internet und befragen Dr. Google, die aber zunehmend mit Kollege KI konkurrieren müssen, erklärte Yannik Eggers, Internist und Tropenmediziner am Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin.
Auch medizinisches Personal nutzt zusehends die neuen Möglichkeiten. Meist handelt es sich um hochspezifische Tools, die als Medizinprodukte zertifiziert sind. Dieser Kompetenzgewinn durch KI-gestützte Anwendungen wird von den Patientinnen und Patienten aber nicht honoriert. „Im Gegenteil“, konstatiert der Mediziner: Fachpersonal, das solche Tools nutzt, werde als signifikant weniger kompetent, glaubwürdig und empathisch wahrgenommen. Der Effekt zeige sich unabhängig davon, ob die Algorithmen für administrative, diagnostische oder therapeutische Zwecke eingesetzt wurde. Die Bereitschaft, einen Termin in der betreffenden Praxis zu buchen, würde einer Studie zufolge sogar sinken.1
Effizienzgewinn durch die digitale Assistenz
Die Vorteile, insbesondere bei administrativen Aufgaben, liegen aber auf der Hand, so der Referent. Durch den Einsatz von KI ließen sich beispielsweise knapp 40 % des Zeitaufwands für Dokumentation, Terminplanung, Abrechnung, Kommunikation oder Qualitätsmanagement einsparen. Auch in der Diagnostik kann KI wertvolle Dienste leisten, etwa bei der automatisierten Auswertung von Röntgenbildern, der mikroskopischen Malariadiagnostik und als Unterstützung bei klinischen Entscheidungen.
Welche Auswirkungen das konkret auf den Praxisalltag in der Reisemedizin hat, zeigte Eggers anhand eines hypothetischen Falls: Das Arztgespräch im Vorfeld einer Familienreise nach Tansania dauerte früher etwa 30 bis 45 Minuten, in denen bspw. Impfungen und die Malariaprophylaxe besprochen wurden. Heute befragt ein Elternteil ein frei verfügbares KI-Tool wie ChatGPT und bringt das Ergebnis mit in die Sprechstunde. Einige der Antworten sind sehr gut zu verwenden, andere wiederum gespickt mit Falschinformationen und Irrtümern, was dringend die ärztliche Expertise erfordert, so der Mediziner. „Wir müssen lernen, damit umzugehen.“
Technische Stütze entbindet nicht von Sorgfaltspflicht und Arztgeheimnis
Umso wichtiger bleibt die klare Rollenverteilung. Trotz der technologischen Fortschritte liegt die Verantwortung für Diagnose und Therapieentscheidung weiter ausschließlich bei der Ärztin oder dem Arzt, betonte Eggers. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die von der KI gelieferten Informationen kritisch zu prüfen, einzuordnen und die Patientinnen und Patienten über die Grenzen der Technologie aufzuklären. Die technische Stütze entbindet nicht von der Sorgfaltspflicht und dem Arztgeheimnis.
1. Reis M et al. JAMA Netw Open 2025; 8: e2521643; doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.21643