Stärkere Symptome, schlechtere Prognose

Fibromyalgie und Adipositas: Eine schmerzhafte Kombination

European Congress of Rheumatology 2026
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 4 Min
Übergewicht kann eine Fibromyalgie verschlimmern. Die Schmerzempfindlichkeit nimmt zu.

Rund 30–40 % der Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie sind adipös. Wie hängen die beiden Erkrankungen zusammen?

Inhaltsverzeichnis

Bevor die Diagnose Fibromyalgie gestellt wird, haben Betroffene in der Regel unzählige (Fach-)Ärztinnen und Ärzte konsultiert und nicht immer sind ihre Beschwerden ernst genommen worden. Hinzu kommen Aussagen anderer wie „Du siehst gar nicht krank aus“ oder „Jeder hat mal Schmerzen“, berichtete Prof. Dr. Lars Arendt-Nielsen vom Universitätskrankenhaus Aalborg. So wundert es nicht, dass das Stigma Fibromyalgie oft zum Unglücklichsein führt.

Bei Adipositas steigt die Schmerzempfindlichkeit

Gleiches gilt für das Stigma Adipositas. Wer zu viel auf den Rippen hat, zögert vielleicht mit dem Praxisbesuch, weil er oder sie befürchtet, für das Übergewicht kritisiert zu werden. Es kann auch vorkommen, dass bei der medizinischen Versorgung der Fokus zu sehr auf das Gewicht gelegt wird und Komorbiditäten unter den Tisch fallen. Mobbing, Diskriminierung am Arbeitsplatz und soziale Isolation lösen Stress aus, und das Risiko für Angsterkrankungen, Depressionen und Essstörungen steigt.

Fibromyalgie und Adipositas treten oft gemeinsam auf und haben synergistische Effekte. Etwa 30–40 % der vom Schmerzsyndrom Betroffenen sind zu dick. Übergewicht trägt zur Krankheitsschwere bei und verstärkt die Symptome. Zudem besteht ein Zusammenhang mit der Anzahl der schmerzhaften Druckpunkte. Beide Erkrankungen führen zu gesteigerten Konzentrationen an proinflammatorischen Zytokinen wie IL-6 und IL-8, bei Adipositas ist zudem oft TNF-alpha erhöht. Diese Veränderungen können bei adipösen Fibromyalgiepatientinnen und -patienten in einer höheren Schmerzempfindlichkeit resultieren als bei normalgewichtigen.

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„Wer starke Schmerzen hat, stirbt früher“

Darüber hinaus reduzieren sowohl das Schmerzsyndrom als auch die Adipositas die Lebenserwartung. „Schmerzen beschleunigen die biologischen Alterungsprozesse wie die Verkürzung der Telomere, und wer starke Schmerzen hat, stirbt früher“, betonte Prof. Arendt-Nielsen. Wer an beiden Erkrankungen leidet, hat also eine schlechtere Prognose. Gewicht zu verlieren, kann sich bei adipösen Menschen mit Fibromyalgie also lohnen. Neue Studien deuten darauf hin, dass GLP1-Rezeptoragonisten einen dualen Effekt auf beide Erkrankungen haben könnten.

Prof. Dr. Ernest Choy von der Universität Cardiff ist der Ansicht, dass zu oft der Begriff „psychologisch“ fällt, wenn man keine Erklärung für etwas hat. Vieles sei aber durchaus biologisch begründbar. Das gelte insbesondere für die Fibromyalgie. Auch die Ansicht, dass sich der Einfluss von Adipositas auf rheumatische Erkrankungen vor allem auf das Gewicht zurückführen lässt, ist ihm ein Dorn im Auge. Dieses Konzept hält er für „inadäquat und falsch“.

Hormone aus dem Fettgewebe wirken im Hypothalamus

Vor allem gehe es um die Aktivität von Fettgewebe. Es produziert Hormone wie Leptin und Adiponectin. Gemeinsam mit weiteren Stoffwechselhormonen wie dem überwiegend im Darm gebildeten GLP-1 beeinflussen sie die Aktivität verschiedener Zellen und Organe, darunter das Immunsystem, das Gehirn, die Leber und die Muskeln. Leptin und GLP-1 wirken u.a. im Hypothalamus und fördern dort das Sättigungsgefühl. Der Hypothalamus ist zudem Teil der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, die die Stressreaktion des Körpers steuert. Veränderungen dieser Stressregulation werden bei der Fibromyalgie diskutiert.

Adiponectin wirkt antiinflammatorisch, doch Menschen mit Adipositas bilden weniger davon. Entzündungsprozesse und Übergewicht führen zu einer Resistenz gegen Leptin. Es wird vermehrt gebildet, seine Wirkung ist aber vor allem im Gehirn abgeschwächt. Veränderte Spiegel wurden auch bei Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie gemessen. Leptin steigert zudem die Produktion von Proopiomelanocortin. Daraus entstehen verschiedene biologisch aktive Peptide, darunter β-Endorphin, die unter anderem an der Schmerzmodulation beteiligt sind. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen dem Schmerzsyndrom und Übergewicht ist die Insulinresistenz. Je länger die Fibromyalgie besteht, desto höher die Insulinresistenz, betonte der Referent.

Klinisch relevante Effekte ab einer Gewichtsreduktion von 10 %

Über den Effekt der Gewichtsreduktion auf die Symptome von Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie referierte Prof. Dr. Francesco Ursini von der Universität Bologna. Zwar fehlt es an qualitativ hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien, doch die Erfahrungen in den vergangenen 25 Jahren deuten alle in die Richtung, dass Abnehmen zu einer Linderung der Beschwerden führt. Klinisch relevante Effekte werden laut einer Metaanalyse bei einer Gewichtsreduktion um mindestens 10 % beobachtet. Solche Ergebnisse lassen sich laut dem Referenten nur selten allein mit Lebensstiländerungen erreichen.

Dass Schmerzen an Stellen bessern, die durch die Last der Körpermasse nicht beansprucht werden, bestärkt die Theorie, dass biochemische Prozesse in diesem Zusammenhang womöglich wichtiger sind als mechanische. Es gibt Hinweise darauf, dass ketogene Diäten und GLP1-Rezeptoragonisten neben der Gewichtsreduktion auch Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse beeinflussen. Sowohl Ketonkörper als auch GLP1-RA scheinen analgetische Effekte zu haben, wobei die zugrunde liegenden Mechanismen derzeit noch untersucht werden.

Dr. Anna-Lena Krause

Dr. Anna-Lena Krause

Redakteurin Medical Tribune
Nach ihrem Biologiestudium in Mainz hat Anna-Lena Krause am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg promoviert und parallel als Wissenschaftsjournalistin für das Laborjournal gearbeitet. Anschließend folgte ein Volontariat beim Georg Thieme Verlag in Stuttgart. Seit sieben Jahren arbeitet sie als Medizinredakteurin für die Medical Tribune. Dort ist sie auch Host für den Podcast O-Ton Allgemeinmedizin.

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