Kommentar

Aber bitte mit Sahne!

Aus der Redaktion
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Vor zwei Jahren habe ich zwei Wochen auf einem bayrischen Biolandhof gearbeitet. Nachdem die Kühe, Schafe, Pferde und Schweine versorgt waren, durfte ich jeden Morgen mit der Landwirtenfamilie ausgiebig frühstücken. Reichhaltig war das Motto.

Vor allem der Senior, Bauer Sepp, ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen – im Gegenteil. Eine etwa sechs oder sieben Millimeter dicke Schicht Streichfett trug er auf. Ich war beeindruckt. Dieses BUTTER­brot blieb für mich unvergessen. Damit hatte er genug Energie, um den ganzen Tag die Mistgabel zu schwingen, die Schubkarre zu schieben, Kälber aus Kühen zu ziehen und Weidezäune zu versetzen – und das in einem Alter, in dem andere schon längst im Ruhestand sind.

Warum mich sein Frühstück so erstaunt hat? Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Fett als Feind galt, weshalb ich mich lange in Zurückhaltung übte. Jedes erdenkliche Molkereiprodukt gab es auch in Hellblau, dem Farbcode für „fettarm“. Seit dem Bauernhoferlebnis habe ich keine Hemmungen mehr vor einem extra Schlag Sahne oder einem extra Schuss Öl, auch die Butter trage ich nun etwas dicker auf. Warum auch am Fett sparen? Es ist Geschmacksträger und macht satt. Und Bauer Sepp hat’s schließlich auch nicht geschadet. Na gut, an seinen Kalorienbedarf komme ich als Schreibkraft wohl kaum heran. Während eines Arbeitstags im Homeoffice legen meine Chylomikronen sicherlich größere Strecken zurück als ich.

Selbstverständlich muss man das Thema bei bestehender Hypercholesterinämie etwas differenzierter betrachten. Doch im Grunde gibt mir die Ernährungsforschung recht. Lange hat man den Verzehr von Butter, Käse und Eiern als Hauptursache für erhöhte LDL-Werte angesehen. Doch nur rund ein Drittel des Cholesterins wird über die Nahrung aufgenommen. Und je mehr Cholesterin man zuführt, desto weniger produziert die Leber. Darüber hinaus weiß man inzwischen, dass eine Low-Fat-Diät nicht nur zu Heißhungerattacken führen kann, sondern auch zu einem Vitaminmangel, hormonellen Dysbalancen, trockener Haut, einem geschwächten Immunsystem und Müdigkeit. Vor Kurzem habe ich versehentlich einen fettreduzierten Pudding mit Süßungsmitteln gekauft – wässrig, bitter, genussfrei. Dann doch lieber ein BUTTERbrot. Es müssen ja keine sieben Millimeter sein.

Dr. Anna-Lena Krause

Dr. Anna-Lena Krause

Redakteurin Medical Tribune
Nach ihrem Biologiestudium in Mainz hat Anna-Lena Krause am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg promoviert und parallel als Wissenschaftsjournalistin für das Laborjournal gearbeitet. Anschließend folgte ein Volontariat beim Georg Thieme Verlag in Stuttgart. Seit sieben Jahren arbeitet sie als Medizinredakteurin für die Medical Tribune. Dort ist sie auch Host für den Podcast O-Ton Allgemeinmedizin.

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