Praxiskolumne

Longevity-Supplements – die neue Alchemie?

Aus der Praxis
|Erschienen am: 
Prof. Dr. Dagny Holle-Lee

Rund um das Thema Langlebigkeit ist ein riesiger Markt entstanden. Doch die Evidenz für die Wirksamkeit der Kapseln, Infusionen, Laboranalysen und Programme, die unter dem Label Longevity vermarktet werden, ist dürftig. Eine Kolumne.

Kaum ein Begriff ist derzeit so präsent wie „­Longevity“. Podcasts, Bücher und soziale Medien sind voll von Strategien, die versprechen, das Leben zu verlängern. Grundsätzlich ist daran nichts falsch. Prävention ist sinnvoll. Was mich jedoch irritiert, ist die Richtung, in die sich das Thema entwickelt hat. Aus der Idee, gesünder zu leben, ist in erstaunlich kurzer Zeit ein regelrechter Markt entstanden – ein Markt, der von der Hoffnung lebt, dass sich der Alterungsprozess vielleicht doch ein wenig austricksen lässt oder man sich zumindest ein Stück weit davon freikaufen kann.

Besonders deutlich zeigt sich das beim Thema Nahrungs­ergän­zungsmittel. Während früher Bewegung und Lebensstil im Mittelpunkt der Prävention standen, scheint Longevity heute kaum noch ohne eine beeindruckende Sammlung von Supplementen denkbar zu sein. In Podcasts, Newslettern und sozialen Medien werden regelmäßig neue Substanzen diskutiert – von NAD-Vorstufen über Resveratrol bis zu allerlei exotischen Pflanzenstoffen. Die wissenschaftliche Grundlage dafür besteht (wenn überhaupt) aus kleinen Tierstudien oder sehr frühen experimentellen Daten.

Bislang steigen vor allem die Umsatzkurven der Anbieter

Rund um das Thema Lang­lebigkeit ist ein milliardenschwerer Markt entstanden. Eine wachsende Industrie verkauft Kapseln, Pulver, Infusionen, Biomarker-Tests und „personalised programmes“, die suggerieren, man könne den Alterungsprozess gezielt verlangsamen, wenn man nur die richtigen Produkte kauft. Deren tatsächliche Wirkung ist wissenschaftlich bestenfalls schwach abgesichert. ­Longevity-Produkte steigern bislang vor allem eines zuverlässig: die Umsatzkurven der Anbieter.

Als Ärztinnen und Ärzte sollten wir bei diesem Thema selbstkritisch sein. Denn nicht wenige Kolleginnen und Kollegen sind inzwischen selbst Teil dieses Marktes geworden: mit eigenen Selbstzahler-Programmen, Infusionstherapien und Supplementlinien. Natürlich ist es legitim, Prävention anzubieten. Problematisch wird es aber, wenn medizinische Autorität dazu genutzt wird, wenig bis gar nicht evidenzbasierten Strategien einen Anstrich von Wissenschaftlichkeit zu geben.

In meiner Sprechstunde sehe ich immer häufiger Patientinnen und Patienten, die viel Geld in Supplemente investieren. Manche nehmen mehrmals am Tag Pulver, Pillen und Tropfen mit fragwürdigem Nutzen ein. Manchmal wirkt es auf mich, als versuchten Menschen, sich mit Supplements ein Stück Sicherheit vor dem Altern zu kaufen – als ließe sich der biologische Alterungsprozess so einfach überlisten. Dabei könnte man das ganze Geld auch für Dinge ausgeben, die nachweislich die Lebensqualität steigern: ein gutes Essen mit Freunden, eine Reise oder einfach ein paar entspannte Stunden.

Schadet die Optimierung mehr, als sie nutzt?

Gleichzeitig wirken viele dieser Menschen auf mich erstaunlich angespannt. Sie verfolgen akribisch jede neue Empfehlung und haben das Gefühl, ständig noch etwas optimieren zu müssen. Ob der Stress dieses permanenten Longevity-Managements gesundheitlich mehr Schaden anrichten könnte, als die Präparate ausgleichen können? Darin läge eine große Ironie.

Die Realität der Prävention von Altersleiden ist unspektakulär: Bewegung, ausreichend Schlaf, vernünftige Ernährung, soziale Kontakte und möglichst wenig chronischer Stress. Ein täglicher Spaziergang hat vermutlich langfristig mehr Effekt als viele derzeit gehypte Longevity-Substanzen. Und kostet deutlich weniger. Vielleicht ist das Ganze aber auch weniger neu, als es scheint: Früher haben schon Alchemisten den Traum von Unsterblichkeit verkauft – heute übernehmen das Longevity-Influencer.

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