Praxiskolumne

„Real food“ vs. echte Wissenschaft

Aus der Praxis
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Im Januar wurden die neuen „Dietary Guidelines for Americans 2025–2030“ veröffentlicht.

Auf den ersten Blick sieht es wie der Befreiungsschlag aus, auf den viele gewartet haben – weg von hochverarbeitetem „Müll“, hin zu „echtem Essen“. Doch wenn man die neue Pyramide genauer betrachtet, wird klar: Statt eines sauberen Paradigmenwechsels sieht man ein wissenschaftliches Minenfeld.

Es lohnt sich, die neuen Empfehlungen einmal aufzudröseln. Denn was „drüben“ passiert, schwappt früher oder später auch zu uns in die Praxis.

Gut ist, dass der Kampf gegen hochverarbeitete Nahrung aufgenommen wird. Zum ersten Mal wird „ultra-processed food“ nicht nur kritisch betrachtet, sondern komplett rausgeschmissen aus dem idealen Speiseplan. Zuckergesüßte Getränke, industrielle Snacks und raffinierte Kohlenhydrate finden gar keinen Platz mehr in der Pyramide – das ist medizinisch absolut korrekt und längst überfällig. Auch die Empfehlung, Kindern unter zehn Jahren keinen zugesetzten Zucker zu geben (vorher war es unter zwei), ist ein wichtiges Signal. Das alles können wir für unsere Praxis mitnehmen, falls wir es nicht sowieso schon umsetzen. Der Fokus muss auch auf dem Verarbeitungsgrad liegen, nicht nur auf den Kalorien!

Neu sind auch der Protein-Push und die Wiederauferstehung der Fette. Die wohl drastischste Änderung betrifft die Proteine: Hier sollen es nun 1,2–1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht sein – deutlich mehr als etwa die DGE aktuell empfiehlt (0,8 g/kg). Für unsere älteren Patientinnen und Patienten (Stichwort Sarkopenie) ist das sicher sinnvoll. Gleichzeitig erleben wir ein Comeback der Vollfett-Milchprodukte. Sie sollen besser sättigen und weniger Zusatzstoffe enthalten als „Light“-Produkte. Klingt an sich logisch, doch hier muss man genauer hinschauen.

Denn jetzt kommt der Punkt, den ich wirklich kritisch sehe. Die neue Pyramide visualisiert Steak, Käse und Hackfleisch prominent in der breiten Basis (die sich nun oben befindet). Die visuelle Botschaft lautet: „Esst Fleisch und Fett, so viel ihr wollt!“ Immerhin steht im Kleingedruckten weiterhin eine Grenze, nämlich dass gesättigte Fettsäuren weniger als 10 % der Gesamtkalorien ausmachen sollten.

Wie soll das bitte funktionieren? Wer drei Portionen Vollfett-Milchprodukte isst und dazu ein Steak in Butter brät, hat die Grenze von 10 % schon zum Mittagessen überschritten. Die Empfehlungen widersprechen sich an diesem Punkt selbst: Sie feiern tierische Fette in der Grafik als ideales „echtes Essen“, behalten aber die kardiologischen Warnhinweise im Text bei.

Von der Angst vor Fetten ins andere Extrem?

Expertinnen und Experten der Harvard School of Public Health warnen zu Recht: Das ist kein wissenschaftlicher Konsens, sondern ein kommunikatives Chaos. So riskiert man, dass Patientinnen und Patienten zwar die Angst vor Fetten verlieren – was richtig ist –, aber ins andere Extrem verfallen und Unmengen an gesättigten Fetten konsumieren. Gerade bezüglich des LDL-Cholesterins mache ich mir Sorgen. Auch wenn bei einer DMP-Fortbildung letzte Woche wieder ein Kollege kommentierte, dass die Grenzwerte um 55 mg/dl ­quasi an den Haaren herbeigezogen seien. DGK und ESC sehen das jedenfalls anders.

Was heißt das nun für uns in Deutschland? Wir sollten die neue Pyramide auf keinen Fall unreflektiert übernehmen. Ja, die Angst vor naturbelassenem Fett (wie in Nüssen, Olivenöl, Fisch oder Joghurt) ist meist unbegründet. Aber eine „Carnivore  Diät light“, die Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe an den Rand drängt, ist nicht die Lösung für unsere Zivilisationskrankheiten. Wie seht Ihr das?