Heilmittelreport 2026

Blankoverordnungen treiben Kosten deutlich an

Pressekonferenz – AOK-Bundesverband
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Die Kosten für Heilmittel steigen rasant, doch zur Qualität der Versorgung fehlen vielfach belastbare Daten.

Die Ausgaben der Krankenkassen für Heilmitteltherapien steigen weiter stark an. Die Versorgungsqualität bleibt jedoch vielfach unklar, wie der Heilmittel-Report 2026 des WIdO zeigt.

Die GKV-Ausgaben für Heilmittel haben im ersten Quartal 2026 um 8,7 % zugenommen. Ende 2025 erreichten sie mit rund 14,7 Mrd. Euro einen historischen Höchststand. Damit setzt sich der seit Jahren anhaltende Wachstumstrend fort. Vor allem die Physiotherapie dominiert den Markt – rund 80 % der Verordnungen und etwa 70 % der Kosten entfallen auf diesen Bereich.

Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), wies darauf hin, dass sich die Heilmittelausgaben innerhalb von zehn Jahren nahezu verdoppelt haben: „Diese Dynamik zeigt, dass Heilmittel mittlerweile einen zentralen Kostenfaktor der gesetzlichen Krankenversicherung darstellen – zugleich wissen wir noch zu wenig darüber, ob die vermehrten Leistungen tatsächlich einen patientenrelevanten Mehrwert bringen.“

Grafik zu steigenden Heilmittelkosten aus dem Heilmittel-Report 2026 des WIdO.

Vor diesem Hintergrund bewertet die AOK die im GKV-Sparpaket vorgesehenen Regulierungsschritte positiv. Diese sollen den Kostenanstieg dämpfen und die finanzielle Stabilität der Krankenkassen langfristig sichern.

Qualität der Versorgung ist eine „Blackbox“

Zentrales Thema des Heilmittelreports ist die Qualität der Versorgung. AOK-Verbandschefin Dr. Carola Reimann sprach von einer „Blackbox“: Noch immer wisse man zu wenig darüber, ob die eingesetzten Mittel tatsächlich zu besseren Behandlungsergebnissen führen.

Insbesondere bei den seit 2024 möglichen Blankoverordnungen zeigen erste Auswertungen, dass sie häufig nicht wie intendiert genutzt werden. Statt innovativer, patientenindividueller Therapieansätze werde vielfach die herkömmliche Standardtherapie fortgeführt – mit Mengenausweitungen von bis zu 73 % bei Schultererkrankungen. Eine Blankoverordnung koste im Schnitt 714 Euro, die Regelversorgung nur 214 Euro.

Im vierten Quartal 2025 war bereits jede zweite Verordnung im Bereich der Schulterbeschwerden eine Blankoverordnung. „Mehr Verantwortung für Therapeutinnen und Therapeuten ist grundsätzlich sinnvoll“, so Dr. Reimann, „doch müssen die Ressourcen verantwortungsvoll eingesetzt werden.“ Eine Ausweitung auf weitere Diagnosen sei erst nach nachgewiesenem therapeutischem Nutzen gerechtfertigt. Die AOK fordert daher, das Instrument erst weiter auszubauen, wenn wissenschaftliche Studien nachweisen, dass es tatsächlich bessere Outcomes und Effizienzgewinne bringt.

Ein weiterer Vorschlag ist der Aufbau eines Qualitätssicherungssystems auf Basis von Routinedaten. Damit könnten Leistungsqualität und Leitlinienadhärenz objektiv überprüft werden. Ein solches Transparenzsystem soll nicht nur Ärztinnen und Ärzten, sondern auch Physiotherapeutinnen und -therapeuten helfen, Qualitätsunterschiede offenzulegen und gezielt Versorgungsdefizite anzugehen.

Akademisierung als Schlüssel zur Qualitätsentwicklung

Während in 82 % der europäischen Länder der Berufsabschluss auf Bachelorniveau angesiedelt ist, absolviert die große Mehrheit der deutschen Physiotherapeutinnen und -therapeuten nach wie vor eine fachschulische Ausbildung. Nur rund 6 % verfügen über einen akademischen Abschluss.

Prof. Dr. Christian Kopkow, Professor für Physiotherapie an der Brandenburgischen Technischen Universität, forderte eine schrittweise Akademisierungsoffensive, um den Beruf wissenschaftlich zu stärken, die Qualität zu sichern und eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten zu ermöglichen, insbesondere in der Primärversorgung.

Der Report betont die Relevanz einer interprofessionellen Versorgung. Eine enge Kooperation zwischen Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten und Pflegekräften könne sowohl Versorgungsqualität als auch Ressourceneffizienz verbessern.

Dr. Reimann unterstrich die Rolle der Heilmittelerbringerinnen und -erbringer in der geplanten Primärversorgung: „Eine eng vernetzte ambulante Versorgung kann nicht nur die Qualität, sondern auch die Ressourcennutzung erheblich verbessern.“ Dafür müsse die Ausbildung künftig gemeinsame Lernmodule und praxisorientierte Fallarbeit unterschiedlicher Gesundheitsberufe enthalten.

Schwacher Kenntnisstand bei den Leitlinien

Prof. Kopkow bemängelte erhebliche Defizite in der Evidenzorientierung der therapeutischen Praxis. Zwar existieren zu vielen Krankheitsbildern Leitlinien, doch sind sie nur 30 bis 50 % der Physiotherapeutinnen und -therapeuten bekannt. Zudem seien Maßnahmen ohne Evidenzbasis verbreitet. Durch den Verzicht auf unwirksame Anwendungen ließen sich Qualität und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen verbessern.

Jan Helfrich

Jan Helfrich

Redaktion Medical Tribune
Nach Abschluss seines Studiums der Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg zog Jan Helfrich 2022 nach Mainz. Im Anschluss an erste berufliche Erfahrungen im Bereich der tagesaktuellen Medien trat er im September 2024 sein Redaktionsvolontariat bei der Medical Tribune im Ressort Politik & Management an. Parallel zu seiner redaktionellen Arbeit im Print-Bereich ist er als Mitglied des Social-Media-Teams tätig.

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