Markt für Apps auf Rezept wächst, die Kritik bleibt

Jede zweite DiGA wird in Hausarztpraxen verordnet

Bericht
|Erschienen am: 
171,3 Mio. Euro gab die GKV 2025 für DiGA aus. Der GKV-Spitzenverband fordert nun strengere Regeln.

Die sogenannten Apps auf Rezept haben sich nach über fünf Jahren in der Versorgung etabliert, stellt der GKV-Spitzenverband fest. Unzufrieden ist er nach wie vor mit den Erprobungs- und Preisregelungen.

Inhaltsverzeichnis

Seit September 2020 gehören Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) zum GKV-Leistungskatalog. Bis Ende 2025 wurden insgesamt 1,6 Millionen Anwendungen nach ärztlicher Verordnung oder Genehmigung durch die Krankenkasse von Versicherten zuzahlungsfrei in Anspruch genommen – davon rund 690.000 allein im Jahr 2025. Bis Ende 2025 hat das Angebot die Kassen insgesamt rund 400 Millionen Euro gekostet.

Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstandsvize des GKV-Spitzenverbandes, bestätigt: „Die Bedeutung der Apps auf Rezept in der Versorgung wächst.“ Die Verordnungszahlen steigen. Mehr als die Hälfte der zur Erprobung aufgenommenen Anwendungen wurde zu einem späteren Zeitpunkt dauerhaft ins DiGA-Verzeichnis aufgenommen.

„Frühzeitig nachgewiesener Patientennutzen ist der Schlüssel für den Erfolg“

Grundsätzlich stört den Kassenverband allerdings, dass DiGA ohne einen Nutzennachweis in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen werden. Da bereits über ein Dutzend Programme wieder aus dem Verzeichnis des BfArM gestrichen wurde, weil kein Nutzen für die Versorgung nachgewiesen werden konnte, bleibe die neue Therapieoption „immer noch hinter ihren Möglichkeiten zurück“, so Stoff-Ahnis. „Dies führt zu teilweise mangelnder Akzeptanz bei der Ärzteschaft und den Patientinnen und Patienten. Ein klarer frühzeitig nachgewiesener Patientennutzen ist und bleibt der Schlüssel für den Erfolg von digitalen Gesundheitsanwendungen.“

GKV beklagt „Wirtschaftsförderung“ mit Beitragsgeldern

2025 entsprachen die rund 690.000 abgegebenen DiGA einem Ausgabenvolumen von über 170 Mio. Euro. Der durchschnittliche Herstellerpreis lag bei 544 Euro, während der durchschnittliche verhandelte Preis (Vergütungsbetrag) 227 Euro betrug. „Diese Differenz weist auf signifikante Steuerungsdefizite der Preis- und Vergütungsmechanismen hin“, moniert der GKV-Spitzenverband in seinem am 1.4.2026 veröffentlichten Jahresbericht 2025. Er fordert vom Gesetzgeber, die Erprobungsregelung abzuschaffen und dafür zu sorgen, dass die verhandelten Preise für DiGA mit dem Tag ihrer Aufnahme in den GKV-Leistungskatalog wirksam werden. GKV-Beitragsgelder sollten nicht für eine Wirtschaftsförderung, sondern ausschließlich für DiGA mit einem nachgewiesenen Nutzen eingesetzt werden.

Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung widerspricht der Kritik der Kassen vehement. Wie schon vor einem Jahr stelle der GKV-Spitzenverband „die Faktenlage unvollständig bis irreführend“ dar. So hätten z. B. acht von neun der aktuell vorläufig gelisteten DiGA ihren Nutzennachweis zur vorläufigen Listung bereits auf Basis einer randomisierten, kontrollierten Studie (RCT) erbracht. Der SVDGV spricht in seinem dritten DiGA-Report von einer „Erfolgsgeschichte“.

Von den insgesamt 74 DiGA, die es bis Ende 2025 ins DiGA-Verzeichnis schafften, sind nur noch 58 verordnungsfähig. 16 wurden gestrichen. Die Top-10 und die Aussteiger sehen Sie in den folgenden Tabellen. Ebenso die Favoriten der Hausarztpraxen und einzelner Facharztgruppen.

Das sind die meist genutzten DiGA

Top-10-DiGA nach Inanspruchnahme 2025

Rang

DiGA

Indikation

Abgaben gesamt (2020-2025)

Abgaben 2025

Anteil an Abgaben 2025

GKV-Ausgaben gesamt

GKV-Ausgaben 2025

Anteil Ausgaben 2025

1

Oviva Direkt

Adipositas (Stoffwechsel)

454.800

306.700

44,1 %

101,9 Mio. €

67,7 Mio. €

39,5 %

2

Vivira

Rückenschmerzen (Muskel-Skelett)

132.400

41.100

5,9 %

26,9 Mio. €

8,5 Mio. €

5,0 %

3

Kalmeda

Tinnitus (Krankheiten des Ohres)

115.000

31.000

4,5 %

21,5 Mio. €

5,9 Mio. €

3,4 %

4

NeuroNation

Kognitive Förderung (Nervensystem)

45.000

25.600

3,7 %

12,3 Mio. €

5,9 Mio. €

3,4 %

5

zanadio

Adipositas (Stoffwechsel)

113.400

25.300

3,6 %

26,2 Mio. €

5,5 Mio. €

3,2 %

6

deprexis

Depression (Psychische Erkrankungen)

67.400

22.600

3,2 %

14,7 Mio. €

4,9 Mio. €

2,8 %

7

Endo-App

Endometriose (Urogenital)

56.400

20.900

3,0 %

17,2 Mio. €

4,9 Mio. €

2,9 %

8

somnio

Schlafstörungen (Psychische Erkrankungen)

67.400

17.800

2,6 %

16,4 Mio. €

4,0 Mio. €

2,3 %

9

companion patella

Knieverletzungen (Muskel-Skelett)

46.500

17.800

2,6 %

11,2 Mio. €

4,0 Mio. €

2,3 %

10

HelloBetter Stress

Stress/Burnout (Psychische Erkrankungen)

32.200

13.700

2,0 %

8,3 Mio. €

3,2 Mio. €

1,9 %

 

∑ Gesamt (Top 10)

 

~1,1 Mio.

522.300

75,2 %

256,6 Mio. €

114,4 Mio. €

66,8 %

Quelle: GKV-Spitzenverband, DiGA-Bericht 2025, 01.09.2020–31.12.2025

Die Rangliste basiert auf der Inanspruchnahme im Jahr 2025 (eingelöste Freischaltcodes).Die Top-10-DiGA machen drei Viertel aller Abgaben und zwei Drittel aller GKV-Ausgaben im Jahr 2025 aus.Allein auf die DiGA Oviva Direkt zur Adipositas-Behandlung etfallen rund 44 % aller Abgaben und fast 40 % aller Ausgaben 2025.Die gesamten GKV-Ausgaben für DiGA beliefen sich auf 171,3 Mio. €.

Diese DiGA werden bevorzugt von Hausärztinnen und Hausärzten verordnet

DiGA mit überwiegender Verordnung durch Hausärztinnen und -ärzte (2025)

Rang

DiGA

Indikation

Hausarzt-Anteil an Verordnungen

Abgaben 2025

GKV-Ausgaben gesamt

GKV-Ausgaben 2025

Aktueller Preis (31.12.2025)

1

Oviva Direkt

Adipositas (Stoffwechsel)

86 %

306.700

101,9 Mio. €

67,7 Mio. €

220,90 €

2

zanadio

Adipositas (Stoffwechsel)

85 %

25.300

26,2 Mio. €

5,5 Mio. €

218,00 €

3

HelloBetter Stress

Stress/Burnout (Psychische Erkrankungen)

70 %

13.700

8,3 Mio. €

3,2 Mio. €

235,00 €

4

deprexis

Depression (Psychische Erkrankungen)

51 %

22.600

14,7 Mio. €

4,9 Mio. €

228,00 €

5

somnio

Schlafstörungen (Psychische Erkrankungen)

41 %

17.800

16,4 Mio. €

4,0 Mio. €

224,99 €

Quelle: GKV-Spitzenverband, DiGA-Bericht 2025

DiGA, die überwiegend von Fachärztinnen und -ärzten verordnet werden

DiGA

Indikation

Hauptverordner

Anteil

Abgaben 2025

GKV-Ausgaben 2025

Aktueller Preis (31.12.2025)

companion patella

Knieverletzungen

Orthopädie

91 %

17.800

4,0 Mio. €

223,49 €

Vivira

Rückenschmerzen

Orthopädie

78 %

41.100

8,5 Mio. €

206,79 €

Kalmeda

Tinnitus

HNO

86 %

31.000

5,9 Mio. €

189,00 €

Endo-App

Endometriose

Gynäkologie

77 %

20.900

4,9 Mio. €

235,80 €

Quelle: GKV-Spitzenverband, DiGA-Bericht 2025

Hausärztinnen und -ärzte verordnen insgesamt 51 % aller DiGA – mehr als jede andere Arztgruppe. Sie verschreiben hauptsächlich DiGA für Stoffwechselerkrankungen (72 %) und psychische Erkrankungen (20 %).Die hohen Hausarzt-Anteile bei Oviva Direkt (86 %) und zanadio (85 %) führt der GKV-Spitzenverband auch auf intensive Marketingmaßnahmen und Rezeptservices zurück.

Diese DiGA bezahlt die Krankenkasse nicht mehr

DiGA, die aus dem BfArM-Verzeichnis gestrichen wurden (Stand 31.12.2025)

DiGA

Herstellerpreis

Verhandelter Preis

GKV-Ausgaben (1. Aufnahmejahr)

optimune

952,00 €

0 €

0,26 Mio. €

re.flex

784,21 €

0 €

0,20 Mio. €

Vantis

595,00 €

0 €

0,37 Mio. €

actensio

593,81 €

0 €

0,77 Mio. €

Selfapy Panik

540,00 €

0 €

0,49 Mio. €

Selfapy Schmerzen

540,00 €

0 €

0,18 Mio. €

CANKADO

499,80 €

0 €

0,01 Mio. €

mebix

499,00 €

0 €

0,36 Mio. €

Mika

499,00 €

0 €

0,45 Mio. €

orthopy

487,84 €

0 €

2,06 Mio. €

My Dose Coach

478,80 €

0 €

0,00 Mio. €

Rehappy

449,00 €

0 €

0,04 Mio. €

Kaia COPD

415,00 €

0 €

0,50 Mio. €

ESYSTA

249,86 €

0 €

0,01 Mio. €

M-sense Migräne

219,98 €

10,00 €

1,67 Mio. €

MindDoc

199,00 €

0 €

0,17 Mio. €

Quelle: GKV-Spitzenverband, DiGA-Bericht 2025

Allein 2025 wurden sieben DiGA gestrichen (Rekord innerhalb eines Jahres): My Dose Coach, Selfapy Schmerzen, Vantis KHK und Herzinfarkt, MindDoc, mebix, orthopy sowie actensio. Außer bei M-sense Migräne konnte in keinem einzigen Fall der erprobten DiGA ein verhandelter Preis erzielt werden, da alle keinen positiven Versorgungseffekt nachweisen konnten. Trotzdem entstanden der GKV im ersten Aufnahmejahr der BfArM-Listung nicht rückforderbare Ausgaben von insgesamt 7,53 Mio. €.

Der Preis für eine DIGA sinkt nach dem Deal mit der GKV deutlich

Zur Erprobung aufgenommene und inzwischen dauerhaft gelistete DiGA (Stand 31.12.2025)

DiGA

Indikationsgebiet

Herstellerpreis

Verhandelter Preis

Preisanpassung

Untire *

Onkologie

618,00 €

240,50 €

–61 %

ProHerz *

Herz-Kreislauf

605,00 €

458,00 €

–24 %

elona therapy *

Psychologie

535,49 €

229,50 €

–57 %

Mindable Phobie **

Psychologie

765,00 €

levidex ***

Nervensystem

2.077,40 €

247,81 €

–88 %

priovi ***

Psychologie

855,82 €

244,00 €

–71 %

Meine Tinnitus App ***

Ohr

449,00 €

260,00 €

–42 %

Novego Depression ***

Psychologie

249,00 €

199,00 €

–20 %

Cara Care

Verdauung

718,20 €

248,00 €

–65 %

Kranus Edera

Urogenital

656,88 €

235,00 €

–64 %

Invirto

Psychologie

620,00 €

220,00 €

–65 %

HelloBetter Schmerz

Psychologie

599,00 €

235,00 €

–61 %

HelloBetter Schlafen

Psychologie

599,00 €

241,25 €

–60 %

Endo-App

Urogenital

598,95 €

235,80 €

–61 %

Mindable Panik

Psychologie

576,00 €

245,50 €

–57 %

Selfapy Depression

Psychologie

540,00 €

217,18 €

–60 %

Selfapy Angst

Psychologie

540,00 €

228,50 €

–58 %

Selfapy Binge-Eating

Psychologie

540,00 €

232,00 €

–57 %

Selfapy Bulimia

Psychologie

540,00 €

232,00 €

–57 %

PINK! Coach

Onkologie

535,50 €

234,50 €

–56 %

zanadio

Stoffwechsel

499,80 €

218,00 €

–56 %

Vitadio

Stoffwechsel

499,80 €    

224,01 €

–55 %

NeuroNation

Psychologie

499,00 €

229,00 €

–54 %

neolexon Aphasie

Nervensystem

487,90 €

223,01 €

–54 %

My7steps App ****

Psychologie

470,05 €

207,00 €

–56 %

Oviva Direkt

Stoffwechsel

445,00 €

220,90 €

–50 %

Smoke Free

Psychologie

389,00 €

231,25 €

–41 %

edupression.com

Psychologie

357,00 €

224,80 €

–37 %

companion patella

Muskel-Skelett

345,10 €

223,49 €

–35 %

NichtraucherHelden

Psychologie

329,00 €

211,00 €

–36 %

Vivira

Muskel-Skelett

239,96 €

206,79 €

–14 %

Novego Angst

Psychologie

219,98 €

189,00 € *****

–14 %

Kalmeda

Ohr

203,97 €

189,00 €

–7 %

Mawendo ***

Muskel-Skelett

119,00 €*****

Quelle: GKV-Spitzenverband, DiGA-Bericht 2025
Preise für Erstverordnungen und 90 Tage Anwendungsdauer; jeweils höchster Herstellerpreis
*) Preis lt. DiGA-Verzeichnis am 9.4.2026 
**) Es liegt noch kein verhandelter Preis vor. 
***) Preis für Einmallizenz 
****) 60 Tage Anwendungsdauer
*****) Herstellerpreis unterhalb des Schwellenwerts → keine Preisvereinbarung erforderlich

Von 60 zunächst zur Erprobung aufgenommenen DiGA haben 34 (57 %) die dauerhafte Aufnahme erfolgreich erreicht. Die durchschnittliche Erprobungsdauer betrug 20 Monate. Der durchschnittliche Herstellerpreis lag bei 538,91 €, der verhandelte Preis im Mittel bei nur 227,28 €. Das bedeutet eine Absenkung um durchschnittlich 51 %.

Bis zum 31. Dezember 2025 wurden 82 % der im gesamten Berichtszeitraum ausgegebenen Freischaltcodes eingelöst, 18 % blieben ungenutzt. Die Mehrheit der Patientinnen und Patienten, die eine DiGA freischalten, nutzt diese nach der vorgesehenen Anwendungsdauer von in der Regel 90 Tagen nicht erneut (83 %). 17 % der Versicherten erhalten eine oder mehrere Folgeverordnungen.

Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung verweist auf eine Umfrage des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte, wonach der Anteil der Personen, die ihre DiGA bis zum Verschreibungsende nutzten, von 58 % im Jahr 2023 auf 75 % im Jahr 2025 wuchs. 2025 betrug der Anteil der weiblichen DiGA-Nutzerinnen 77 %, was dem Niveau der vorhergehenden vier Jahre entsprach. Bei der Altersverteilung hatte die Gruppe der 50- bis 64-Jährigen mit 40 % im Jahr 2025 den größten Anteil.

Sparvorschlag der Finanzkommission Gesundheit

Die vom BMG eingesetzte Finanzkommission zur Stabilisierung der GKV-Finanzen schlägt bei DiGA als kurzfristig wirksame Sparmaßnahme vor:Streichen der Erprobungsregelung und der Herstellerpreisfreiheit im ersten Jahr. Beginn der Erstattung von DiGA erst nach Vereinbarung des Erstattungsbetrags. Effekt ca. 6 Mio. € im Jahr 2028.

Einführen von Zuzahlungen für die Anwender – entweder 10 % des DiGA-Preises oder ähnlich wie für Heilmittel 10 % des Preises plus 15 € pro Verordnung bzw. Folgeverordnung. Effekt: 7–12 Mio. € jährlich ab 2027.

Michael Reischmann

Michael Reischmann

Stellvertretender Chefredakteur Medical Tribune
Michael Reischmann arbeitet seit dem Jahr 2000 für Medical Tribune in Wiesbaden. Er leitet das Ressort Politik & Management und ist stellvertretender Chefredakteur. Studium der Volkswirtschaftslehre (Diplom) und Erwachsenenbildung (M.A.). Brennt Ihnen ein gesundheitspolitisches Thema oder eine betriebswirtschaftliches Problem zur Praxisführung auf den Nägeln, das journalistisch aufgegriffen werden sollte? Melden Sie sich bitte.

Das könnte Sie auch interessieren