Honorarsenkung bei Hausarztvermittlungsfällen: Verbände warnen vor Folgen
Jährlich werden Millionen Facharzttermine von Hausarztpraxen und Terminservicestellen vermittelt, gefördert mit einer Extravergütung. Diese Mittel zu streichen, hält die Ärzteschaft für einen folgenschweren Fehler.
Der Entwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sieht u. a. vor, die Vergütungszuschläge für die Hausarzt-Facharzt-Vermittlung (HAFA) und die TSS-Vermittlungen abzuschaffen. 2027 soll mit den u. a. im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) geregelten Zuschlägen Schluss sein. Denn diese Ausgaben seien kostenintensiv, führten aber nicht zu einer besseren Versorgung, argumentieren Politikberatende, Regierung und Krankenkassen mit Verweis auf die klammen GKV-Finanzen.
Laut einer Umfrage des GKV-Spitzenverbandes mussten 2025 31 % der gesetzlich Versicherten bis zu vier Tage auf einen Facharzttermin warten, 23 % länger als einen Monat. Eine Studie des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung (Zi) zeichnet aber ein anderes Bild.
Hausarztvermittlung bringt schnelle Termine
Fachgruppe | Hausarztvermittlungsfälle Q4/24–Q3/25 | Terminvermittlung bis | ||
4. Tag | 5.-14. Tag | 15.-35. Tag | ||
HNO | 772.313 | 80% | 15% | 4% |
Orthopädie | 608.047 | 64% | 25% | 8% |
Kardiologie | 576.804 | 45% | 34% | 20% |
Radiologie | 523.968 | 56% | 27% | 10% |
Chirurgie | 344.725 | 75% | 16% | 6% |
Hautärzte | 326.342 | 63% | 26% | 10% |
Urologie | 200.764 | 70% | 19% | 8% |
Neurologie | 198.273 | 47% | 32% | 19% |
Pneumologie | 172.390 | 46% | 32% | 20% |
Gastroenterologie | 153.428 | 51% | 30% | 16% |
Alle Fachgruppen | 4.491.089 | 62% | 25% | 11% |
Quelle: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung
Vermittelt werden Menschen mit wahrlich akutem Bedarf
Wie Dr. Sandra Manciapane von der Stabsstelle Grundsatzfragen beim Zi berichtet, wurden in den Quartalen 4/2024 bis 3/2025 fast 4,5 Mio. HAFA-Fälle gezählt (s. Tab.). 62 % wurden innerhalb von vier Tagen vermittelt. In einzelnen Fachgruppen war der Wert noch deutlich höher, z. B. 80 % bei HNO oder 64 % in der Orthopädie. Insgesamt wurden 89 % der HAFA- und 81 % der TSS-Fälle innerhalb von 14 Tagen vermittelt. Es handelt sich vor allem um ältere Menschen bzw. um Erkrankte mit einem höheren und dringenderen Behandlungs- bzw. Abklärungsbedarf als Personen mit regulärem Überweisungsbedarf.
„Man sieht punktuelle Erfolge“, kommentiert Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Ersatzkassenverbandes, die Zi-Zahlen. Doch insgesamt führe die finanzielle Steuerung bei den Vermittlungsfällen nicht zu mehr Zufriedenheit in der Bevölkerung. Auch seien Äußerungen über 30 % geringere ärztliche Einnahmen, weniger Termine und das Drängen von Versicherten in Privatzahlungen kontraproduktiv, sie verunsicherten nur die Bürgerinnen und Bürger, so Elsner.
Sie erinnert an den Sicherstellungsauftrag der Vertragsärzteschaft und Honorarzuwächse von 50 % in den letzten zehn Jahren. 57 Mrd. Euro fließen inzwischen in die ambulante Versorgung. Elsner fragt nach dem Anspruch der Ärzteschaft, die ambulante Versorgung zu gestalten.
Dr. Dirk Heinrich, Chef des Spitzenverbandes Fachärztinnen und Fachärzte (SpiFa), kontert: Es sei polemisch, zu sagen, die KVen würden dem Sicherstellungsauftrag nicht nachkommen und die Ärztinnen und Ärzte wollten nicht versorgen. „Ich bin Arzt, aber auch Unternehmer, meine Praxis muss sich wirtschaftlich tragen, ich muss Gehälter und Miete zahlen.“ In den letzten 20 Jahren habe er in seiner Praxis unbezahlte Leistungen im Wert von zwei Mio. Euro erbracht, weil die Patientinnen und Patienten diese Untersuchungen gebraucht hätten, so der HNO-Arzt.
Weitere Einkommensquellen stärker anzapfen
HAFA und TSS seien die letzten Löcher, durch die Erkrankte schneller an Termine kommen könnten. Werde hier alles budgetiert, auch bislang Extrabudgetäres wie das ambulante Operieren, könne man als Vertragsärztin oder -arzt nicht mehr durch Fleiß und Engagement die Einnahmen steigern. Der Fokus müsse sich dann z. B. auf Gutachten, Selbstzahlerleistungen oder Kliniknotdienste richten. Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik zwinge dazu, die Kassenmedizin zu reduzieren und Sondereinnahmen zu forcieren.
Dr. Dirk Spelmeyer, KV-Chef von Westfalen-Lippe, ist überzeugt davon, dass der Wegfall der TSVG-Vergütung zu einer Verschlechterung der Versorgung führen wird. Das jetzige System sei genau auf die kränkeren Menschen abgestellt. „Diese Patienten werden dann entweder so zum Facharzt gehen oder dahin, wo wir sie nicht haben wollen, in die Ambulanzen der Kliniken.“
HAFA, TSS, offene Sprechstunde und Neupatientenregelung seien eigentlich eine Blaupause für eine künftige primärärztliche Steuerung. Welche Motivation aber sollten Praxen haben, sich daran zu beteiligen, wenn diese Mechanismen gestrichen würden und die Planungssicherheit fehle?