Kliniken sollten mehr ambulant arbeiten
Kleine Kliniken brauchen neue Strategien, findet Prof. Dr. Georg Ertl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Ambulant‑stationäre Versorgungsmodelle könnten helfen, ärztliche Ressourcen besser zu nutzen und Lücken zu schließen.
Überwindung der Sektorengrenzen, Verzahnung ambulant-stationär. Darüber wird seit Jahrzehnten geredet. Wie weit sind wir gekommen?
Prof. Ertl: Wir haben ein Gesundheitssystem, das prinzipiell sehr gut funktioniert. Dies beruht wesentlich auf den haus- und fachärztlichen Praxen. Krankenhäuser haben eine Infrastruktur, die primär für die stationären Fälle da ist – auch für den schwersten Fall. Die schweren Fälle wird man weiterhin stationär behandeln. Die nicht so schweren könnten ambulant versorgt werden. Doch dann haben die Krankenhäuser ein Finanzierungsproblem. Sie brauchen die leichteren Fälle. Für Kliniken ist es allerdings extrem schwierig, für das gleiche Geld dasselbe wie die Niedergelassenen zu leisten. Doch sie stellen sich Schritt für Schritt um.
Das passiert mithilfe der Hybrid-DRGs.
Prof. Ertl: Ja, durch die Hybrid-DRG findet ein Aufweichen der Sektorengrenze statt. Das ist aber nicht so einfach. Es geht ja nicht nur um aufwendige Diagnostik, sondern auch um die normale fachärztliche Versorgung. Das wird in den Städten, die „versorgungsüberdüngt“ sind, kein Problem sein. Aber in ländlichen Regionen werden irgendwann die Fachärztinnen und -ärzte knapp werden. Dann stellt sich die Frage, ob nicht das Krankenhaus, das aufgrund der neuen Gesetzgebung bestimmte Leistungsgruppen nicht mehr zugeordnet bekommt, mit seinen Fachärztinnen und -ärzten viel von der normalen fachärztlichen Versorgung übernehmen kann. In anderen Ländern ist das gang und gäbe.
Muss es denn ein Krankenhaus sein? Reicht nicht ein Zentrum, an dem mehrere eigenständige Anbieter verfügbar sind?
Prof. Ertl: Muss nicht, aber es könnte. Es darf jedenfalls nicht so sein, dass alles, was Geld bringt, in angesiedelten Praxen gemacht wird und das Krankenhaus von der öffentlichen Hand finanziert werden muss. Man muss sich schon überlegen, wie das zusammengeht.
Zumal die Neigung der jungen Ärztegeneration, sich irgendwo in der Region niederzulassen, abnimmt. Die Frau ist Ärztin, der Mann arbeitet woanders – das macht die Familienplanung schwierig. Auch wird eine Anstellung dem ökonomischen Risiko einer eigenständigen Praxis vielfach vorgezogen.
Krankenhäuser, die Praxen an ihrem Standort ansiedeln, erhalten sich die Chance, Betten vorzuhalten. Das kann schon der Übergang zu einem „Pflegeheim“ werden. Dafür sind geriatrische Abteilungen vorzuhalten – mit einem relativ dünnen ärztlichen Personalstand. Das kann ich mir als die große Chance für kleine Krankenhäuser vorstellen.
Das ist doch eine der Intentionen der Lauterbachschen Klinikreform gewesen: Krankenhäuser müssen nicht alles anbieten, sie können sich zu einer sektorenübergreifenden Einrichtung entwickeln, die zum regionalen Bedarf passt.
Prof. Ertl: Ja, aber erst auf Drängen und Kommunikation mit der DGIM. Ich habe mich mit einem der Berater, Prof. Christian Karagiannidis, unterhalten und ihm gesagt: „Wenn Karl Lauterbach auf seiner Webseite stehen lässt, dass 30 % der kleinen Krankenhäuser einfach zugemacht werden, kriegt er Feuer unterm Dach. Das kriegt er nie in der Fläche durch.“ Sie haben das geändert und dieses Modell eingefügt – eine sehr vernünftige Reaktion in meinen Augen.
Was erwarten Sie von der Krankenhausreform? Wird es durch Kooperationen und Schwerpunktbildungen zum Abbau von Kliniken kommen?
Prof. Ertl: Ich bin sehr gespannt. Die letzte Kommunalwahl hat deutlich gemacht, dass man als Politikerin oder Politiker sehr aufpassen muss, um nicht bei einer Klinikschließung abgewählt zu werden. Die Bevölkerung will einerseits auf keinen Fall mehr in die Krankenkasse und auch nicht mehr Steuern zahlen. Aber ihr Krankenhaus will sie dennoch behalten. Das heißt: Wasch mir den Pelz, aber mach' mich nicht nass.
Der Rat von Wissenschaft und Krankenkassen an die Versicherten, im Bedarfsfall lieber weiter bis zum qualitativ besseren Krankenhaus zu fahren, zieht also nicht?
Prof. Ertl: Ich glaube, dass es nicht zieht. Es gibt eine emotionale Bindung ans Krankenhaus in der Nähe. Ich denke schon, dass die Leistungsgruppen der richtige Weg zur Umstrukturierung sind. Kleine Krankenhäuser und Landkreise müssen damit zurechtkommen, dass es nicht reicht, wenn ein Chirurg für die Finanzierung künstliche Hüftgelenke einbaut. Das führt zwangsläufig Überversorgung.
Natürlich müssen wir uns auch anschauen, was wir in unserem Gesundheitssystem insgesamt leisten. Das ist schon toll. Jeder kriegt alles, was er wirklich braucht – und dennoch jammern die Leute, wenn sie beim Kardiologen für eine Vorsorgeuntersuchung Wartezeit haben. Warum?
Was macht eine Fachgesellschaft wie die DGIM eigentlich, wenn eine Gesetzesreform, etwa im Klinikbereich, ansteht? Sie haben erwähnt: Sie reden mit politisch Beteiligten. Es gibt Arbeitsgruppen und Positionspapiere.
Prof. Ertl: Wir haben zum Beispiel die Kommission Struktur der Krankenversorgung. Sie verfasst Stellungnahmen. Wir haben auch mal ein Gespräch mit einem Staatssekretär im Gesundheitsministerium oder wir wenden uns an den Gesundheitsausschuss des Bundestages. Während der Ampelperiode war dort der Internist Prof. Dr. Andrew Ullmann für die FDP vertreten. Jetzt ist für die CSU der Kardiologe Prof. Hans Theiss im Gesundheitsausschuss. Das ist die eine Seite. Wir vertreten natürlich auch die Innere Medizin in der Bundesärztekammer. Sie ist ein wichtiges Gremium und wird für viele Belange gehört. Die Leopoldina ist ebenfalls ein politisches Sprachrohr.
Ich habe unserer Pressestelle gesagt: Wir müssen mal überprüfen, was von unseren Botschaften wo ankommt und wie sie umgesetzt werden. Bei vielen Dingen sind wir erfolgreich, bei anderen nicht.