O-Ton Innere Medizin, Folge 57

Paradigmenwechsel für die Zukunft

BÄK-Präsident, Sachverständigenratschef und DGIM-Vorsitzende zum Reformdruck
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„Wo stößt die Versorgung an ihre Grenzen undwas muss sich ändern, damit die Medizin auch künftig wirksam und bezahlbar bleibt?“ Mit dieser Frage – und weiteren „Paradigmenwechseln“ – wird sich der 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im April beschäftigen. Vorab fand ein hochkarätiger Austausch im Podcast O-Ton Innere Medizin statt.

© Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel
Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel
© Prof. Dr. Michael Hallek
Prof. Dr. Michael Hallek
© Dr. Klaus Reinhardt
Dr. Klaus Reinhardt

Die diesjährige DGIM-Jahrestagung in Wiesbaden steht unter dem Eindruck dringlicher Reformnotwendigkeiten und der Vorschläge, Einnahmen und Ausgabender gesetzlichen Krankenkassen für längere Zeit in Einklang zu bringen. DGIM-Vorsitzende und -Kongresspräsidentin Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel sieht auch die Ärzteschaft in der Verantwortung, wenn es um den zielgerichteten Einsatz von Ressourcen geht. Ärztinnen und Ärzte sollen evidenzbasiert handeln und keine Versorgung nach dem Gießkannenprinzip betreiben. In Ländervergleichen mit harten Endpunkten wie dem Überleben beeindrucken die deutschen Kennzahlen trotz hoher Ausgaben nicht.

Mit besserer Prävention die Reparaturmedizin vermeiden

„Die Innere Medizin ist prädestiniert, Antworten zu entwickeln“, meint die Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen. Wissenszuwachs und technologischer Fortschritt fänden rasant und multidimensional statt. Prof. Führer-Sakel rät, mehr in wirkungsvollere Präventionsmaßnahmen zu investieren, bevor teure Reparaturmedizin nötig wird.

Wo im System könnte Geld besser genutzt werden? Bei den großen Kostenblöcken stationäre Versorgung und Arzneimittel, meint Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Uniklinik Köln, Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit und Pflege sowie Vorsitzender des Wissenschaflichen Beirats der Bundesärztekammer. Generell sollte allerdings versucht werden, in allen Bereichen gleich zu sparen. „Dann kann sich keine Gruppe beschweren, dass es der anderen besser geht.“

Eine riesige Effzienzquelle wäre eine effziente Digitalisierung, sagt der Onkologe. „Nur haben wir da diverse Probleme mit Langsamkeit, Datenschutz, aber auch einer gewissen Weigerung mancher Arztgruppen, sich in diesem Gebiet proaktiv zu betätigen, weil das natürlich Schutzräume sind.“ Zudem hätten Krankenhaus- und Praxissofwarehersteller Interesse an möglichst unterschiedlichen Angeboten ohne offene Schnittstellen. Wenn der „vollständige Datensatz zu uns kommt, ohne dass wir ihn beschaffen müssen“, würde das jährlich Abertausende Arbeitsstunden einsparen, so Prof. Hallek.

Bundesärztekammerpräsident Dr. Klaus Reinhardt, Allgemeinarzt und Vorsitzender des Hartmannbundes, hat 2026 zu einem „Schlüsseljahr“ fürs deutsche Gesundheitswesen ausgerufen. Er ist überzeugt, dass endlich die Notfallgesetzgebung zustande kommt, die Krankenhausreform vorangebracht wird und die Rahmenbedingungen für eine Primärversorgungsstruktur gesetzt werden. „2027 werden wir schon Ergebnisse dieser Maßnahmen beobachten können.“

Da das Thema Gesundheitswesen und soziale Sicherungssysteme von „extremistischen Parteien“ in erheblicher Weise instrumentalisiert werde, sei es wichtig, politisch zu zeigen, wie das Ganze finanzierbar gestaltet werden kann. Auch Dr. Reinhardt plädiert dafür, dass Sparmaßnahmen „über das gesamte System hin Wirksamkeit entfalten“ müssen, also „nicht einzelne Gruppen überproportional belastet werden“.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) werde in den nächsten Monaten viel Rückendeckung aus dem Kabinett und dem Kanzleramt brauchen. Aber die Erledigung der „großen Aufgaben“ sei alternativlos. „Die normative Kraft des Faktischen wird wirken.“ Vor dem Hintergrund der Debatte über die Resilienz und Krisenfestigkeit der Einrichtungen im Gesundheitswesen geht Dr. Reinhardt auch davon aus, dass „wir lernen werden, schlanker zu werden und manches abzuwerfen, was wir uns im deutschen Hang des Overengineerings an Regulatorik oder Dokumentationsverpflichtungen auferlegt haben“.

Wissenschaftliche Politikberatung funktioniert

„Wie können wir unser Gesundheitswesen nach Qualität steuern?“ Der Beantwortung dieser Frage widmet sich der Sachverständigenrat Gesundheit und Pflege. Welche Anreize und Strukturen müssen bestehen, damit Leistungen nicht aus finanziellen Gründen in die Menge gehen, sondern tatsächlich qualitätsorientiert erbracht werden. Das sei „ein dickes Brett“, sagt Prof. Hallek. Allerdings hat er in den Jahrzehnten, in denen er als Wissenschaftler Politikberatung betreibt, durchaus gute Erfahrungen gemacht. Die Gesetzgebung wurde mitgestaltet. „Wir haben das Privileg, dass wir nicht wiedergewählt werden müssen. Wir können leicht fordern, können leicht Vorschläge machen.“ Aber manche Entscheidungen ließen sich nun mal im demokratischen Ringen nicht ohne Weiteres durchsetzen. In der aktuellen schwierigen Situation wünscht er sich allerdings mehr Mut der Verantwortlichen.

Das betrifft beispielsweise die sektorenübergreifende Versorgung, die auch eine Perspektive für Krankenhäuser bietet, aber auch den Fachkräftemangel. Zwar ist interdisziplinäre Teamarbeit gern gesehen und wird in Kliniken wie Praxen praktiziert. Allerdings warnt Prof. Hallek vor der Gefahr, dass „neue Silos“ entstehen, „also neue Sektoren und immer mehr Schnittstellen, wenn jede Berufsgruppe versucht, sich möglichst eigenständig und unabhängig von der anderen im Gesundheitswesen zu positionieren.“

Tatsächlich sind die praktischen Erfahrungen mit Assistenzberufen bislang überwiegend positiv. In ihrem Fachgebiet, der Diabetesbehandlung, ist Teamarbeit schon langegelebte Praxis – und zwar in der Primärversorgung wie in spezialisierten Zentren, betont Prof. Führer-Sakel. Die Entscheidungshoheit bleibe stets bei der Ärztin oder dem Arzt. „Aber das Team mit all den Expertisen macht den Gesamtgewinn in der Patientenversorgung aus. Wir brauchen das viel mehr in der Medizin.“

Was man auf dem Kongress nicht verpassen sollte

Was die Podcastgäste zur vermehrten Delegation ärztlicher Leistungen sagen und welche heißen Tipps Prof. Führer-Sakel für die Kongressteilnahme vom 18. bis 21. April in Wiesbaden hat, hören Sie in der neuen Folge von O-Ton Innere Medizin.

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O-Ton Innere Medizin  ist der Podcast für Internist:innen. So vielfältig wie das Fach sind  auch die Inhalte. Die Episoden erscheinen alle 14 Tage donnerstags auf  den gängigen Podcast-Plattformen. Kontakt zur Redaktion: o-ton-innere-medizin@medtrix.group

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