O-Ton Innere Medizin, Folge 56

Paradigmenwechsel in der Weiterbildung – Was die nächste Ärztegeneration wirklich braucht

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Ob alltagsferne Richtzahlen oder fehlende Finanzierung: Die internistische Weiterbildung in Deutschland hat Nachbesserungsbedarf. In einer neuen Podcastfolge sprechen zwei Ärztinnen der AG Junge DGIM darüber, was man vom EU-Ausland lernen kann.

Ob alltagsferne Richtzahlen oder fehlende Finanzierung: Die internistische Weiterbildung in Deutschland hat Nachbesserungsbedarf. In einer neuen Podcastfolge sprechen zwei Ärztinnen der AG Junge DGIM darüber, was man vom EU-Ausland lernen kann.

Morgens, irgendwo in Dänemark: In einer Frühbesprechung erzählt ein Assistenzarzt von einem Fehler. Nicht unter vier Augen oder im Flüsterton, sondern vor dem Team. Drei bis fünf Minuten dauert das Ganze, dann geht es weiter. Dr. ­Johanna Brägelmann, Fachärztin für Innere Medizin am Universitätsklinikum Essen, hat dieses Ritual während ihres PJ-Tertials in Dänemark erlebt. Sie wünscht sich in Deutschland eine ähnlich selbstverständliche Fehlerkultur.

In einer neuen Folge des Podcasts O-Ton Innere Medizin diskutiert sie mit Dr. Irmengard Meyer, Ärztin in Weiterbildung am St. Bernward Krankenhaus Hildesheim, wie zeitgemäß die internistische Weiterbildung hierzulande ist. Beide Ärztinnen sprechen für die AG Junge DGIM der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Es laufe bei Weitem nicht alles schlecht in der Weiterbildung, sind die beiden sich einig. Aber Luft nach oben gebe es durchaus.

Ein Beispiel: Die Weiterbildungsordnung fordere teils hohe Richtzahlen für bestimmte Untersuchungen, etwa Koloskopien. Die Umsetzung scheitere oft schlicht am Stationsalltag. „Die wenigsten kriegen es hin, weil es auch nicht ermöglicht wird“, sagt Brägelmann. Hilfreicher wären realistische Richtzahlen, die dann auch verbindlich zu erreichen sind. Wenn Druck entsteht – beispielsweise durch Personalengpässe –, ist Weiterbildung das Erste, das hinten runterfällt. Dr. Meyer ergänzt: „Es ist keine Zeit mehr, es ist keine Kapazität mehr da, sich dem zu widmen.“

Dahinter steckt ein Strukturproblem: In Deutschland werde die Weiterbildung nur über den Erlös finanziert, den eine Abteilung selbst erwirtschaftet. Eine eigenständige Finanzierungslinie gebe es nicht. Obwohl es in anderen Teilen der Gesellschaft längst normal sei, dass Bildung Geld kostet, sei der Gedanke im medizinischen Kontext noch immer schwer vermittelbar, kritisiert Dr. Meyer.

Der Blick über die Grenze ist für beide Ärztinnen eine Werkzeugkiste. In Island etwa, berichtet Brägelmann aus Gesprächen im Rahmen eines Austauschs, werden Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten stärker supervidiert. Das bedeutet: doppelte Besetzung, steilere Lernkurve, schneller selbstständig arbeitende Ärztinnen und Ärzte, aber auch einen höheren finanziellen Aufwand.

Wie gut sind die Sektorenmiteinander verknüpft?

In den Niederlanden und Portugal ist die Versorgung durch spezialisierte niedergelassene Fachärztinnen und Fachärzte weniger ausgeprägt. Viele Behandlungen laufen über die Ambulanzen der Kliniken – was bedeutet, dass der fließende Übergang zwischen stationärer und ambulanter Versorgung bereits in der Weiterbildung gelernt wird. Für Dr. Meyer ein Modell, das zumindest zum Nachdenken einlädt, gerade angesichts der strikten Sektorentrennung in Deutschland.

Apropos Strukturen: Die Anforderungen an Chefärztinnen und Chefärzte halten die beiden Internistinnen für bemerkenswert umfangreich. Medizinische Exzellenz, Budgetverantwortung, Personalführungskompetenz, wissenschaftlicher Erfolg – all diese Ansprüche werden in einer Stelle vereint. „Das ist fast einzigartig im Vergleich mit anderen Berufen“, sagt Dr. Brägelmann.

Positiv hebt sie hervor, dass in vielen Kliniken inzwischen Mitarbeitergespräche zwischen Weiterbildenden und Weiterzubildenden etabliert sind. Erfreulich sei auch das persönliche Engagement zahlreicher Ärztinnen und Ärzte, die sich trotz Widrigkeiten um eine gute Versorgung und eine gute Lehre bemühten. Hinzu kämen gezielte Programme wie die Führungskräfteakademie der DGIM oder die Autumn School, die Führungskompetenzen vermitteln. Und nicht zuletzt hätten sich die Dienstregelungen in den letzten Jahren entwickelt – etwa durch monatliche Begrenzungen der Dienstlast, erstritten vom Marburger Bund.

© Dr. Irmengard Meyer
Dr. Irmengard Meyer
© Dr. Johanna Brägelmann
Dr. Johanna Brägelmann

Dr. Johanna Brägelmann, Fachärztin für Innere Medizin am Universitätsklinikum Essen, und Dr. Irmengard Meyer, Ärztin in Weiterbildung am St. Bernward-Krankenhaus Hildesheim teilen ihre Perspektive auf eine Weiterbildung. Sie diskutieren, warum Richtzahlen oft an der Realität des Klinikalltags vorbeigehen, was Deutschland von Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden lernen könnte und welche Rolle eine offene Fehlerkultur für die ärztliche Entwicklung spielt. Auch die elektronische Patientenakte kommt zur Sprache.

Zur Homepage der Jungen DGIM.

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