Wie Klimawandel und Lebensstil die Allergiewelt verändern
Der Klimawandel und neue Ernährungsgewohnheiten verändern die Allergologie spürbar. Bei der Anamnese muss daher genau hingehört und nachgefragt werden. Welche Allergieauslöser werden wichtiger?
Ein bekanntes Beispiel für Neophyten, die vom Klimawandel profitieren ist Ambrosia. Anders als befürchtet zeigt sie bisher noch einen geringen Pollenflug, erklärte Prof Dr. Regina Treudler von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Aber Achtung: Es sind weniger Pollen in der Luft nötig, um eine Allergie auszulösen“, warnte die Expertin. „Die Pollen sind auch sehr klein und geraten schnell in die Lunge, so dass frühzeitig ein Asthma ausgelöst werden kann“. Das Hauptallergen Amb a 1 zeigt zudem eine Kreuzreaktivität mit dem Beifuß. Den Götterbaum (Ailanthus altissima) haben dagegen wahrscheinlich weniger Menschen auf dem Schirm. Er blüht in etwa parallel zur Gräsersaison. In einer Erhebung aus Leipzig zeigten 43 % der Untersuchten mit einer allergischen Rhinitis eine Sensibilisierung gegen Ailanthus. Und die meisten waren nicht auf mögliche Kreuzallergene sensibilisiert, betonte Prof. Treudler. Der Pollenflug wird nicht routinemäßig bestimmt und es gibt derzeit auch keine Routinediagnostik.
Mediterranes Flair bringt Allergiepotenzial
Zu den weiteren Pflanzen mit „neuen“ inhalativen Allergenen gehörte laut einer nordrhein-westfälischen Studie das dürreresistente Bermudagras (Cynodon dactylon, 42 % Sensibilisierung), bei dem eine hohe Kreuzreaktivität von Cyn d 1 mit Phl p 1 , dem Lieschgras-Allergen, vermutet wird. Auch die Olive (Olea europaea) könnte ein relevanter Faktor werden. In der Studie hatten 19 % eine Sensibilisierung auf Ole e 1 (7 % mit positiven Pricktest). Es besteht eine Kreuzreaktivität mit Esche.
Wie Fleischersatzprodukte neue Nahrungsmittelallergien fördern
Leguminosen enthalten potente Allergene, die vielfach hitzestabil sind. Vertreter wie Soja, Lupine, Erbse, Linse und Kichererbse gewinnen allergologisch an Relevanz, da sich immer mehr Menschen vegan oder vegetarisch ernähren. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor sind in diesem Zusammenhang Fleischersatzprodukte: Auf Soja basieren z. B. Tofu, Tempeh und Natto, bei letzterem könnte auch die Nattokinase wichtig werden. Davon abzugrenzen sind Reaktionen auf Seitan, ein Produkt aus Weizengluten (oft als Geflügelersatz), erinnerte die Referentin. Lupine ist nach Erdnuss und Soja der dritthäufigste Auslöser bei den Hülsenfrüchten im Anaphylaxieregister, Lupinenmehl wird als Streckmittel in vielen Nahrungsmitteln eingesetzt und kann u. a. in Mehl, Nudeln, Milch, Aufstrichen und in Fleischersatz vorkommen. Ein ähnliches Einsatzgebiet zeigt sich auch für Erbsenmehl (vierthäufigster Auslöser).
Auch die Jackfrucht (Artocarpus heterophyllus) wird als Fleischersatz verwendet. Es gibt sowohl bei Birkenpollensen- als auch bei latexassoziierten Sensibilisierungen die Möglichkeit einer Kreuzreaktivität. Ein Vorteil in Bezug auf Bratlinge etc. ist allerdings die Hitzeinstabilität des Jackfrucht-Allergens.
Cashew rückt bei Kindern stärker in den Fokus
Vor allem bei Kindern kommt es laut europäischen Anaphylaxieregister zunehmend zu Reaktionen auf Cashew. Zwischen 2007 und 2024 standen 23 % der knapp 6.000 lebensmittelinduzierten Reaktionen mit Cashew in Zusammenhang. „Auch hier spielt sicherlich die zunehmend vegetarische Ernährung eine Rolle“, so Prof. Treudler.
Von den Inhaltsstoffen der von der Lebensmittelindustrie gepriesenen Superfoods (z. B. Granatapfel, Moringa, Spirulina, Goji-Beere) sollen zwar manche besonders gesund sein, sie können aber auch sensibilisieren. Bisher gibt es allerdings nur kasuistisch anaphylaktische Reaktionen. Das allergische Potenzial könnte aber auch oft unterschätzt werden.
Insektenprotein zwischen Innovation und Allergierisiko
Wird Lebensmitteln wie Backwaren, Nudeln, Suppen, Soßen, Süßwaren oder Fertiggerichten Insektenprotein zugesetzt, muss das in Deutschland gekennzeichnet werden. Zugelassen sind Mehlkäfer/-wurm (Tenebrio molitor), Wanderheuschrecke (Locusta migratoria), Hausgrille (Acheta domesticus) und Buffalo-Wurm (Alphitobius diaperinus). Allergologisch sind vor allem potenzielle Kreuzreaktionen bei Milbenallergikern und Menschen mit Krustentierallergie von Bedeutung. Tropomyosin, das Hauptallergen bei Hausstaubmilben (HSM) ist z. B. auch beim Mehlwurm und anderen Insekten vorhanden. Laboruntersuchungen konnten bei einem Fünftel von knapp 650 Personen mit HSM-Exposition eine IgE-Sensibilisierung gegenüber mindestens einem Insektenextrakt nachweisen. Die klinische Relevanz wird derzeit untersucht. Bei Menschen mit klinisch relevanter Schalen-Krustentierallergie zeigte sich bei 27 von 32 eine serologische Sensibilisierung auf essbare Insekten. Eine orale Provokation bei 16 von ihnen führte in sechs Fällen zu Urtikaria und bei einer Person zu einer Atemnot.
Wie gefährlich sind die neuen Hornissen?
Die Asiatische Hornisse (Vespa velutina nigrithorax) ist im direkten Vergleich etwas kleiner als die heimische Hornisse und insgesamt deutlich dunkler gefärbt.
Nach vielen Hornissenstichen ist ein Nierenversagen möglich, allerdings nicht aus allergischen Gründen, sondern aufgrund der Toxizität des Gifts, erklärte Prof. Treudler. Obwohl die Asiatische Hornisse (Vespa velutina nigrithorax) als aggressiver gilt, besteht im Vergleich zur heimischen Art Vespa crabo kein erhöhtes Stichrisiko, fügte Prof. Dr. Thilo Jakob von der Justus-Liebig-Universität in Gießen hinzu. Allerdings bauen Asiatische Hornissen sehr große, frei hängende Nester. Das macht ein Zusammentreffen wahrscheinlicher. Und wenn sie gestört werden, erweckt ein Schwarm von ca. 1.000-2.000 Tieren einen aggressiveren Eindruck.
Wie Prof. Treudler erklärte, können die Hauptallergene der Asiatischen Hornisse noch nicht routinemäßig bestimmt werden. Sie weisen aber eine hohe Kreuzreaktivität mit den Wespenvarianten von Vesp v 1 und Vesp v 5 auf. Es gibt zwischen den Allergenen der beiden Hornissenarten und zu denen der Wespe eine hohe Ähnlichkeit, ergänzte Prof. Jakob. In den meisten Fällen kann man daher bei einer vermuteten Hornissengiftallergie davon ausgehen, dass die primäre Sensibilisierung auf Wespengift erfolgte. Ähnlich verhält es sich mit Hummeln und Bienen, bei denen auch eine Sensibilisierung auf Letztere wahrscheinlicher ist. Gleichzeitig sollte anamnestisch berücksichtigt werden, dass Patientinnen und Patienten Tiere auch falsch zuordnen. Es ist daher ratsam, für die Identifikation Fotos zu nutzen.
Die gute Nachricht für Betroffene: Insgesamt zeigt eine Allergen-Immuntherapie bei Wespen- oder Bienengiftallergie eine sehr gute Effektivität. Bei Wespen lässt sich eine fast vollständige Protektion (99,6 %) erreichen, für die Biene liegt der Wert nur etwas darunter (95,4 %).