O-Ton Allgemeinmedizin, Folge 77

Zwischen Pandemie und Gewalt: als junger Arzt in Äthiopien

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„Einfach mal machen“, sagt der Internist Yannik Eggers in der neuen Folge von O-Ton Allgemeinmedizin über Auslandsaufenthalte für junge Medizinerinnen und Ärzte. Seine Erfahrungen drehen sich insbesondere um Einsätze in Low- and Middle-Income Countries – und darum, was man vor dem „Einfach machen“ unbedingt überlegen sollte.

© privat
Yannik Eggers

Januar 2020, irgendwo über dem Indischen Ozean: Yannik Eggers, Internist, Tropenmediziner und Infektiologe, scrollt durch die Nachrichten auf seinem Smartphone. Ein paar Fälle von Atemwegserkrankungen in China, steht da. Wenige Stunden später landet er in Äthiopien, 200 Kilometer südlich von Addis Abeba, in einer Kleinstadt in den Arsi Mountains. Für die nächsten Monate wird er dort in einem Krankenhaus arbeiten, das mit der Uniklinik Düsseldorf kooperiert.

Der klinische Auslandsaufenthalt  wird allerdings zu einer Bewährungsprobe unter Bedingungen, die niemand vorhersehen konnte. Denn nur wenige Wochen nach seiner Ankunft erreicht die Covid-19-Pandemie den afrikanischen Kontinent. Internationale Organisationen ziehen Personal ab, Diplomaten werden zurückbeordert. Eggers und seine Kollegin entscheiden sich zu bleiben. „Wir hatten das Gefühl, dass wir an der Stelle vielleicht auch mehr bewirken können“, erklärt er.

Ein diagnostisches Labor für 10 Millionen Menschen

Was folgt, ist eine Zeit intensiver Arbeit: Die beiden organisieren Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Schutzkittel und schulen Krankenhauspersonal im Umgang mit der neuen Bedrohung. Und sie bauen ein diagnostisches Labor für Covid-19 auf, zeitweise das einzige für eine Einzugspopulation von mehr als 10 Millionen Menschen. „Das hatte ich vorher sicherlich nicht im Sinn“, sagt er rückblickend über die Nachtschichten, in denen er Proben pipettierte.

Parallel zum Pandemiemanagement eskaliert der schwelende Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Volksgruppen in Äthiopien. Eggers erlebt, wie junge Männer in Bussen Richtung Tigray transportiert werden, wie die Militärpräsenz steigt. Eine einmonatige Internetblockade unterbricht jegliche Kommunikation mit dem Ausland, auch Kreditkartenzahlungen funktionieren nicht mehr. Trotzdem bleibt er insgesamt zwei Jahre, länger als ursprünglich geplant.

In Düsseldorf war Eggers Assistenzarzt. In Äthiopien hatte er plötzlich Verantwortung für 25 Mitarbeitende und musste ein größeres Team führen und managen, Projekte koordinieren, mit der Universitätsleitung Strategien diskutieren. Die Rolle, die Ärztinnen und Ärzte im Ausland einnehmen, unterscheidet sich oft fundamental von der in Deutschland, erklärt er dazu. Diese Verantwortung komme oft unerwartet. Es sei dann wichtig sich erst einzuarbeiten, zu verstehen, wie die Organisationsstrukturen funktionieren und welche persönlichen Beziehungen wichtig sind.

Enge Beziehungen vor Ort sind elementar wichtig

Die Einbindung in die örtlichen Strukturen sei überhaupt entscheidend gewesen. Der junge Arzt wurde zu äthiopischen Festlichkeiten eingeladen, pflegte enge Beziehungen zu Kollegen aller Religionen, fühlte sich stets willkommen. „Morgens, mittags, abends gab es Injera“, erzählt er über die typisch äthiopische Küche, „das ist ganz anders, als wenn man als Tourist zu einem Touristen-Hotspot reist.“

Wichtig sei es, lokal mit den Gebräuchen in Einklang zu leben und die Gastfreundschaft des Gastlandes zu respektieren. Und auch zu verstehen, dass es vor Ort viele sehr gut ausgebildete Kolleginnen und Kollegen, denen es lediglich an bestimmten Ressourcen mangele. In diesem Zusammenhang warnt der Tropenmediziner auch auch vor White Saviorism, der Vorstellung, man könne in ein paar Monaten die Welt retten. „Man muss sich immer der Grenzen seines Wirkens bewusst sein“, betont er.

Was braucht man für einen solchen Einsatz?

Was jemand mitbringen sollte, der einen solchen Einsatz plant? Eggers nennt drei Dinge: Neugier und Offenheit für neue Situationen, die Bereitschaft, das eigene Handeln zu hinterfragen und kontextsensitive Lösungen zu akzeptieren, und schließlich den Mut, einfach loszugehen. „Dabei lernt man dann am meisten und erlebt auch am meisten“, sagt Eggers, der in der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und globale Gesundheit den Ausschuss Junge DTG leitet.

Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, wie man einen Auslandsaufenthalt konkret vorbereitet, welche administrativen Hürden zu meistern sind und welche Rolle Vorbereitungsseminare spielen, dann hören Sie unsere neue Folge von Oton Allgemeinmedizin. Eggers gibt außerdem Einblicke in die Zusatz-Weiterbildung Tropenmedizin, erklärt, welche Anlaufstellen und Organisationen es gibt, und warum die Legalisierung von Dokumenten Monate dauern kann.

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