Was Teammedizin kann und wohin sie führt
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Physician Assistants, Primary Care Manager, VERAH – nichtärztliche Fachkräfte übernehmen immer mehr Aufgaben in der Hausarztpraxis. Was das für Praxisorganisation, Haftung und Honorierung bedeutet, erklärt Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes.
Es gibt einen Moment, den Prof. Buhlinger-Göpfarth noch gut in Erinnerung hat: Als ihre Physi-cian Assistant (PA) in der HÄPPI-Praxis zum ersten Mal im weißen Kittel mit Stethoskop vor ihr stand und ankündigte, jetzt Sprechstunde zu machen – da musste die Hausärztin aus Pforzheim kurz schlucken. „Das war schon ein Rollenwechsel, etwas Neues, Ungewohntes“, erzählt sie rückblickend in der neuen Folge des Podcasts O-Ton Allgemeinmedizin. Heute ist ihr Urteil eindeutig: „Es ist gut geworden.“
In Prof. Buhlinger-Göpfarths Praxis arbeiten neben ihr zwei Hausärztinnen, Ärztinnen in Weiterbildung, eine PA, eine Studierende des Studiengangs Primary Care Management (PCM) sowie vier Medizinische Fachangestellte (MFA), darunter eine VERAH. Die PA übernimmt z. B. die Infektsprechstunde und technische Leistungen wie den Schilddrüsenultraschall. „Das entlastet uns Ärztinnen – und die Patientinnen und Patienten nehmen es hervorragend an“, berichtet sie.
Den Unterschied zwischen PA und PCM sieht die Allgemeinärztin pragmatisch: Das PA-Studium sei etwas klinischer ausgerichtet, PCM lege den Fokus stärker auf das Praxismanagement und die Hausarztpraxis. Am Ende aber sei die Person entscheidend, nicht der Titel. Delegation sei in höchstem Maße ein Vertrauensthema.
Karriereweg für MFA zieht im Einstellungsgespräch
Die Delegation beginne nicht erst bei der Sprechstunde, sondern schon am Telefon, wenn eine MFA entscheiden muss, ob Fieber mit Nackenstarre sofort behandelt werden muss oder ob ein grippaler Infekt bis morgen warten kann. „Das machen wir seit Jahren. Dafür brauche ich auch keine Listen.“
Der HÄV hat mit seinen Angeboten zur Weiterqualifizierung strategisch gehandelt: Wer als MFA einsteigt, kann sich zur „Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis“ fortbilden und anschließend ein PCM-Bachelorstudium absolvieren. „Wir haben damit einen Karriereweg aufgezeigt“, so Prof. Buhlinger-Göpfarth. Dass sie zuletzt eine neue MFA nur gewinnen konnte, weil sie ihr genau diesen Weg in Aussicht stellen konnte, wertet sie als Beleg dafür, dass das Konzept wirkt.
Veranstaltungen zeigen ein dauerhaftes Interesse an den Fragen „Was darf eigentlich delegiert werden – und wer haftet?“. Prof. Buhlinger-Göpfarth plädiert für einen Delegationsrahmen statt starrer Kataloge. „Es ist nicht immer gut, die Dinge bis ins kleinste Detail zu regeln – das nimmt Freiheit, legt fest und ist bürokratisch.“ Der Verband hat ein großes Versicherungsunternehmen befragt: Demnach sind PA und PCM als Teil des ärztlichen Teams in der Haftpflicht eingeschlossen. Andere Versicherer dürften das vermutlich ähnlich handhaben, was aber jeweils abzuklären sei.
Wird die Honorierung zum Bremsklotz der Teammedizin?
Fachgesellschaften könnten gemeinsam mit Berufsverbänden Orientierungsrahmen entwickeln. Der HÄV arbeite an SOPs (Standard Operating Procedures), die zeigen, wie eine Sprechstunde anhand von Leitsymptomen organisiert werden kann. Rechtlich bindend seien diese nicht, aber sie gäben Sicherheit im Praxisalltag.
Das vielleicht größte Hemmnis für die Ausweitung der Delegation liegt im Abrechnungssystem. Im EBM ist die persönliche Leistungserbringung – der Arzt-Patienten-Kontakt – zentral. Der HÄV entwickelt in seinen HzV-Verträgen dieses Element weiter: zum Praxis-Patienten-Kontakt, bei dem es keine Rolle mehr spielt, wer im Team versorgt oder ob die Interaktion in Präsenz oder digital stattfindet. Prof. Buhlinger-Göpfarth ist skeptisch, ob im EBM dieser Wandel zeitnah vollzogen wird. „Im Bewertungsausschuss wird der GKV-Spitzenverband sagen: Die Leistung macht jetzt nicht mehr der Arzt, dann zahlen wir die Hälfte.“
Eine Studie der Stiftung Bertelsmann ergab, dass eine Praxis durch Delegation ihre Versorgungskapazität mindestens verdoppeln kann – ein Argument, das auch in der Politik verfängt. Schließlich sind bundesweit ca. 5.000 Hausarztsitze unbesetzt. Bis 2030 werden weitere 3.200 zusätzliche hausärztliche Vollzeitäquivalente gebraucht. Diese Lücke könnte mit PA, PCM & Co., mehr Delegation und cleverer Digitalisierung geschlossen werden.
In acht Monaten mehr als 60 HÄPPI-Praxen aufgebaut
Dem Verband ist es gelungen, in Baden-Württemberg innerhalb von acht Monaten über 60 HÄPPI-Praxen aufzubauen – ein Tempo, das die HÄV-Chefin stolz macht. Zum Vergleich: Österreich habe für die Etablierung von rund 160 Primärversorgungseinheiten zehn Jahre und massiven gesetzgeberischen Aufwand benötigt. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz habe es HÄPPI als zukunftsfähiges Konzept in die Koalitionsverträge der Landesregierungen gebracht.
Wie mag die typische Hausarztpraxis in zehn Jahren aussehen? Interprofessionell, hybrid, digital. Mit Partnern wie Apotheken, Kliniken, aus der Sozialarbeit – aber ohne Fragmentierung. Gesteuert durch Hausärztinnen und -ärzte. „Das ist das Beste, was der Resilienz eines Gesundheitssystems passieren kann“, sagt Prof. Buhlinger-Göpfarth.
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