Wie sich dem kognitiven Abbau vorbeugen lässt
Der kognitive Abbau im Alter wird durch etliche Risikofaktoren gefördert. Will man die drohende Demenzlawine aufhalten, gilt es, verstärkt präventiv tätig zu werden – sowohl individuell als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
In Deutschland leiden aktuell ca. 1,8 Millionen Menschen unter einer Demenz. Bis 2050 wird sich diese Zahl voraussichtlich auf bis zu 2,7 Millionen erhöhen. 36 % aller Fälle lassen sich auf zwölf modifizierbare Risikofaktoren zurückführen. Das hat eine Analyse von Daten aus dem repräsentativen Deutschen Alters-Survey ergeben. Bei diesen Faktoren handelt es sich um
geringe Bildung
Hörverlust
hohes LDL-Cholesterin
Diabetes
arterielle Hypertonie
Adipositas
Rauchen
hoher Alkoholkonsum
Bewegungsmangel
soziale Isolation
Depressionen
Sehbehinderung
Die prozentual größte Bedeutung hatten in der Studie Depressionen, Hörverlust, geringe Bildung und Adipositas, schreibt eine Forschungsgruppe um Felix Wittmann vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Universität Leipzig. Sie rechnet vor, dass es im Jahr 2050 bis zu 330.000 Demenzkranke weniger gäbe, wenn man alle oben genannten Einflussgrößen um 15–30 % reduzieren würde.
Psychische Erkrankungen zählen zu möglichen Risikofaktoren für eine Demenz
Neben den gesicherten Risikofaktoren, zu denen auch Schädel-Hirn-Traumata und Exposition gegenüber Luftverschmutzung gezählt werden, stehen weitere die Demenzgefahr beeinflussende Faktoren in der Diskussion. So sprechen Studien dafür, dass Bipolarität und Angststörungen das Risiko erhöhen. Erste, zum Teil aber widersprüchliche Hinweise hat man für einen negativen Einfluss von posttraumatischer Belastungsstörung und Psychosen. Einer niederländischen Arbeit zufolge sollen tägliche Bettliegezeiten von neun oder mehr Stunden sowie häufige Schlafunterbrechungen nachts Exekutivfunktionen und Aufmerksamkeit verschlechtern und mit einem Abbau grauer Substanz einhergehen.
Zwischen Ernährung und Demenzrisiko scheint ebenfalls ein Zusammenhang zu bestehen. So wird z. B. der Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel mit einer erhöhten Demenzgefahr assoziiert. Der negative Effekt könnte u. a. aus dem hohen Kalorien- und Zuckergehalt dieser Produkte sowie dem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren resultieren, mutmaßen Wittmann und sein Team. Ob zwischen Fleischverzehr und kognitivem Abbau eine Relation besteht, ist unklar. Mediterraner Kost wird dagegen vielfach ein protektiver Effekt (s. Kasten) zugeschrieben.
Potenzieller Schutz vor Demenz
Für folgende Faktoren gibt es Hinweise, dass sie sich positiv auf kognitive Fähigkeiten auswirken:
aktive Freizeitaktivitäten bzw. geistig anregende Tätigkeiten (z. B. Rätsel lösen, Spielen, Musizieren, Malen, Museen oder Ausstellungen besuchen)
mediterrane Ernährung, DASH*-Diät
höherer Obst- und Gemüsekonsum
moderater Kaffeekonsum (3–5 Tassen pro Tag)
höhere Lebenszufriedenheit
vorhandenes Lebensziel
Politik könnte Demenzgefahr durch bessere Rahmenbedingungen senken
Aber nicht nur individuelles Verhalten bzw. der eigene Lebensstil beeinflussen das Demenzrisiko, sondern auch Faktoren auf Bevölkerungsebene. Dazu gehören u. a. soziale Ungleichheit, Wohnumfeld (z. B. Wohndichte, Verhältnis Wohn-/Grünfläche, soziale und kulturelle Angebote) oder Lärmbelastung. Die Zusammenhänge sind komplex, nicht unbedingt linear und zudem unvollständig untersucht, schreibt die Autorengruppe. Dennoch, die Politik könnte schon heute die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern, z. B. indem sie für mehr sozialen Zusammenhalt, eine altersgerechte Stadtplanung oder aktivierende Wohnumgebung sorgt. Zudem hätte sie die Möglichkeit, einen gesunden Lebensstil zu fördern, indem sie den Zucker- und Salzgehalt in Lebensmitteln reguliert und Tabakkontrollgesetze verschärft.
Risikofaktor Arbeitsplatz
Ein schnellerer kognitiver Abbau kann Folge sein von:
Exposition gegenüber Magnetfeldern
Exposition gegenüber Pestiziden
erhöhtem Stress
hohen Anforderungen bei geringen Kontrollmöglichkeiten
regelmäßiger Nacht- und unregelmäßiger Schichtarbeit
Was die Modifikation des individuellen Lebensstils angeht, hat die finnische Studie FINGER gezeigt, dass sich die kognitive Leistungsfähigkeit bei älteren Erwachsenen mit erhöhtem Demenzrisiko verbessern lässt. Teilnehmende, bei denen Ernährung, körperliche sowie soziale Aktivitäten optimiert, kardiovaskuläre Risikofaktoren behandelt und die Kognition trainiert wurde, schnitten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe nach zwei Jahren deutlich besser ab. Mehrere Studien bestätigten das, darunter der deutsche AgeWell.de-Trial aus Hausarztpraxen. An ihm nahmen 1.030 Menschen im Alter von 60–77 Jahren mit erhöhtem Demenzrisiko teil. Nach zwei Jahren fand sich eine signifikante Reduktion des kognitiven Abbaus durch eine FINGER-basierte Intervention.
*Dietary Approaches to Stop Hypertension
Wittmann FG et al. Bundesgesundheitsbl 2026; doi: 10.1007/s00103-026-04279-7