Wenn Medikamente selbst zum Problem werden
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Ob Stürze, Verwirrtheit oder Schlafprobleme: Was nach typischen Altersleiden aussieht, kann auf einen Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Arzneimitteln hindeuten. In der neuen Folge des Podcasts O-Ton Innere Medizin erklärt eine Geriaterin, woran sich eine Abhängigkeit erkennen lässt.
Eine Medikamentenabhängigkeit im höheren Lebensalter bleibt häufig unerkannt. Denn anders als bei einer klassischen Suchterkrankung fehlt meist der auffällige klinische Eindruck: Die Patientinnen und Patienten wirken nicht zwingend intoxikiert, agitiert oder wie im Entzug. Stattdessen stehen Stürze, kognitive Einschränkungen, Schlafprobleme oder diffuse Leistungseinbußen im Vordergrund – diese Symptome können jedoch leicht als typische Alterserscheinungen oder Folge einer Grunderkrankung interpretiert werden, so Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan, Direktorin der Klinik für Geriatrie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).
Expertin sieht zunehmendes Abhängigkeitsproblem
Nach Einschätzung der Expertin handelt es sich dabei um ein immer relevanter werdendes Problem: In Deutschland könnten etwa 3 % der Bevölkerung von ärztlich verordneten Medikamenten abhängig sein. Rein rechnerisch stelle sich in einer Hausarztpraxis an jedem Arbeitstag mindestens eine Person mit einem behandlungsbedürftigen Medikamentenmissbrauch oder einer Abhängigkeit vor, erklärt Prof. Müller-Werdan in der aktuellen Folge des Podcasts O-Ton Innere Medizin.
Besonders häufig sind Schmerzmedikamente sowie Schlaf- und Beruhigungsmittel die Auslöser. Benzodiazepine und andere zentral wirksame Substanzen erhöhen beispielsweise die Sturzgefahr und begünstigen kognitive Einschränkungen. Auch Opioide können zu Benommenheit, Konzentrationsproblemen oder verminderter Reaktionsfähigkeit führen. Die diagnostische Herausforderung bestehe darin, Ursache und Wirkung voneinander zu unterscheiden: Ist die Patientin oder der Patient sturzgefährdet, weil eine neurologische oder orthopädische Erkrankung vorliegt? Oder trägt die langjährige Einnahme eines Schlaf- oder Beruhigungsmittels wesentlich dazu bei? Ist eine kognitive Einschränkung medikamentös bedingt oder deutet sie auf eine beginnende Demenz hin?
Prof. Müller-Werdan empfiehlt, ältere Menschen in der Sprechstunde gezielt mit Blick auf eine Abhängigkeit zu befragen, etwa mit diesen Fragen:
Benötigen Sie mittlerweile eine höhere Dosis als früher, um dieselbe Wirkung zu erzielen?
Kreisen Ihre Gedanken im Alltag oft um die Medikation?
Würde Sie die Vorstellung beunruhigen, das Medikament nicht mehr verschrieben zu bekommen?
Wie ein behutsames Vorgehen bei Verdacht auf Abhängigkeit gelingt
Eine defensive Reaktion sei dabei nicht ungewöhnlich, berichtet die Geriaterin. Viele befürchteten, dass ihnen das Medikament unmittelbar entzogen werde. Dabei warnt sie ausdrücklich davor, Medikamente vorschnell abzusetzen: „Die Linderung von Schmerzen ist eine hohe ärztliche Aufgabe.“ Schmerzen und Schlaflosigkeit beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich und bergen per se gesundheitliche Risiken. Daher müsse man zwischen Symptomkontrolle und möglichen Abhängigkeitsrisiken abwägen.
Im ersten Schritt könne es sinnvoll sein, die Dosis nur vorsichtig zu reduzieren. Je nach Wirkstoff und Situation komme auch ein Ausschleichen oder ein Wechsel auf ein anderes Präparat infrage. Entscheidend sei ein schrittweises Vorgehen, bei dem man die Betroffenen mitnimmt. Orientierung gibt ein Leitfaden der Bundesärztekammer, der für verschiedene Medikamentengruppen praxisorientierte Empfehlungen enthält: bit.ly/BAeK-Leitfaden-Medikamentensucht. Welchen Stellenwert ein aktueller und vollständiger Medikationsplan hat, was die Vorteile des sogenannten Brown-Bag-Reviews sind und welche Rolle Angehörige, Apotheken und Pflegeheime bei der Problematik spielen, hören Sie im Podcast.
Mehr zum O-Ton Innere Medizin
O-Ton Innere Medizin ist der Podcast für Internist:innen. So vielfältig wie das Fach sind auch die Inhalte. Die Episoden erscheinen alle 14 Tage donnerstags auf den gängigen Podcast-Plattformen. Kontakt zur Redaktion: o-ton-innere-medizin@medtrix.group