Die Psychologie des Bösen

Einblicke in die Seele von Schwerkriminellen

Interview
|Erschienen am: 
|
Aktualisiert am:
|Lesezeit: 5 Min
Was bringt einen Menschen dazu, zu morden? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Fallanalytiker auch in seinem jüngsten Buch.

Seit vielen Jahren wertet Profiler Axel Petermann Gewaltverbrechen aus. In seinem neuesten Buch präsentiert er drei ungeklärte Fälle und wirft dabei vor allem einen Blick in die Psyche derer, die die Taten verübt haben.

Was hat Sie zur Fallanalyse gebracht?

Axel Petermann: Ich bin 1975 zur Kriminalpolizei gekommen und habe seitdem in Mordkommissionen gearbeitet. Mir fiel zunehmend auf, dass die Art und Weise, wie ein Täter handelt, zusätzliche Informationen enthält: Warum wurde gerade dieses Opfer ausgewählt? Weshalb fand die Tat an diesem Ort statt? Warum wurde eine bestimmte Form der Gewalt angewendet? Solche Fragen führten mich zur Fallanalyse. Mich interessierte nicht nur, welche Spuren vorhanden waren, sondern auch, welche Entscheidungen sich in ihnen abbildeten. Die Fallanalyse ist für mich deshalb kein Blick in eine geheimnisvolle Täterseele. Sie ist eine methodische Rekonstruktion auf der Grundlage objektiver Befunde. Aus Tatort, Tatablauf, Opferauswahl und Nachtatverhalten werden Hypothesen entwickelt, die anschließend überprüft werden müssen.

Gibt es für Sie „das Böse“ in einem Menschen? Wenn ja, woran machen Sie es fest?

Petermann: „Das Böse“ ist zunächst ein moralischer Begriff und keine kriminalistische oder medizinische Diagnose. Recht früh wurde mir bewusst, dass sich das Böse zunächst in einer Tat zeigt und ein Mensch nicht von vornherein in seiner Gesamtheit „böse“ sein muss, um Böses zu tun. In der konkreten Fallarbeit interessiert mich deshalb weniger, ob ein Mensch „das Böse“ in sich trägt. Ich frage vielmehr: Welche Haltung gegenüber anderen Menschen zeigt sich in seinem Handeln? Kann er zum Beispiel Mitgefühl empfinden? Empfindet er Schuld und übernimmt er Verantwortung?
Manche Täter erklären sich selbst zum Opfer und das tatsächliche Opfer zum Verursacher ihrer Tat. Auch die Überzeugung, zu einer schädigenden Handlung berechtigt zu sein, kann eine wichtige Rolle spielen.

Dunkel gekleideter Mann mit Basecap, Gesicht durch Schatten verdeckt, vor einer indirekt beleuchtenden Häuserwand
© terovesalainen - stock.adobe.com
Interview
Was es mit bösem Verhalten auf sich hat
Gibt es das Böse im Menschen? Dieser Frage sind drei Psychologen nachgegangen und haben nach 15 Jahren Forschung ihre Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst. Als Kern bösen Verhaltens konnten sie ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal ausmachen, den Dark Factor. Einer der drei, Prof. Dr. Ingo Zettler von der Universität Kopenhagen, spricht dazu im Interview.


Der sogenannte Dark Factor ist in diesem Zusammenhang ein interessanter wissenschaftlicher Ansatz. Er erklärt jedoch keine einzelne Tat. Nicht jeder Mensch mit ausgeprägten dunklen Persönlichkeitszügen wird gewalttätig, und nicht alle Gewalttäter besitzen dieselbe Persönlichkeitsstruktur. Für die Bewertung eines konkreten Falles müssen Persönlichkeit, Lebensgeschichte, aktuelle Situation, Motivation, Tatdynamik und Gelegenheit gemeinsam betrachtet werden.

Was lässt Ihrer Ansicht nach Menschen zu Tätern werden, und was entscheidet möglicherweise über die Schwere der Taten?

Petermann: Es gibt nicht die eine Ursache, die einen Menschen zum Täter werden lässt. Schwere Gewalt entsteht meist aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Dazu gehören z. B. frühe Erfahrungen von Gewalt, Vernachlässigung und Demütigung. Hinzu kommen möglicherweise ungünstige Persönlichkeitsentwicklungen, mangelnde Empathie, ausgeprägtes Anspruchsdenken, Gewaltfantasien, psychische Erkrankungen, Alkohol oder Drogen. Auch akute Lebenskrisen, Trennungen, Kränkungen, finanzielle Ängste und der Verlust von Kontrolle können eine Rolle spielen.

Axel Petermann: Die Psyche des Bösen, Heyne-Verlag, ISBN 978-3-453-60677-7, Euro 16,00


Doch solche Belastungen machen einen Menschen nicht automatisch zum Täter. Die meisten Menschen, die Schlimmes erfahren oder schwere Krisen erleben, begehen keine Gewalttaten. Entscheidend ist zudem, wie ein Mensch seine Erfahrungen verarbeitet, welche inneren und äußeren Schutzfaktoren vorhanden sind und welche Entscheidungen er trifft.
Für die Schwere einer Tat können unterschiedliche psychische Prozesse bedeutsam sein. Manche Täter handeln zweckgerichtet: Sie wollen ein Hindernis beseitigen, ein Opfer kontrollieren, sexuelle Bedürfnisse befriedigen oder eine Entdeckung verhindern.

Eine besondere Rolle kann auch das Erleben von Macht spielen. Für manche Täter besteht der Reiz darin, vollständig über einen anderen Menschen verfügen zu können. Um die Schwere einer Tat zu verstehen, müssen deshalb drei Ebenen gemeinsam betrachtet werden: die Entwicklung des Täters und des Konflikts vor der Tat, die konkrete Dynamik während der Tat und das Verhalten danach.


Zur Entwicklung vor der Tat gehören beispielsweise Biografie, Beziehungskonflikte, Gewaltfantasien, Vorbereitung und frühere Grenzüberschreitungen. Während der Tat können Gegenwehr, Angst, Kränkung, Wut oder Kontrollverlust die Gewalt steigern. Das Verhalten nach der Tat – etwa Flucht, Hilfeleistung, Verbergen, Inszenierung oder Schuldverlagerung – kann Hinweise darauf geben, wie der Täter das Geschehen selbst bewertet und was er zu verdecken versucht.

Hat sich Ihre Haltung gegenüber Tätern im Laufe der Jahre verändert?

Sie wollen den ganzen Inhalt lesen?
Loggen Sie sich ein
Daten werden geladen...

Die Inhalte dieser Seite unterliegen dem Heilmittelwerbegesetz und dürfen nur ausgewiesenen Ärzten und medizinischem Fachpersonal zugänglich gemacht werden. Wenn Sie der Ansicht sind, dass Sie zu dieser Zielgruppe gehören, würden wir uns freuen, wenn Sie sich für einen kostenlosen Account registrieren würden! Im Anschluss erhalten Sie sofortigen Zugang zu diesem und vielen weiteren, interessanten Inhalten zu medizinisch-wissenschaftlichen Fachthemen! Aktuelle News, spannende Kongressberichte, CME-Fortbildungen und vieles mehr erwarten Sie! Wir freuen uns auf Sie! Die Inhalte dieser Seite unterliegen dem Heilmittelwerbegesetz und dürfen nur ausgewiesenen Ärzten und medizinischem Fachpersonal zugänglich gemacht werden. Wenn Sie der Ansicht sind, dass Sie zu dieser Zielgruppe gehören, würden wir uns freuen, wenn Sie sich für einen kostenlosen Account registrieren würden! Im Anschluss erhalten Sie sofortigen Zugang zu diesem und vielen weiteren, interessanten Inhalten zu medizinisch-wissenschaftlichen Fachthemen! Aktuelle News, spannende Kongressberichte, CME-Fortbildungen und vieles mehr erwarten Sie! Wir freuen uns auf Sie!

Bei Google bevorzugen

Sie möchten bei der Suche nach aktuellen Entwicklungen häufiger unsere Beiträge sehen? Dann fügen Sie uns jetzt zu Ihren bevorzugten Quellen hinzu.

Als bevorzugte Quelle auswählen
Wie funktioniert das? Häufige Fragen: Hier erfahren Sie mehr

Das könnte Sie auch interessieren