Wie Migräne sich bei Kindern tarnt
Migräne kann sich bei Kindern und Jugendlichen ganz anders äußern als bei Erwachsenen – mit Bauchschmerzen, Verwirrtheit oder Rückzugsverhalten. Eltern und Lehrkräfte sollten für diese Signale sensibilisiert werden.
Ein vierjähriger Junge fiel in der Kita immer wieder auf, weil er episodenweise jammerte und sich freiwillig in den Ruheraum zurückzog. Dort schlief er etwa zwei Stunden und war kaum weckbar. „Kinder in dem Alter gehen nicht freiwillig in einen Ruheraum“, betonte Prof. Dr. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums am Universitätsklinikum Essen. „Aber wenn sie eine Migräne haben, können sie die Beschwerden oft nicht richtig artikulieren und ziehen sich typischerweise zurück.“ Es sei daher wichtig, auch Kinder, Eltern sowie pädagogische Fachkräfte über diese Erkrankung aufzuklären, so die Expertin. Empfohlen werden in diesem Alter nicht-medikamentöse Maßnahmen, ein Rückzug sollte stets ermöglicht werden.
In einem anderen Fall klagte ein siebenjähriges, zuvor gesundes Mädchen etwa ein- bis zweimal pro Monat über mehrere Stunden anhaltende Schmerzen in der Bauchmitte. Begleitsymptome der seit acht Monaten bestehenden Beschwerden waren Übelkeit, Appetitlosigkeit und Blässe, gelegentlich auch Kopfschmerzen. Zwischen den Episoden war sie völlig beschwerdefrei. Körperliche Untersuchung, Laborwerte und Stuhlanalyse waren unauffällig, ebenso Wachstum, Entwicklung und Schulbesuch.
Bauchschmerzattacken sind ebenfalls eine Migräneform
Das Mädchen litt unter einer abdominellen Migräne, wie Prof. Holle-Lee erklärte. Dieser im Kindesalter auftretenden Variante liegen die gleichen neurovaskulären Mechanismen wie der typischen Migräne zugrunde, inklusive einer Dysregulation des zentralen autonomen Nervensystems und serotonerger Signalwege.
Die Diagnose kann gestellt werden bei fünf und mehr Attacken von Bauchschmerzen mit mittlerer oder starker Intensität, die mittig periumbilikal auftreten. Die Dauer einer Episode kann bis zu 72 Stunden betragen. Mindestens zwei Begleitsymptome sollten vorhanden sein und andere Erklärungen für die Beschwerden fehlen. Eine familiäre Mitbelastung ist häufig – in diesem Fall litt die Mutter unter einer Migräne mit Aura.
Die abdominelle Migräne geht in etwa der Hälfte der Fälle im Jugendalter in eine klassische Migräne über. Die Therapie erfolgt nicht-medikamentös (Ruhe, Abdunkeln, Schlaf, Flüssigkeitszufuhr), ggf. können Paracetamol oder Ibuprofen nach Gewicht dosiert eingesetzt werden. Wichtig ist, Trigger zu erkennen und ein Migränetagebuch zu führen. Empfohlen werden auch ein regelmäßiger Tagesrhythmus und kindgerechte Entspannungstechniken (Atemübungen, Fantasiereisen).
Prof. Holle-Lee warnte vor unnötiger Diagnostik und vor einer Psychologisierung der Beschwerden. Die Lehrkräfte sollten informiert werden, damit sie Verständnis für plötzliche Episoden haben und einen Rückzug ermöglichen.In einem weiteren Fallbeispiel beschrieb die Expertin eine bis dahin gesunde 13-jährige Schülerin, die nach der Schulpause von ihrer Mutter in die Notaufnahme gebracht wurde. Sie hatte plötzlich verwirrt und desorientiert gewirkt, ihre Mitschüler nicht mehr erkannt und „komisch geredet“. Eine halbe Stunde vorher hatte sie starke, pulsierende Kopfschmerzen frontal-temporal, begleitet von Übelkeit und Lichtempfindlichkeit. Motorische Defizite bestanden nicht; nach zwei Stunden bildeten sich die Symptome spontan zurück. Das Mädchen schlief danach und erholte sich vollständig.
Die konfusionelle Migräne tritt meist nur einmal auf
Der neurologische Status war nach dem Ereignis unauffällig, im EEG fanden sich keine epilepsietypischen Potenziale und kein Herdbefund. MRT, Labor, Toxikologie und Lumbalpunktion waren ohne pathologischen Befund. Die Familienanamnese ergab, dass Mutter und Tante eine Migräne ohne Aura hatten. Es handelte sich daher um eine akut konfusionelle Migräne, erklärte Prof. Holle-Lee – eine seltene Variante der Erkrankung, die fast nur im Kindes- und Jugendalter auftritt.
Wichtig sind EEG und Bildgebung zur Ausschlussdiagnostik. Die Therapie sollte symptomatisch mit Ruhe, Flüssigkeit und Ibuprofen erfolgen. Häufig bleibt das Phänomen ein Einzelfall. Tritt innerhalb von sechs Monaten jedoch eine zweite Episode auf, sollte man eine Migräneprophylaxe mit Magnesium und Betablocker (Metoprolol) beginnen. In diesem Fall erlebte die junge Patientin keine konfusionellen Episoden mehr, dafür aber klassische Migräneattacken ohne Aura.
98. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie