Schmerzen sind bei MS-Kranken häufig
Die Multiple Sklerose schmerzt auch körperlich. Jede(r) dritte Erkrankte beschreibt Schmerzen als das schlimmste Symptom der Autoimmunerkrankung. Besonders häufig treten spastikbedingte sowie Kopf- und Gesichtsschmerzen auf.
Körperliche und seelische Beschwerden prägen den Alltag vieler MS-Betroffener. Ein Drittel der Erkrankten beschreibt Schmerzen als das schlimmste Symptom der Autoimmunerkrankung. Besonders häufig treten spastikbedingte sowie Kopf- und Gesichtsschmerzen auf.
Wie verbreitet Schmerzen bei der MS sind, weiß man nicht so genau. Ihre Prävalenz wird mit Werten zwischen 29 % und 86 % sehr unterschiedlich angegeben, erklärte Dr. Livia Lang von der Neurologischen Klinik der Universitätsmedizin Mainz. Unklar ist nach ihrer Aussage auch, welchen Einfluss moderne Immunmodulatoren auf die Algesie haben, denn auf die systematische Erfassung dieses Outcome-Aspekts hat man in den Zulassungsstudien verzichtet. Fest steht jedoch, dass Schmerzen bei MS mit einem höheren Grad der Behinderung assoziiert sind und die Lebensqualität beeinträchtigen. Man sollte die Patientinnen und Patienten daher immer danach fragen, das Ausmaß der Beschwerden erfassen und möglichst gezielt behandeln, forderte die Kollegin.
Literaturdaten zufolge leiden 34 % der MS-Kranken unter Migräne, d. h. die Erkrankung tritt bei ihnen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Möglicherweise besteht eine Assoziation zu Schubereignissen, etwa wenn ein MS-Herd im Bereich des periaquäduktalen Grau liegt, erläuterte Dr. Lang. Spannungskopfschmerzen kennen 21 % und Schmerzen bei Retrobulbärneuritis (RBN) mindestens 8 %. Letztere machen sich retrobulbär und bei Bewegung des Bulbus bemerkbar und werden hoch dosiert mit Kortikosteroiden behandelt. Die Therapie von Migräne und Spannungskopfschmerz folgt den bekannten Empfehlungen.
Verschiedene Optionen beiTrigeminusneuralgie
Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose haben ein 20-fach erhöhtes Risiko, eine Trigeminusneuralgie zu entwickeln. Auch die Rate beidseitiger Attacken liegt bei ihnen höher als in der Normalbevölkerung. Häufig ist ein demyelinisierter Plaque am Übergang in den Pons Ursache der Neuralgie, deutlich seltener spielt der klassische Gefäß-Nerven-Kontakt eine Rolle. Die Therapie erfolgt mit Carbamazepin, Oxcarbazepin oder Phenytoin. Wirksam, aber off-label, sind Lamotrigin und Lacosamid. Eine mikrovaskuläre Dekompression kommt nur in resistenten Fällen und bei sicherem Nachweis eines Gefäß-Nerven-Kontakts in Betracht. Eine laut Dr. Lang gute und relativ risikoarme minimalinvasive Behandlungsalternative ist die Gamma-Knife-Ablation.
Eine paroxysmal in die Extremitäten einschießende Spastik erleiden bis zu 11 % der an MS Erkrankten. Ein- oder beidseits kommt es zu stereotypen unwillkürlichen Muskelkontraktionen, die weniger als zwei Minuten lang anhalten und durch die mechanische Belastung Schmerzen verursachen. Eine permanente Spastik findet sich in 50–60 % der Fälle. Sie resultiert aus einem gesteigerten Dehnreflex der Muskulatur aufgrund präsynaptischer Dysinhibition. Die andauernde Muskelstreckung schädigt wiederum das Muskelgewebe, was zu Schmerzen führt. Behandelt wird die Spastik mit Muskelrelaxanzien, d. h. Baclofen oder Tizanidin. Additiv kann man Cannabinoide geben. Sinnvoll erscheint auch ein Behandlungsversuch mit Gabapentin, Carbamazepin oder Lacosamid.
Schmerzen in der Peripherie unabhängig von Dermatomen
Neuropathisch bedingte Extremitätenschmerzen entwickeln bis zu 28 % der Patientinnen und Patienten mit MS. Sie haben einen oberflächlich brennenden Charakter, treten typischerweise distal betont und nicht dermatombezogen auf. Als primäre Ursache wird eine verminderte deszendierende Schmerzhemmung angesehen. Für die Therapie werden Pregabalin, Gabapentin und Amitriptylin empfohlen.
Noziplastische Schmerzen treten im Sinne generalisierter Schmerzen bei etwa jedem vierten MS-Kranken auf. Dabei steht eine mechanische Hyperalgesie im Vordergrund. Diese Schmerzen sind nicht vom Behinderungsgrad, sondern von der Immunmodulation abhängig, betonte Dr. Lang. Dies habe eine Analyse aus der Mainzer MS-Ambulanz ergeben, bei der 400 Betroffene befragt wurden.