Krebs bereits im Ursprung aufspüren
Die Therapie maligner Erkrankungen hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt – zugleich bleibt das Potenzial (primär-)präventiver Maßnahmen noch weitgehend ungenutzt. Auf einem Symposium bei der Jahrestagung der American Association for Cancer Research 2026 wurden vier Ansätze vorgestellt, die das ändern könnten.
Ansatz 1: Neugeborenenscreening um Krebsdispositionsgene erweitern
In vielen Ländern werden Screeningprogramme für Neugeborene angeboten, die auf verschiedene seltene genetische Erkrankungen fokussieren – in Deutschland auf angeborene Störungen des Stoffwechsels, des Hormon-, Blut-, Immunsystems und neuromuskulären Systems. Krebsbezogene Gene sind nicht inkludiert.
Wie Prof. Dr. Sharon E. Plon, Baylor College of Medicine, Houston, erläuterte, mehren sich die Hinweise darauf, dass die Integration von Krebsprädispositionsgenen in das Neugeborenenscreening sinnvoll sein könnte. In 10-12 % der pädiatrischen Krebsfälle lassen sich pathogene Varianten solcher Gene nachweisen. Zugleich wächst die Evidenz für die Kosteneffektivität eines solchen Vorgehens.
In aktuellen Studien evaluieren Forschende sowohl zielgerichtete Sequenzierungen als auch Ganzgenomansätze, um bereits bei der Geburt ein pädiatrisches Krebsrisiko zu identifizieren – mit der Perspektive, betroffene Kinder früher, weniger toxisch und mit besseren Überlebenschancen behandeln zu können. Voraussetzung für eine Umsetzung seien jedoch evidenzbasierte Protokolle und strukturierte Unterstützungssysteme für betroffene Familien, um das Potenzial dieser primärpräventiven Strategie voll auszuschöpfen.
Ansatz 2: Therapeutische Präzisionsprävention nutzen
Prof. Sir John Burn von der Newcastle University rückte Menschen mit hohem erblichem Krebsrisiko als „Proof‑of‑Principle“-Populationen für Präventionsstrategien in den Mittelpunkt. Die CaPP‑Studien zum Lynch‑Syndrom zeigten dem Experten zufolge, dass niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (ASS) rund die Hälfte der syndromassoziierten Krebserkrankungen, darunter hereditäre kolorektale Karzinome, verhindern konnte.
Diese Daten liefern nicht nur robuste statistische Evidenz, sondern erleichtern auch die Aufnahme entsprechender Empfehlungen in Leitlinien und die Versorgungsroutine. „Personen mit Lynch-Syndrom aller Formen sollte die Einnahme von ASS empfohlen werden“, betonte Prof. Burn. Der Beginn mit 75 mg täglich etwa fünf Jahre vor der geplanten Koloskopie sei sinnvoll. Die krebspräventive Wirkung von ASS entfalte sich vermutlich über die COX1-Hemmung unter Beteiligung des Thromboxanrezeptors in der T-Zellmembran.
Ansatz 3: Präventive Impfstoffe entwickeln
Prof. Dr. Mary L. Disis von der University of Washington stellte Möglichkeiten vor, Impfstoffe sowohl zur Krebsprävention als auch zur „Disease Interception“ einzusetzen – also zur hochpräzisen Frühintervention bei besonders gefährdeten Personen, noch bevor ein symptomatisches Stadium erreicht ist. Tumorspezifische Antigene (Neoantigene), die in prämalignen und malignen Geweben identifiziert wurden, konnten genutzt werden, um präventive Vakzine zu entwickeln. Frühe klinische Studien zeigen laut Prof. Disis eine gute Sicherheit, ausgeprägte Immunogenität und in einigen Fällen sogar eine Regression präinvasiver Läsionen.
So gelang es im Phase‑2‑Setting, bei Frauen mit HER2‑positivem, Östrogenrezeptor‑negativem duktalem Carcinoma in situ (DCIS) durch vier wöchentliche intranodale Immunisierungen mit HER2‑Peptiden in knapp 30 % der Fälle ein pathologisches Komplettansprechen zu erzielen. Auch beim Lynch‑Syndrom seien Impfstrategien gegen Neoantigene – hier basierend auf Frameshift‑Mutationen – vielversprechend verlaufen.
Ansatz 4: Künstliche Intelligenz (KI) evidenzbasiert nutzen
KI‑Werkzeuge besitzen das Potenzial, die Genauigkeit und Konsistenz sowohl der Krebsdiagnostik als auch der Risikoprädiktion zu verbessern, erläuterte Prof. Dr. Joann G. Elmore von der David Geffen School of Medicine an der UCLA, Los Angeles. Voraussetzung dafür sei jedoch eine „rigorose Evaluation“ und Validierung, damit der tatsächliche Nutzen für Patient:innen gewährleistet sei. Das zeige nicht zuletzt die Erfahrung mit computergestützten Detektionssystemen in der Mammografie.
Bei der Erkennung von Hautveränderungen sei zudem ein „ethnischer Bias“ identifiziert worden, der Schwarze Patient:innen systematisch benachteilige – unter anderem, weil einige KI‑Modelle Gesundheitskosten als Proxy für den Versorgungsbedarf nutzten. „Wir sollten uns deshalb eine gesunde Skepsis gegenüber KI‑Anwendungen bewahren“, betonte Prof. Elmore.
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