Wenn Krebstherapien das Herz belasten
Onkologische Medikamente können den Patient:innen aufs Herz schlagen. Welche kardiologischen Nebenwirkungen treten besonders häufig auf und wie kann man Risiken frühzeitig erkennen? Dr. Antonia Beitzen-Heineke vom UKE Hamburg klärt auf.
Frau Dr. Beitzen-Heineke, welche kardiologischen Nebenwirkungen treten am häufigsten unter einer Krebstherapie auf?
Dr. Beitzen-Heineke: Die Häufigkeit kardiologischer Nebenwirkungen ist abhängig von vielen Faktoren: In erster Linie von der verwendeten Substanzklasse und der Dosis, aber auch von Alter, Vorerkrankungen und Risikofaktoren der Patient:innen. Allgemein betrachtet sind die häufigsten kardiologischen Nebenwirkungen arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz sowie Herzrhythmusstörungen.
Und welche sind seltener?
Dr. Beitzen-Heineke: Als seltene, aber häufig fatal verlaufende, kardiologische Toxizität möchte ich auf die Myokarditis unter Checkpoint-Inhibitoren hinweisen. Hier ist die Früherkennung ganz besonders wichtig. Gleichzeitig begünstigen die CPI mittel- und langfristig aber auch die Entstehung und Progression einer Atherosklerose.
Gibt es neben CPI weitere Medikamente, die das kardiovaskuläre Risiko erhöhen?
Dr. Beitzen-Heineke: Klassische kardiotoxische Substanzen, die abhängig von der Kumulativdosis mit einem Risiko für Herzinsuffizienz einhergehen, sind insbesondere Anthrazykline. Aber auch zielgerichtete Substanzen wie HER2- und VEGF-gerichtete Therapien und eine linksthorakale Bestrahlung können eine Einschränkung der Pumpfunktion verursachen.
Hinsichtlich der arteriellen Hypertonie sind insbesondere die Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) zu nennen, beispielsweise die VEGF-Inhibitoren. Für sie wurden teils Raten arterieller Hypertonie von über 50 % beschrieben. Bei den Arrhythmien ist insbesondere das Auftreten von Vorhofflimmern unter Ibrutinib hervorzuheben.
Gibt es auch bestimmte Krebsentitäten, die prädisponieren?
Dr. Beitzen-Heineke: Das ergibt sich aus den zuvor genannten Substanzklassen: bei Brustkrebs, Lymphomen, Leukämien und Sarkomen beispielsweise sind die Anthrazykline noch wesentlicher Therapiebestandteil. Ein besonders hohes Risiko besteht für Patient:innen, die sowohl Anthrazykline als auch eine linksthorakale Bestrahlung erhalten, wie das zum Beispiel bei Brustkrebs oder dem Hodgkin-Lymphom der Fall sein kann.
Zudem haben alle Krebserkrankungen, die primär mit TKI behandelt werden, ein hohes Risiko für arterielle Hypertonie. Dazu zählen unter anderem Nierenzellkarzinome, hepatozelluläre Tumoren und Schilddrüsenkrebs.
Wie kann man den kardiologischen Nebenwirkungen vorbeugen?
Dr. Beitzen-Heineke: Die HFA-ICOS-Scores können helfen, Risikopatient:innen für das Auftreten kardiovaskulärer Nebenwirkungen zu identifizieren. Für Onkolog:innen gilt es, Risikofaktoren zu erkennen und diese vor der Therapieeinleitung und unter der Behandlung zu optimieren – zum Beispiel durch eine Blutdruckeinstellung.
Risikofaktoren und auftretende Nebenwirkungen sollten – sofern möglich – frühzeitig angegangen werden, bevor schwerwiegende kardiologische Nebenwirkungen auftreten. Denn diese können eine Therapieunterbrechung oder gar einen Abbruch der Behandlung erforderlich machen. Zudem können kardiologische Nebenwirkungen aber auch relevant zur Morbidität der Patient:innen beitragen und so die Lebensqualität mindern oder gar lebensbedrohlich verlaufen.
Wichtig ist auch die Aufklärung darüber, bei welchen Symptomen die Patient:innen ihre Ärzt:innen informieren sollten – beispielsweise bei klassischer AP-Symptomatik, Belastungsdyspnoe, Ödembildung und Palpitationen. Und was sie selbst tun können, um kardiovaskulären Komplikationen vorzubeugen.
Was können die Betroffenen selbst tun?
Dr. Beitzen-Heineke: Betroffene können daheim ihren Blutdruck kontrollieren und bei Diabetes auch den Blutzuckerwert. So können Veränderungen unter der onkologischen Therapie frühzeitig erkannt und behandelt werden. Zudem sollten sich die Patient:innen zu jedem Zeitpunkt unter und nach Therapie nach Möglichkeit moderat körperlich betätigen, beispielsweise durch zügiges Spazierengehen.
HFA-ICOS-Scores
Die HFA-ICOS-Tools der Kardioonkologie dienen dazu, onkologische Patient:innen vor Beginn potenziell kardiotoxischer Krebstherapien hinsichtlich ihres Risikos für kardiovaskuläre Nebenwirkungen – sehr hoch, hoch, moderat oder niedrig – zu stratifizieren. Auf dieser Grundlage kann ein personalisierter Ansatz zur Modifikation von Risikofaktoren sowie zur Überwachung entwickelt werden. Die Tools wurden 2020 von der Heart Failure Association der European Society of Cardiology Cardio-Oncology Study Group in Zusammenarbeit mit der International Cardio-Oncology Society (HFA-ICOS) entwickelt.
Der Kalkulator ist im Internet verfügbar unter diesem Link.