Inzidenzen sprechen gegen strukturierte Darmkrebsvorsorge bei Jüngeren
Die neue Auswertung deutscher Krebsregister widerspricht internationalen Trends: Während die USA aufgrund der Inzidenzzahlen das Screeningalter bei Darmkrebs bereits gesenkt haben, sehen deutsche Fachleute keinen Bedarf dafür – wohl aber für mehr Präventionspolitik.
In den USA werden mittlerweile 14 % aller Darmkrebsdiagnosen bei Menschen unter 50 Jahren gestellt. Studien haben nicht nur gezeigt, dass die dortigen Erkrankungsraten in jüngeren Altersgruppen zunehmen, sondern auch, dass die Sterblichkeit bei unter 50-Jährigen höher ist als in Deutschland. Die zuständige US-Behörde hat deswegen 2021 die Altersgrenze für das Darmkrebsscreening von 50 auf 45 Jahre gesenkt. Da ähnliche Entwicklungen auch in anderen Industrienationen beobachtet wurden, lag die Frage nahe, ob Deutschland das Vorsorgeprogramm ebenfalls anpassen sollte.
Doch aktuelle Daten aus deutschen Krebsregistern zeichnen ein anderes Bild. Eine Auswertung aus neun Bundesländern, die 46 % der deutschen Bevölkerung abdeckt, zeigt für den Zeitraum von 2003 bis 2023 nur einen geringen Anstieg der Darmkrebsinzidenz bei Menschen unter 50 Jahren. Betroffen waren vor allem die 20- bis 39-Jährigen. Bei den 40- bis 49-Jährigen blieb die Erkrankungsrate dagegen weitgehend stabil, während sie bei den über 50-Jährigen deutlich sank – so die Ergebnisse im Fachjournal „International Journal of Cancer“.
Tumoren bei Jüngeren oft mit anderem Hintergrund
Bei den jüngeren Betroffenen wurden laut Studie häufig Tumoren mit günstiger Prognose entdeckt. Das könnte zum Teil daran liegen, dass in diesen Altersgruppen mehr Diagnostik stattfindet – etwa Darmspiegelungen aus anderen medizinischen Gründen oder Stuhltests außerhalb des gesetzlichen Früherkennungsprogramms.
Aber es gibt auch Hinweise auf tatsächlich steigende Inzidenzen: Bei den 30- bis 39-Jährigen wurden auch häufiger Tumoren in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt.
Ursachen für internationalen Anstieg noch unklar
Die Gründe für den international beobachteten Anstieg der Inzidenzen seien noch nicht vollständig geklärt, erklären die Autorinnen und Autoren. Der wahrscheinlich wichtigste Faktor sei Adipositas – was die Unterschiede zu den USA erklären würde.
Das Science Media Center Germany hat Expertinnen und Experten gefragt, wie sie diese Daten einordnen und welche Konsequenzen sich aus ihrer Sicht daraus für Früherkennung und Prävention ergeben. Sie bestätigen: Eine Absenkung des regulären Screeningalters wie in den USA lässt sich tatsächlich aus den deutschen Zahlen derzeit nicht ableiten. Stattdessen sollten Risikogruppen früher erreicht, Warnsymptome konsequenter abgeklärt und die Teilnahme am bestehenden Screening verbessert werden.
Kein Screeningbedarf in Deutschland, aber Beobachtung
„Ich schließe mich der Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren an, dass eine Veränderung des Screeningprogramms – wie in den USA – auf dieser Datenbasis nicht sinnvoll ist“, sagt Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm. Die Inzidenz in Deutschland sei geringer und die Zunahme deutlich langsamer als in den USA. Auch die Sterblichkeitsrate an Darmkrebs bei jüngeren Menschen liege hierzulande niedriger.
Gleichzeitig warnt Prof. Seufferlein davor, die Entwicklung aus dem Blick zu verlieren. Symptome wie Blut im Stuhl, anhaltende Bauchschmerzen, Eisenmangelanämie, ungeklärter Gewichtsverlust oder dauerhafte Veränderungen der Stuhlgewohnheiten müssten auch bei Menschen unterhalb des regulären Screeningalters konsequent abgeklärt werden.
Bestehendes Screening besser nutzen
PD Dr. Christian Pox, Chefarzt der Medizinischen Klinik am St. Joseph-Stift Bremen, betont die geringe Fallzahl in der Altersgruppe unter 50 Jahren. Nur rund 5 % aller Darmkrebsdiagnosen in Deutschland beträfen Menschen vor dem 50. Lebensjahr. „Ein früherer Beginn würde die Effektivität des Programms entsprechend schmälern – gleichzeitig gäbe es höhere Kosten aufgrund vermehrter unauffälliger Befunde“, so Dr. Pox. Einen größeren Effekt verspreche es, die Teilnahmerate am bestehenden Screening ab 50 Jahren zu steigern.
Anstatt die Altersgrenze zu senken, betonen die Expertinnen und Experten die Bedeutung einer konsequenten Primärprävention. Als mögliche Ursachen für steigende Darmkrebsraten bei Jüngeren werden international unter anderem Adipositas, Bewegungsmangel, Ernährungsverhalten, Antibiotikaeinsatz, Veränderungen des Darmmikrobioms und weitere Umweltfaktoren diskutiert. Prof. Seufferlein fordert daher, die Anstrengungen in den Bereichen Ernährung und Bewegung auszubauen. Auch politische Maßnahmen wie eine Zuckersteuer könnten dazu beitragen, Risikofaktoren zu verringern.
Risikogruppen früher identifizieren
Wichtig sei zudem, Menschen mit erhöhtem Risiko früher zu identifizieren. Dazu gehören vor allem eine strukturierte Familienanamnese und die Abklärung erblicher Prädispositionen wie dem Lynch-Syndrom. Erstgradige Verwandte von Betroffenen sollten nach fachlichen Empfehlungen früher mit der Darmkrebsfrüherkennung beginnen.
Prof. Dr. Ulrike Haug, Leiterin der Abteilung Klinische Epidemiologie am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, sieht die Daten als Bestätigung, dass Deutschland die Entwicklung weiter beobachten sollte, ohne aber vorschnell die Altersgrenze zu senken. Entscheidend sei, Prävention besser im Versorgungssystem zu verankern. Und auch sie betont: Eine systematische Familienanamnese könne dabei helfen, einen relevanten Teil der Menschen mit hohem Darmkrebsrisiko schon in jungen Jahren zu erreichen.
Voigtländer S et al. (2026): Incidence Trends of Early-Onset Colorectal Cancer in Germany: A Registry-Based Study From 2003 to 2023. International Journal of Cancer. DOI: 10.1002/ijc.70600.