Signifikante inzidentelle Befunde und extrapulmonale Tumoren im LDCT

Lungenkrebsscreening: Zufallsbefunde nicht ignorieren, aber richtig einordnen

Kommentar
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 7 Min
Prof. Dr. Torsten Bauer
Chefarzt Klinik für Pneumologie, Lungenklinik Heckeshorn, Helios Klinikum Emil von Behring, Berlin
Prof. Dr. Torsten-Gerriet Blum
Oberarzt Klinik für Pneumologie, Lungenklinik Heckeshorn, Helios Klinikum Emil von Behring, Berlin
PD Dr. Christian E. Althoff
Chefarzt Institut für diagnostische und ­interventionelle Radiologie, Helios ­Klinikum Emil von Behring, Berlin
Extrapulmonale Befunde können in der Thorax-CT zufällig auffallen, die Untersuchung ist aber nicht zu ihrer Charakterisierung konzipiert.

Die neue Analyse aus dem National Lung Screening Trial ist ein hilfreicher Impuls, aber kein Argument für ein zusätzliches, ungerichtetes Krebs-Screening im Oberbauch. Sie erinnert vielmehr daran, dass jedes strukturierte Screening auch einen robusten Prozess für inzidentelle Befunde braucht.

Inhaltsverzeichnis

Kernaussagen

  • Das Niedrigdosis-CT ist technisch und klinisch auf Lungenrundherde optimiert, nicht auf die Charakterisierung von Niere, Leber, Pankreas oder Gastrointestinaltrakt.

  • Ein auffälliger extrapulmonaler Befund darf nicht ignoriert werden; er sollte aber nach strukturierten Organalgorithmen und nur bei Handlungsrelevanz abgeklärt werden.

  • Das ACR-Dokument zu Incidental Findings im Lungenkrebsscreening bietet dafür eine praxistaugliche Vorlage: viele Befunde sind „OK“, wenige erfordern definierte Folgeuntersuchungen.6

  • Die europäische ERS-Stellungnahme bestätigt diese Logik: LDCT liefert häufig Zusatzinformationen, ist aber nicht für ein extrapulmonales Screening optimiert; weitere Abklärung soll auf zuverlässig erkennbaren und handlungsrelevanten Befunden beruhen.4

1. Was die JAMA-Studie zeigt

Gareen und Kolleg:innen analysierten retrospektiv 75.104 Niedrigdosis-CT-Screeningrunden bei 26.445 Teilnehmer:innen des National Lung Screening Trial. Als „cancer significant incidental findings“ wurden Befunde gewertet, die nach heutiger Einschätzung potenziell auf eine extrapulmonale Neoplasie hinweisen könnten. Solche Befunde fanden sich in 2.265 Screeningrunden (3,0 %) beziehungsweise bei 1.807 Personen (6,8 %) über drei Runden. Innerhalb eines Jahres wurde nach einer Screeningrunde mit einem solchen Befund bei 67 Personen (3,0 %) ein extrapulmonaler Tumor diagnostiziert; die adjustierte marginale Risikodifferenz lag bei 13,89 pro 1.000 Teilnehmer:innen. Am deutlichsten war die Assoziation für Tumoren des Harntrakts sowie für eine heterogene Gruppe einschließlich Lymphomen und Leukämien.1

Das ist klinisch relevant: Wer im Screening eine potenziell maligne extrapulmonale Auffälligkeit findet, sollte sie nicht als „außerhalb der Fragestellung“ abtun. Die Studie belegt aber keine diagnostische Eignung des Lungenkrebsscreening-CT als Screeningverfahren für andere Tumoren. Es handelt sich um eine retrospektive Sekundäranalyse historischer Studienbefunde, nicht um eine prospektiv definierte Strategie zur Früherkennung von Nieren-, Pankreas-, gastrointestinalen oder Mammatumoren.

2. Warum Zurückhaltung ebenso wichtig ist

Der begleitende JAMA-Kommentar bringt den entscheidenden Punkt: LDCT-Screening ist auf die Detektion pulmonaler Noduli bei möglichst niedriger Strahlendosis optimiert. Die Untersuchung erfasst zwar, je nach Scanlänge und Körperhabitus, untere Halsabschnitte, Thoraxwand und Teile des Oberbauchs. Sie ist aber nativ, niedrig dosiert und nicht protokolliert, um extrapulmonale Organe sicher zu charakterisieren.2,3

LDCT ist nicht geeignet, gezielt nach extrapulmonalen Auffälligkeiten zu suchen.

PD Dr. Althoff, Prof. Bauer, Prof. Blum

Diese Zurückhaltung wird durch die europäische ERS/ESTS/ESTRO/ESR/ESTI/EFOMP-Stellungnahme gestützt: LDCT sei nicht geeignet, gezielt nach extrapulmonalen Auffälligkeiten zu suchen, weil der Test spezifisch für die Detektion von Lungenkrebs konzipiert und für andere Erkrankungen nicht optimiert ist. Berichtet und weitergeleitet werden sollen vor allem Befunde, die zuverlässig im LDCT erkennbar sind und für die eine Änderung des Managements zu erwarten ist.4

Das Beispielbild illustriert diese Grenze: Leber, Milz, Nebenniere und Nierenoberpol sind angeschnitten sichtbar, aber ohne Kontrastmittel und mit geringer Weichteilauflösung. Große oder grob suspekte Befunde können auffallen; eine verlässliche Differenzierung von Zyste, solider Läsion, entzündlicher Veränderung oder Gefäßstruktur ist damit oft nicht möglich.

3. Das ist in der Radiologie nicht neu

Inzidentelle Befunde sind keine neue Nebenwirkung eines Screeningprogramms, sondern Alltag der Schnittbilddiagnostik. Neu ist höchstens die Skalierung: Wenn ein Screeningprogramm viele asymptomatische Menschen untersucht, treten diese Befunde seriell und planbar auf. Deshalb braucht es keine individuelle Improvisation, sondern standardisierte Prozesse.

Die unlängst publizierten englischen Programmdaten unterstreichen, dass der Umgang mit inzidentellen Befunden integraler Bestandteil eines qualitätsgesicherten Lungenkrebsscreenings ist. Entscheidend ist dabei nicht eine Ausweitung des Screeningziels auf extrapulmonale Erkrankungen, sondern ein stringentes, standardisiertes Management klinisch relevanter Zufallsbefunde anhand definierter Protokolle und Überweisungspfade. Die Rate der extrapulmonalen Malignome lag in einer Subgruppenanalyse bei 0,46 % (552/114.430 Teilnehmer).5

Das American College of Radiology (ACR) hat für das Lungenkrebsscreening eine Quick Reference entwickelt, die typische inzidentelle Befunde in sieben anatomischen Regionen, 15 Organen und 45 Managementempfehlungen zusammenfasst. Grundlage waren die ACR White Papers zu inzidentellen Befunden, Literatur und Expert:innenkonsens; im ACR Lung Cancer Screening Registry wurden signifikante oder potenziell signifikante Befunde mit S-Kennzeichnung für relevante Zusatzbefunde in der RADS-Klassifikation in 18,8 % der Untersuchungen dokumentiert. Gleichzeitig betonen die Autor:innen, dass die meisten inzidentellen Befunde nicht handlungsrelevant sind.3

Der radiologische Befundbericht soll relevante Befunde [...] benennen und eine konkrete Empfehlung geben.

PD Dr. Althoff, Prof. Bauer, Prof. Blum

Die ERS-Stellungnahme kommt aus europäischer Perspektive zum gleichen praktischen Schluss. Protokolle für inzidentelle Befunde sollen vorab festlegen, ob ein Befund lediglich berichtet, klinisch korreliert, kontrolliert, weiter abgeklärt oder bewusst nicht weiterverfolgt wird. Die detailliert behandelten Themen sind überwiegend intrathorakal und kardiovaskulär; extrapulmonale Befunde wie Brust-, Leber-, Nieren- und Nebennierenläsionen werden eher als generische Kategorien geführt. Auch das spricht gegen ein Multiorgan-Screening und für klare Schwellenwerte.4

Wichtig ist die operative Konsequenz: Der radiologische Befundbericht soll relevante Befunde, die Aufmerksamkeit oder Folgeabklärung erfordern, in der Beurteilung benennen und eine konkrete Empfehlung geben. Stabilität im Vergleich zu Voraufnahmen ist dabei zentral. Fragen zum Befund sind am besten mit der befundenden Radiologin beziehungsweise dem befundenden Radiologen zu klären.6

4. Praktischer Rat für Kolleg:innen in Deutschland

Für das deutsche Programm sollte die Botschaft nicht lauten, bei jedem angeschnittenen Oberbauch aktiv nach extrapulmonalen Tumoren zu suchen. Die richtige Botschaft lautet: strukturierte Befundung des Thorax, bewusste Wahrnehmung des Bildfeldes und standardisierte Eskalation nur bei definierter Handlungsrelevanz.

Für Deutschland kann das ERS-Dokument daher als europäische Argumentationshilfe dienen: nicht Erweiterung des Untersuchungszwecks, sondern ein definierter Befundpfad mit Schwellenwerten, Verantwortlichkeiten und Einwilligungsinformation. Teilnehmende sollten wissen, dass relevante Zufallsbefunde auftreten können, dass aber nicht jede sichtbare Abweichung eine Abklärung auslöst.4

Ein typischer, stabiler oder eindeutig benigner Befund wird nicht durch unnötige Diagnostik aufgewertet.

PD Dr. Althoff, Prof. Bauer, Prof. Blum

Die Konsequenz ist ein „do not ignore, do not overreact“-Prinzip: Ein verdächtiger Befund wird berichtet und mit einer passenden Folgeempfehlung versehen; ein typischer, stabiler oder eindeutig benigner Befund wird nicht durch unnötige Diagnostik aufgewertet. Gerade für Nierenbefunde ist die Unterscheidung wichtig, weil viele kleine renale Läsionen benigne oder klinisch indolent sind und die ACR-Empfehlungen explizit Risiken und Nutzen weiterer Abklärung gegeneinander abwägen.7

5. Was bedeutet das für die Kosten?

Eine belastbare Kostenschätzung für Deutschland lässt sich aus der JAMA-Studie allein nicht ableiten. Die amerikanische NLST-Population, die historischen Befundformulare, die aktuellen deutschen EBM-Ziffern und die künftige Teilnahmequote sind nicht deckungsgleich. Seit April 2026 können aktive und ehemalige starke Raucher:innen im Alter von 50 bis 75 Jahren in Deutschland jährlich ein NDCT-Screening wahrnehmen.8 Die KBV weist für die Niedrigdosis-CT eine GOP 01871 mit 95,04 Euro, für eine CT-Befundkontrolle GOP 01872 mit 74,66 Euro und zusätzliche Ziffern für Zweitbefundung und Beratung aus.9

Auch die ERS-Stellungnahme betont, dass Managementpfade für Zufallsbefunde nicht nur klinisch, sondern auch gesundheitsökonomisch relevant sind: Sie sollen Nutzen ermöglichen, Schäden minimieren und die Kosteneffektivität des Screeningprogramms erhalten.4

Transparent mit Szenarien arbeiten, nicht mit Scheingenauigkeit.

PD Dr. Althoff, Prof. Bauer, Prof. Blum

Für die Zusatzkosten inzidenteller extrapulmonaler Tumorhinweise sollte man daher transparent mit Szenarien arbeiten, nicht mit Scheingenauigkeit. Setzt man rein illustrativ 1.000.000 Screening-CTs pro Jahr, eine Rate von 3 % für potenziell tumorassoziierte signifikante inzidentelle Befunde wie in der JAMA-Analyse und mittlere Abklärungskosten von 100, 250 oder 500 Euro an, ergäben sich 3,0 Millionen, 7,5 Millionen beziehungsweise 15,0 Millionen Euro Zusatzkosten pro Jahr. Diese Spanne ist keine gesundheitsökonomische Bewertung, sondern eine Orientierung, welche Parameter prospektiv dokumentiert werden müssen: Befundart, empfohlene Abklärung, tatsächlich erfolgte Abklärung, Ergebnis, Komplikationen und Kosten.

Entscheidend ist außerdem, die Bezugsgröße nicht zu verwechseln: 18-19 % signifikante oder potenziell signifikante S-Kennzeichnung im ACR-Register bedeuten nicht, dass 18–19 % der Teilnehmenden teure Tumorabklärungen benötigen. Viele Befunde sind kardiovaskulär, pulmonal oder eindeutig benigne; viele lassen sich durch Voraufnahmen oder einfache klinische Einordnung erledigen.3,6

6. Fazit

Die JAMA-Studie ist ein wichtiger Hinweis auf den klinischen Wert sorgfältig wahrgenommener Zufallsbefunde. Für Deutschland sollte sie aber nicht als Aufforderung verstanden werden, das Lungenkrebsscreening „heimlich“ zu einem Multiorgan-Screening zu erweitern. Das LDCT bleibt eine Untersuchung zur Früherkennung von Lungenkrebs. Die erste Herausforderung bleiben Nebenbefunde wie ILD, Emphysem und KHK, wenn auch ein Calcium-Scoring gemacht wird. Extrapulmonale Befunde sind Nebeninformationen mit unterschiedlicher Verlässlichkeit.

Der vernünftige Weg ist ein strukturierter Befundpfad: relevante inzidentelle Befunde werden berichtet, in der Beurteilung hervorgehoben, mit einer konkreten, möglichst leitliniennahen Empfehlung versehen und in der Versorgung nachvollziehbar weitergeleitet. Das ACR-Dokument und die europäische ERS-Stellungnahme liefern dafür pragmatische Vorlagen.4,6 Für Deutschland wäre es sinnvoll, diese Logik an die Krebsfrüherkennungs-Richtlinie, die EBM-Struktur und die vorhandenen radiologischen Qualitätssicherungsprozesse anzupassen und die resultierenden Folgeabklärungen von Beginn an prospektiv zu erfassen.

1. Gareen IF et al. JAMA Netw Open; 2026: 9(3): e263398; doi: 10.1001/jamanetworkopen.2026.3398

2. Senior P, Creamer AW. JAMA Netw Open; 2026; 9(3): e263361; doi: 10.1001/jamanetworkopen.2026.3361

3. Dyer DS et al. J Am Coll Radiol 2023; 20(2): 162-172; doi: 10.1016/j.jacr.2022.08.009

4. O`Dowd EL et al. Eur Respir J 2023; 62:2300533; doi: 10.1183/13993003.00533-2023

5. Lee RW et al. Nat Med 2026;32(5): 1817–26

6. American College of Radiology. ACR Lung Cancer Screening CT Incidental Findings Quick Reference Guide. 2021. ACR Lung Cancer Screening Resources

7. Herts BR et al. J Am Coll Radiol 2018;15(2): 264-273; doi: 10.1016/j.jacr.2017.04.028

8. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Lungenkrebs-Früherkennung für Raucherinnen und Raucher kommt ab April 2026 in die Versorgung. Pressemitteilung vom 13. März 2026

9. Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Lungenkrebs-Screening: Leistungen und Vergütung im EBM, Stand 2026

Portrait von Prof. Dr. med. Torsten Thomas Bauer

Prof. Dr. Torsten Thomas Bauer

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