Kognitive Verhaltenstherapie durchbricht Schmerz-Insomnie-Spirale
Chronische Schmerzen sind häufig mit Schlafstörungen assoziiert. Betroffene befinden sich oft in einer Art Teufelskreis, in dem sich beide Zustände wechselseitig verstärken. Abhilfe schaffen kann die kognitive Verhaltenstherapie.
Schlaf ist lebensnotwendig für die Regeneration von Körper und Geist. Trotzdem werden immer mehr Menschen von Schlafstörungen geplagt, fast 10 % der Deutschen leiden darunter, schreibt Dr. Anke Diezemann-Prößdorf vom Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz. Zu den häufigsten Insomnien zählen Ein- und Durchschlafprobleme sowie ein zu frühes Erwachen. Eine echte Insomnie liegt gemäß ICD-11 dann vor, wenn die Beschwerden mehr als dreimal pro Woche über mindestens drei Monate auftreten.
Hinter einer Schlaflosigkeit können genetische Veranlagung, Persönlichkeitsmerkmale und psychosoziale Belastungen stecken. Manch ein Betroffener entwickelt ungünstige Verhaltensmuster, die dafür sorgen, dass der Zustand weiter anhält.
Auch chronische Schmerzen sind häufig mit Schlafstörungen assoziiert. Beide Stressoren beeinflussen sich gegenseitig, u. a. durch kognitive Verzerrungen, zum Beispiel übersteigerte Aufmerksamkeit auf schmerz- und schlafbezogene Gedanken. Depressionen tragen ebenfalls maßgeblich dazu bei, und die Kombination aus Stress, Angst und fehlender nächtlicher Erholung lässt Patientinnen und Patienten förmlich in eine Abwärtsspirale geraten. Dabei wirkt die gestörte Nachtruhe wiederum verstärkend auf die Schmerzen und beeinflusst die Schmerzverarbeitung, erläutert die Autorin.
Positive Auswirkungen der kognitiven Verhaltenstherapie auf Insomnie durch zahlreiche Studien belegt
Um den Circulus vitiosus zu durchbrechen, ist die Therapie von Schlafstörungen bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen von zentraler Bedeutung. Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) gilt als Behandlungsmethode der ersten Wahl. Zahlreiche Studien belegen ihre signifikant positiven Auswirkungen und nachhaltigen Effekte auf Schlafqualität, -effizienz, Einschlafzeit und depressive Symptome.
Ein großer Teil der KVT-I beruht darauf, den Betroffenen vor Augen zu führen, wie sich bestimmte Gewohnheiten auf die nächtliche Erholung auswirken und welche Routinen für einen gesunden Schlaf sorgen (siehe Kasten). Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation und Atemtechniken gehören ebenso zur Therapie wie Stimuluskontrolle und Bettzeitenrestriktion, um den Schlafdruck zu erhöhen. Das Bett sollte nur für Schlaf und Sex benutzt werden und darf erst aufgesucht werden, wenn man wirklich müde ist. Liegt man nach 15 Minuten noch wach, sollte man aufstehen und in einem anderen Raum etwas tun, was müde macht. Dies ist so lange zu wiederholen, bis man einschläft.
Regeln für eine gute Schlafhygiene
Entspannung vor dem Schlafen: keine anstrengenden Tätigkeiten oder geistige Arbeit vor dem Zubettgehen
leichte Abendmahlzeiten
Koffeinverzicht am Nachmittag und Abend
körperlich aktiv sein – aber nicht vor dem Schlafengehen
Alkohol meiden
angenehme Schlafumgebung: ruhig, dunkel und angenehm kühl
feste Einschlafroutine
nachts bewusst auf die Uhr verzichten
Bei chronisch schmerzkranken Patientinnen und Patienten haben sich zudem gezielte physiotherapeutische Übungen und entlastende Lagerungen bewährt, um Schmerzen zu lindern und die Durchblutung zu verbessern. Auch eine Wärmflasche kann zur Entspannung beitragen, bei Reizdarm oder Blähungen helfen sanfte Darmmassagen.
Falls sich die Insomnie mit diesen Regeln nicht in den Griff bekommen lässt, kann über die Verordnung schlaffördernder Antidepressiva wie Amitriptylin oder Mirtazapin in niedriger Dosierung nachgedacht werden. Hypnotika sind aufgrund des chronischen Krankheitsgeschehens zu vermeiden.
Diezemann-Prößdorf A. internistische praxis 2026; 69: 417-424