Nach vier Wochen Training keine Rückenschmerzen mehr
Medical Tribune Bericht
Dirk W. freut sich: „Schon nach einer Woche intensiver Rückentherapie geht es mir so viel besser!“ Gerade mal dreieinhalb Wochen zuvor setzte den 39-jährigen Architekten ein Bandscheibenvorfall außer Gefecht. Der „Sitzarbeiter“ konnte sich kaum noch bewegen, schleppte sich als Notfall in die Klinik, bekam eine Schmerzspritze und Medikamente verschrieben, wurde krankgeschrieben und nach Hause geschickt. Dort musste er noch zwei Wochen warten, bis er einen Termin beim Facharzt bekam. Der Orthopäde verabschiedete ihn jedoch schon nach einer Fünf-Minuten-Sprechstunde mit den Worten: „Wir können jetzt nichts für sie tun, nur spritzen. Gehen sie nach Hause, es wird sich zurückbilden. Wenn nicht, kann ich eine Operation nicht ausschließen.“
40 Stunden im Monat Intensivtherapie
„Meine Fragen blieben weitgehend unbeantwortet und ich lief zu Hause schmerzgeplagt herum“, erzählt Dirk W. Bis ihn ein Freund auf ein neuartiges Behandlungskonzept aufmerksam machte. Im Schmerzzentrum Wiesbaden bekam er bereits nach zwei Tagen einen Termin und wurde in das dreidimensionale Rückenprogramm aufgenommen. Dieses hat zum Ziel, Rückenschmerz-Patienten in vier bzw. acht Wochen wieder fit für den Arbeitsalltag zu machen. Die Patienten, die in den Genuss dieses neuen Intensivprogramms kommen, müssen allerdings richtig hart an sich arbeiten: 40 Stunden pro Monat sind mit Therapien verplant. Die Schmerzärztin Dr. Gabriele Müller vom Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden ist sehr froh drüber, „dass auch dieser Patient so gut auf die Behandlung anspricht. Denn aus ihm wäre sonst ein typischer chronischer Schmerzpatient geworden. Diese Menschen herauszufiltern und schnellstmöglich wieder ins Arbeitsleben zu integrieren, ist das Ziel dieses Konzeptes.“ Und die Rechnung scheint aufzugehen: Von derzeit 20 Patienten, die das Programm abgeschlossen haben, sind bereits 19 wieder arbeitsfähig.
Von dem dreigliedrigen Therapieprogramm profitiert also auch Dirk W.: Montag, Mittwoch und Freitag werden für die individuelle Schmerztherapie inklusive Akupunktur, Vibrationsmassage und Unterrichtung des Patienten über die Hintergründe der Beschwerden etwa drei bis vier Stunden eingeplant. Für die Physiotherapie im kooperierenden sportmedizinischen Rehabilitationszentrum „Rehawell“ sind fünf bis sechs Stunden vorgesehen. Das gezielte Krafttraining soll die Rücken-, Bauch- und Brustmuskeln stärken. Dazu kommt noch ein Herz-Kreislauf-Training mit dem Crosstrainer, dem Laufband oder dem Fahrradergometer.
Sehr wichtig ist auch der psychotherapeutische Part, für den etwa vier Stunden pro Woche veranschlagt werden. Dr. Harald Braun vom Schmerzzentrum vermittelt seinen Patienten Biofeedback, Entspannungs- und Schmerzbewältigungstechniken sowie autogenes Training und klärt über den engen Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen und seelischen Belastungen auf. „Das war für mich völlig neu. Seit ich mir diese Zusammenhänge bewusst mache und in Stress-Situationen gegensteuern kann, bin ich viel ruhiger geworden und habe kaum noch Einschlafprobleme“, sagt Dirk W. Für ihn grenzt es allerdings fast an ein Wunder, dass „ich mich nach 14 Tagen schon wieder erheblich beweglicher fühle und mein Krafttraining ohne Schmerzen absolvieren kann.“ Besonders motiviert hat ihn die positive Einstellung des Ärzte- und Reha-Teams, „die mir alle von Beginn an Mut gemacht haben, dass ich es schaffe.“
Therapeuten setzen modernste Methoden ein
Zu seinen Trainingseinheiten muss der Patient auch noch „Hausaufgaben“ machen, nämlich seine Fortschritte täglich in ein Schmerztagebuch eintragen und zu Hause Übungen machen. Das Ziel formuliert Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, so: „Alle diese Leistungen sollen dazu beitragen, die Patienten so früh wie möglich wieder in den Arbeitsalltag zu integrieren und die hohe Frühberentungsrate drastisch zurückzuschrauben. Die ausgewählten Therapeuten arbeiten Hand in Hand und setzen die modernsten Methoden ein, die über die bisherige Betreuung und Versorgung von Rückenschmerz-Patienten hinausgehen.“
Dirk W. hat Glück gehabt, in das bundesweite Intensivprogramm, in das derzeit rund 90 Patienten aufgenommen sind, integriert zu werden. Wiesbaden gehört mit Göppingen, Chemnitz, Bremen und Köln zu den fünf Modellregionen, für die die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie mit der Techniker Krankenkasse und der Gmünder Ersatzkasse einen Vertrag abgeschlossen hat. In das Programm aufgenommen werden Patienten zwischen 20 und 60 Jahren, die wegen eines Rückenleidens seit mindestens vier Wochen arbeitsunfähig geschrieben sind.
Dass das integrative Konzept Erfolge zeigt, beweisen rund 70 Patienten, die das Intensivprogramm bereits durchlaufen haben: Nach vier bzw. acht Wochen waren über 90 Prozent von ihnen wieder arbeitsfähig. Weiterer Vorteil: Die Intensivtherapie kommt die Kassen mit rund 4000 Euro um die Hälfte billiger als die Lohnfortzahlung von 8000 Euro.



