Ernährungsempfehlungen Vom Wissen zum Tun: Ernährungsempfehlungen umsetzen

Autor: Dipl. -Oec. Troph. Sabine Echterhoff

Direkt ins Handeln kommen und gleich einige 
gesündere Produkte in den Einkaufskorb legen kann bei der Etablierung neuer Gewohnheiten helfen. Direkt ins Handeln kommen und gleich einige gesündere Produkte in den Einkaufskorb legen kann bei der Etablierung neuer Gewohnheiten helfen. © Liubomir – stock.adobe.com

Viele Patienten wissen, was gesunde Ernährung bedeutet und welche Aspekte bei ihrem Essen wichtig sind. Doch zwischen Wissen und Handeln liegt oft eine große Lücke. Ernährungsempfehlungen wirken nur, wenn sie im Alltag umgesetzt werden.

Ob Mangelernährung, zu viel Kalium oder anhaltender Durst, Patientinnen und Patienten mit Nierenkrankheit und Dialyse können durch ihre Ernährung die Progression verlangsamen und Beschwerden sowie Nebenwirkungen reduzieren. Entscheidend ist nicht die Empfehlung selbst, sondern die Unterstützung bei ihrer Umsetzung. 

Alltag verstehen – Barrieren erkennen

Damit Empfehlungen greifen, müssen Fachkräfte den Lebensalltag der Betroffenen verstehen. Bei älteren Menschen hängt der Ernährungsstatus weniger vom Wissen als von den Lebensumständen ab. Viele leben allein oder in Pflegeeinrichtungen, kämpfen mit körperlichen und kognitiven Einschränkungen. Mit dem Alter verändern sich Geschmack, Appetit, motorische Fähigkeiten und Interessen. Jüngere Menschen wiederum werden stärker von Familie, Beruf, Finanzen und sozialem Umfeld geprägt. Nur wer versteht, wann, wo, wie und mit wem jemand isst, kann sinnvolle Vorschläge machen. Viele Menschen stoßen beim Thema Ernährung auf Barrieren – etwa Zeitmangel, fehlende Kochkenntnisse oder finanzielle Möglichkeiten, Aktivitäten außer Haus. Diese Hürden lassen sich mit einfachen Rezepten, Einkaufstipps und zeitsparenden Alternativen für unterwegs gezielt abbauen. In Pflegeeinrichtungen können Angehörige, die Pflegedienstleitung oder Köche dabei helfen, einen guten Ernährungszustand zu erhalten. Während bei jüngeren Patient:innen das Ernährungsverhalten optimiert werden soll, muss im Alter auf eine ausreichende und genussvolle Ernährung geachtet werden. Das Prinzip: So viel wie nötig, so wenig wie möglich verändern (1).

Vom Ratschlag zum konkreten Ziel 

Statt allgemeiner Hinweise wie „Sie sollten weniger Salz essen“ brauchen Patient:innen konkrete, alltagstaugliche Ziele. Diese werden gemeinsam nach dem SMART-Prinzip formuliert: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Beispiele dafür sind: „Ich bereite an drei Tagen pro Woche Speisen frisch zu“ oder „Ich koche Nudeln und Kartoffeln in den nächsten vier Wochen ohne Salz“. Solche Ziele sind überschaubar, überprüfbar und stärken die Eigenmotivation. Wichtig ist, regelmäßig nachzufragen – nichts ist frustrierender, als wenn ein erreichtes Ziel unbeachtet bleibt. Auch verfehlte Ziele verdienen Aufmerksamkeit, um herauszufinden, ob die Alltagstauglichkeit überschätzt wurde oder die Motivation nachgelassen hat. Nur dann kann auch nachjustiert werden.

Smarte-Ziele

Spezifisch: Was genau will ich ändern? 
Messbar: Woran merke ich den Erfolg? 
Attraktiv: Warum ist mir das wichtig? 
Realistisch: Ist das machbar? 
Terminiert: Wann überprüfe ich den Fortschritt?

Verhaltensänderung begleiten

Nachhaltige Veränderungen entstehen selten über Nacht. Sie gelingen durch kleine, erreichbare Schritte und bewährte Verhaltenstechniken, die das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit stärken. So wächst die Überzeugung, Veränderungen selbst steuern zu können. Dazu zählen (2): 

  • Selbstbeobachtung: Ein Ernährungstagebuch, Fotos der Mahlzeiten oder eine App helfen, Muster zu erkennen und bewusst zu essen
  • Konkrete Handlungspläne: „Wenn ich im Büro bin, esse ich…“ oder „Am Vorabend der Dialyse bereite ich meinen Snack vor.“ Auch kleine Routinen – wie die Phosphatbinder beim Tischdecken bereitzulegen – schaffen Struktur
  • Feedback und positive Rückmeldung: Erfolge sichtbar machen und würdigen – Motivation wächst aus Bestätigung
  • Schrittweise Anpassung: Jede kleine Veränderung zählt. Ein bis zwei neue Gewohnheiten pro Monat genügen, wenn sie von den Patient:innen selbst gewählt werden
  • Automatisches Verhalten fördern: Wiederholung macht neue Routinen selbstverständlich. Wer bei wiederkehrenden Mahlzeiten beginnt, stärkt neue Muster ganz von selbst So wird Veränderung Teil des Alltags – nicht als Pflicht, sondern als spürbare Verbesserung.

Ressourcenorientierte und individuelle Beratung

Ältere Menschen bringen meist stabile Gewohnheiten und klare Essvorlieben mit. Eine erfolgreiche Beratung knüpft daher an vorhandene Routinen und Fähigkeiten an, statt Defizite zu betonen. Was funktioniert bereits gut? Welche Speisen sind beliebt? Wo bestehen Schwierigkeiten? So entsteht Vertrauen und eine Grundlage für realistische Empfehlungen. 

Die Individualisierung ist entscheidend: Standardisierte Diäten oder starre Vorgaben führen häufig zu Ablehnung oder Appetitverlust. Stattdessen sollte das Ernährungskonzept an persönliche Präferenzen, kulturelle Gewohnheiten und den aktuellen Gesundheitszustand adaptiert werden. Kognitive Einschränkungen erfordern angepasste Kommunikationsstrategien. Kurze, klare Botschaften, visuelle Hilfen (Bilder, Portionsbeispiele, farbliche Markiergen), häufige Wiederholungen und positives Feedback stehen im Vordergrund. Einfache, konkrete Veränderungen sind oft wirksamer als umfassende Ernährungsumstellungen.

Beispiele:

  • Energie- und Eiweißanreicherung gewohnter Speisen (mit Milch-, Eiweißpulver, Öl, Käse, Nüssen)
  • Häufige, kleine Mahlzeiten bei Appetitlosigkeit („Snacken“)
  • Leicht kau- und schluckbare Varianten vertrauter Gerichte
  • Fingerfood-Angebote bei motorischen oder kognitiven Einschränkungen Diese Maßnahmen fördern die Nährstoffaufnahme, ohne das Essverhalten grundlegend zu verändern. Ziel ist die Erhaltung des Ernährungszustands und der Lebensfreude am Essen, nicht die perfekte Nährstoffbilanz.

Motivation statt Belehrung 

Motivationale Gesprächsführung hat sich als besonders wirksam erwiesen. Sie setzt auf Empathie, ehrliches Interesse und offene Fragen stellen und das Hervorheben eigener Beweggründe. Statt zu sagen, was jemand tun soll, wird gefragt: „Was würde sich für Sie verändern, wenn Sie öfter selbst kochen?“ So entsteht intrinsische Motivation.

Praktische Unterstützung zählt 

Motivation allein genügt nicht. Viele Patient:innen brauchen praktische Hilfen: Einfache Rezepte, Einkaufshilfen, Portionsbeispiele oder digitale Tools wie Erinnerungs-Apps und Rezeptdatenbanken. Auch Gruppenangebote und der Austausch mit anderen Betroffenen stärken die Verbindlichkeit und machen Fortschritte greifbar.

Funktionieren statt Perfektionismus 

Kleine, leicht umsetzbare Schritte führen schneller zu Erfolgserlebnissen als große Pläne. Jede gelungene Veränderung schafft Mut und Motivation für die nächste. Wichtig ist, ins Handeln zu kommen – am besten unmittelbar nach der Beratung, solange das Ziel und die besprochenen Maßnahmen noch präsent sind.

Ein anderer Weg zum Ziel 

Veränderung beginnt im Alltag. Nicht in großen Plänen, sondern in den kleinen Handlungen, die sich Tag für Tag wiederholen. Das Ziel – etwa „fünf Kilo abnehmen“ – zeigt die Richtung. Der Prozess beschreibt den Weg dorthin. Wer sich auf diesen Weg konzentriert, baut Routinen auf, erlebt Fortschritte und spürt Kontrolle statt Frust. Noch wirksamer ist ein Denken, das bei der eigenen Identität ansetzt: „Wer will ich sein?“ Wer sich selbst als jemanden sieht, der gut für sich sorgt, verhält sich auch so. Aus „Ich sollte besser essen“ wird „Ich bin jemand, der auf seinen Körper achtet.“ Die Entscheidung gegen ein Dessert ist dann keine Einschränkung mehr, sondern eine bewusste Wahl: „Nein danke, das bekommt mir nicht.“ Solche Veränderungen halten, weil sie zu einem Teil der Persönlichkeit werden. Man handelt nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sondern aus Überzeugung. Und wenn etwas einmal nicht gelingt, ist es kein Scheitern – nur ein Moment, der nicht zu dem passt, wer man sein möchte (3).

Fazit 

Nachhaltige Veränderungen im Ernährungsverhalten entstehen nicht allein durch Wissen, sondern durch die eigene Haltung, eine strukturierte Begleitung und praxisnahe Unterstützung. Bei Patient:innen mit Nierenerkrankungen zeigt sich jedoch, dass die Beratungssituation häufig unzureichend ist: In vielen Versorgungseinrichtungen ist die Ernährungsberatung nicht fest in die Betreuung integriert und es fehlt an qualifiziertem Personal, das die individuellen Bedürfnisse kontinuierlich begleiten kann. Gerade vor dem Hintergrund der geplanten Einführung von Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) gewinnt dieser Aspekt an Bedeutung. PROMs können nur dann aussagekräftige Daten liefern, wenn Patient:innen in die Lage versetzt werden, ihr Verhalten eigenständig und reflektiert anzupassen. Dafür ist eine Beratungsstruktur erforderlich, die nicht nur informiert, sondern auch befähigt und die Ernährung als integralen Bestandteil der Therapie versteht. Erst wenn diese strukturelle Lücke geschlossen ist, können Ernährungsempfehlungen zu einer wirksamen Verhaltensänderung führen.

Quellen:
 1. Volkert D, Beck AM, Cederholm T, et al. ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr. 2019 Feb;38(1):10-47. doi: 10.1016/j.clnu.2018.05.024. Epub 2018 Jun 18. PMID: 30005900 
2. Lally P, Wardle J, Gardner B. Experiences of habit formation: a qualitative study. Psychol Health Med. 2011 Aug;16(4):484-9. doi: 10.1080/13548506.2011.555774. PMID: 2174924 
3. Clear, J. Die 1 Prozent Methode. Goldmann 2020

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Nierenarzt/Nierenärztin.