Psychische Störungen verschlechtern Diabetesverlauf
Ängste, Depression und Disstress können bei Menschen mit Diabetes den HbA1c-Wert verschlechtern und die Mortalität steigern. Doch mit geeigneten Maßnahmen lässt sich den typischen psychischen Problemen bei Diabetes gut gegensteuern.
Psychische Störungen können das Diabetes-Selbstmanagement beeinträchtigen und dadurch zu Diabeteskomplikationen beitragen. Andererseits können manche Diabeteskomplikationen schwere funktionelle Einschränkungen hervorrufen, was die psychische Gesundheit zusätzlich belastet. Diese bidirektionale Beziehung unterstreicht, wie wichtig es ist, in der Diabetesversorgung auch die Psyche im Blick zu behalten, betont das Team um Prof. Dr. François Pouwer von der Universität von Süddänemark in Odense.
Die Angst vor Unterzuckerung ist bei Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes weit verbreitet – selbst dann, wenn sie nicht mit Insulin behandelt werden. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass 21 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes wegen Hypoglykämie-Angst ihre Blutzuckerspiegel hoch hielten; 22 % schränkten körperliche Aktivitäten ein, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Ein solches Verhalten kann potenziell zu einer schlechteren Diabeteskontrolle führen und Komorbiditäten fördern. Was hilft bei Hypoglykämie-Angst? Eine aktuelle Metaanalyse mit Typ-1-Betroffenen ergab, dass sensorunterstützte Insulinpumpen, kontinuierliche Glukosemesssysteme und AID-Systeme (automated insulin delivery) die Angst vor Unterzuckerung dämpfen konnten. Das gilt auch für geeignete Verhaltensmaßnahmen und Patientenedukation: In einer Metaanalyse von fünf RCT war z. B. das Blutglukose-Wahrnehmungstraining besonders effektiv.
Gruppeninterventionen können wertvolle Hilfe bieten
Unter Diabetes-Distress versteht man belastende Gefühle wie etwa Wut, Schuldgefühle oder Frustration, die im Zusammenhang mit dem Diabetes-Management auftreten. Eine Studie ergab, dass 45 % der Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes von erhöhtem Distress betroffen sind. Das kann zu negativen Folgen wie Schlafstörungen, einer nachlassenden Selbstfürsorge und höheren HbA1c-Werten führen. Oft ist es für Betroffene hilfreich, an einer Gruppenintervention teilzunehmen, die Patientenedukation und Verhaltensmaßnahmen vermittelt oder emotionsfokussiert arbeitet.
Depressionen treten bei Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes häufiger auf als bei Stoffwechselgesunden. Dies schränkt die Lebensqualität deutlich ein. Zudem erhöhen Depressionen das Risiko für mikro- und makrovaskuläre Komplikationen, und sie gehen mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Studien belegen einen bidirektionalen Zusammenhang zwischen Depression und HbA1c. Bekannt ist, dass die Selbstfürsorge depressiver Personen mit Diabetes suboptimal ist – sie gehen seltener zu Arztterminen, kontrollieren ihre Blutzuckerwerte weniger häufig und nehmen ihre Medikamente nicht konsequent ein. Eine Metaanalyse ergab, dass Ansätze wie gruppenbasierte Behandlungen, Online-Therapien, Pharmakotherapie, Psychotherapie und Bewegungstherapie bei depressiven Diabetes-Betroffenen wirksam sind.
Gefahr höherer HbA1c-Werte durch gestörtes Essverhalten
Studien zeigen, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes signifikant häufiger Essstörungen wie Bulimia nervosa oder Binge-Eating aufweisen als Stoffwechselgesunde. Zudem wird in dieser Gruppe oft ein gestörtes Essverhalten beobachtet, das nicht die diagnostischen Kriterien für eine Essstörung erfüllt. Einige insulinpflichtige Diabetes-Betroffene spritzen sich absichtlich zu wenig Insulin (Insulin-Purging), um abzunehmen oder eine Gewichtszunahme zu verhindern. Ein gestörtes Essverhalten kann mit höheren HbA1c-Werten und einem erhöhten Risiko für eine diabetische Retinopathie einhergehen. Die Behandlung von gestörtem Essverhalten bei Typ-1-Diabetes ist ein unterschätztes Problem. Eine intensive stationäre Behandlung, die eine kognitive Verhaltenstherapie, Psychoedukation und Familientherapie umfasst, könnte einer Metaanalyse zufolge der effektivste Ansatz sein.
Menschen mit Diabetes leiden häufig an Schlafstörungen: Die Prävalenz von Insomnie und Insomnie-Symptomen wird bei Personen mit Typ-2-Diabetes auf 39 % geschätzt. Eine obstruktive Schlafapnoe kommt bei 55 % bis 86 % der Menschen mit Typ-2- und bei etwa 52 % der Personen mit Typ-1-Diabetes vor. Schlechter Schlaf wirkt sich bei Typ-2-Diabetes negativ auf die HbA1c- und Nüchtern-Blutzuckerwerte aus und ist mit einer Erhöhung des Retinopathie-Risikos assoziiert. Eine obstruktive Schlafapnoe kann bei Typ-2-Diabetes das Risiko für koronare Herzkrankheit und kardiovaskuläre Mortalität erhöhen. Ähnliche Assoziationen werden bei Typ-1-Diabetes beobachtet. Pharmakologische (z. B. Zopiclon bzw. Eszopiclon, Tirzepatid) und nichtpharmakologische (continuous positive airway pressure, CPAP) Maßnahmen gegen Schlafstörungen wie Insomnie und obstruktive Schlafapnoe können bei Menschen mit Diabetes die Schlafqualität und die glykämische Kontrolle bessern.
Pouwer F et al. Lancet Diabetes Endocrinol 2026; 14: 337-355; doi: 10.1016/S2213-8587(25)00397-3