Barrierefunktion der Darmschleimhaut wiederherstellen

Darmbarriere als neuer Therapiehebel bei Reizdarm

Aus der Fachliteratur
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Die Erhaltung der Integrität der Darmschleimhaut wird zukünftig zum spannenden therapeutischen Ansatz bei Reizdarm.

Störungen der Darm-Hirn-Interaktion wie das Reizdarmsyndrom oder die funktionelle Dyspepsie werden zunehmend mit Defekten der Darmbarrierefunktion in Verbindung gebracht. Dazu, wie sich die intestinale Permeabilität wiederherstellen lässt, gibt es spannende neue Therapieansätze.

Der Magen-Darm-Trakt kann wie eine selektiv permeable Barriere angesehen werden. Sie verhindert den Eintritt von Fremdkörpern in die Submukosa, ermöglicht aber die Aufnahme von wichtigen Nährstoffen und Elektrolyten in den Körper. Schleimhautdisruptionen, zu denen Veränderungen der epithelialen und mukosalen Schichten zählen, führen zu einer vermehrten Permeabilität des Epithels, zu mikrobieller Translokation sowie zu Abweichungen von immunologischen und neuronalen Signalwegen. Defekte der intestinalen Permeabilität wirken sich direkt auf die Darm-Hirn-Achse aus. Demnach bietet die Wiederherstellung der Schleimhautintegrität einen wichtigen Ansatz zur Behandlung von Störungen der Darm-Hirn-Interaktion (disorders of gut-brain-interaction, DGBI).

Doch obwohl Barrierestörungen bei DGBI zunehmend anerkannt werden, erfolgen klinische Interventionen nach wie vor weitgehend symptombasiert. Nur wenige Therapien sind so angelegt, dass sie die epitheliale Integrität direkt wiederherstellen. In einer Übersichtsarbeit fassen Timmie Britton und Madhusudan Grover von der Mayo Clinic Rochester zusammen, was man heute über die zellulären und molekularen Signalwege weiß, die für die Funktion der Darmbarriere wichtig sind. Welche Rolle spielen Ernährung, mikrobiombezogene Interventionen, Stressmodulation und pharmakologische Substanzen bei der Erhaltung oder Wiederherstellung der intestinalen Permeabilität?

 

Ernährung und Mikrobiom als therapeutische Stellschrauben

Zu den FODMAPs* zählen verschiedene schlecht resorbierbare Kohlenhydrate, die den osmotischen Druck im Darmlumen erhöhen und zu postprandialen Symptomen führen können. Umgekehrt kann eine Low-FODMAP-Diät die Barrierefunktion schützen und dyspeptische Symptome lindern. Ballaststoffe werden von Darmbakterien in kurzkettige Fettsäuren verstoffwechselt (Acetat, Propionat, Butyrat), welche ebenfalls die Darmbarriere unterstützen. Auch kann der Einsatz von gezielten Probiotika die Integrität von Tight Junctions sowie die Muzinsekretion verbessern.

Psychischer Stress zeigt eine starke Assoziation mit DGBIs. Akute und chronische Stressoren gehen bei DGBI-Betroffenen mit einer Symptomverschlechterung einher, häufig begleitet von einer mukosalen Immunaktivierung und einer erhöhten intestinalen Permeabilität. Eine Metaanalyse mit 2.290 Patientinnen und Patienten mit Reizdarmsyndrom konnte bis zu zwölf Monate nach psychologischen Therapien eine Linderung gastrointestinaler Symptome zeigen. Psychotherapien und auch Neurostimulation (wie die Vagusnervstimulation) könnten die Funktion der Darmbarriere über stressresponsive neuroimmunologische Signalwege modulieren. Allerdings ist die Evidenz bei DGBI bisher begrenzt.

Pharmakologische Ansätze mit Potenzial für die Schleimhaut

Mastzellen sind an Funktionsstörungen der Darmbarriere auf verschiedene Weise beteiligt. Neue Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass Mastzellstabilisatoren wie Ketotifen und Cromoglicinsäure sowie Histaminrezeptorantagonisten und Proteaseinhibitoren die Schleimhautintegrität verbessern könnten. Auch zu Sekretagoga (Lubiproston) und Guanylatzyklase-C-Agonisten (Plecanatid und Linaclotid) gibt es einige vielversprechende Daten. Weitere Studien müssen jedoch klären, ob diese Substanzen die Darmbarriere verändern können oder ob die Symptomlinderung über zentrale neuromodulatorische Pathways erfolgt und wie es um ihre langfristige Sicherheit bestellt ist.

In Zukunft per Drug-Delivery zum Ziel?

Ein weiterer neuer Ansatz befindet sich derzeit noch in einem frühen Entwicklungsstadium: Drug-Delivery-Systeme setzen in bestimmten Regionen des Gastrointestinaltrakts Substanzen frei (wie etwa ein Hydrogel mit bioaktiven Wirkstoffen), welche die Barrierefunktion stärken sollen. Ob diese Systeme bei DGBI einsetzbar sind, muss sorgfältig validiert werden.

Es gibt demnach zahlreiche Ansätze, die bei DGBI weiterhelfen könnten, aber es bleibt noch einiges zu tun. Dennoch sind die Autoren optimistisch: Wenn man die Fortschritte der Molekularbiologie in translationale Therapeutika integriert, könnten Interventionen, die auf die intestinale Permeabilität abzielen, zu einem Paradigmenwechsel in der Therapie von DGBIs führen, schreiben sie. Dann müsste man sich nicht mehr mit einem allgemeinen Symptommanagement zufrieden geben, sondern hätte Instrumente für eine (personalisierte) Krankheitsmodifikation zur Verfügung.

* fermentable oligosaccharides, disaccharides, monosaccharides and polyols

Britton TA, Grover M. Lancet Gastroenterol Hepatol 2026; doi: 10.1016/S2468-1253(26)00081-6

Dr. Andrea Wülker

Dr. Andrea Wülker hat in Freiburg Medizin studiert und anschließend in der Orthopädie und inneren Medizin gearbeitet. Seit vielen Jahren ist sie als freie Autorin für verschiedene Titel der Medical Tribune tätig.

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