Das hilft gegen Beschwerden von Krebstherapien
Viele Krebserkrankte wünschen sich komplementäre Maßnahmen jenseits der klassischen Tumortherapien. Expert:innen berichten, wie sich diese Ansätze integrieren lassen und welche Nebenwirkungen potenziell ansprechen.
Mindestens die Hälfte der Krebspatient:innen nutzen Naturheilverfahren, berichtete Prof. Dr. Jost Langhorst, Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde, Klinikum Bamberg.1 61 % der Bundesbürger:innen wünschten sich eine Kombination aus konventioneller Medizin und derartigen Methoden. „Es ist eine Form der Medizin, die in der Versorgung der Patient:innen eine große Rolle spielt.“ Aus seiner Sicht suchen Betroffene eine solche integrative Medizin,
weil die konventionelle Therapie bestimmten Bedürfnissen nicht vollständig gerecht wird,
um die Krebstherapie und den allgemeinen Gesundheitszustand zu beeinflussen,
um Komplikationen/Nebenwirkungen von Erkrankung und Therapie zu behandeln und/oder
weil sie von Familie oder Ärzt:innen empfohlen wird.
Es geht unter anderem darum, Nebenwirkungen besser zu beherrschen, die körperliche und psychische Fitness zu verbessern, Depression, Angst und Stresserleben zu reduzieren und die Resilienz zu stärken. Der Kollege merkte an, dass dies letztendlich die Adhärenz und den Therapieerfolg steigern kann: „Mit weniger Therapieabbrüchen verbessern wir definitiv auch die Prognose.“
Integrative Onkologie
Die Integrative Onkologie ist ein patient:innenzentriertes, evidenzinformiertes Gebiet der Krebstherapie, das Mind-Body-Verfahren, natürliche Produkte und/oder Lebensstiländerungen aus unterschiedlichen Traditionen begleitend zu konventionellen Behandlungen einsetzt. Ziel ist, Gesundheit, Lebensqualität und klinische Outcomes über den Krankheitsverlauf hinweg zu optimieren. Außerdem soll sie Menschen befähigen, Krebs vorzubeugen bzw. vor, während und nach der Krebstherapie aktiv zu partizipieren.
Ernährungszustand im Auge behalten
Wie Dr. Julia Gottfried, Klinikum Stuttgart, betonte, wirken sich zunächst einmal angemessene körperliche Aktivität und eine ausreichende, ausgewogene Ernährung in vielerlei Hinsicht günstig aus.2 „Die Verhütung von Mangelernährung kann ein sehr wichtiger Punkt in der Beratung von Patient:innen während einer Krebstherapie sein“, erinnerte die Expertin. Ärzt:innen sollten darauf achten, dass Patient:innen nicht an Gewicht verlieren, da dies in der Regel mit einem Verlust von Muskelmasse einhergehe. Sie mahnte, Erkrankte frühzeitig zu Maßnahmen wie hochkalorischer Trinknahrung und Proteinsupplementen zu beraten. Auch eine erhöhte Ballaststoffzufuhr scheint günstig.
Für spezielle Krebsdiäten gebe es allerdings keine Evidenz. Eine ketogene Ernährung empfiehlt Dr. Gottfried den allermeisten Betroffenen ebenfalls nicht: „Ich rate den Patient:innen im Rahmen einer Chemotherapie, einer Tumortherapie, von einer ketogenen Diät ab. Es sei denn, sie sind normalgewichtig, haben eine Brustkrebserkrankung und leiden unter schwerer Übelkeit unter einer Chemotherapie.“ Nur in diesem Setting gebe es Evidenz für eine Symptomlinderung, allerdings nicht für einen Anti-Tumor-Effekt.
Nach Supplementen fragen
Wie wichtig eine qualifizierte komplementärmedizinische Beratung schon ambulant ist, verdeutlichte Prof. Langhorst am Thema Supplemente. An einem tertiären Zentrum für Onkologie nahm unter 242 Patient:innen ein Viertel median vier Supplemente ein. Nach Beratung durch einen integrativ ausgebildeten Arzt wurden bei 44 % median drei davon abgesetzt, meist pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel aufgrund eines Interaktionspotenzials. Insbesondere perioperativ wurden fast alle Supplemente vorübergehend gestoppt. Gleichzeitig setzten die Ärzt:innen bei quasi allen Erkrankten neue Präparate an. Dies umfasste median vier neue Supplemente, am häufigsten fehlte Vitamin D.
Der Experte sieht im Klinikalltag durchaus Patient:innen, die 20 und mehr Nahrungsergänzungsmittel mitbringen: „Das sagt mir zwei Dinge: Erstens sind diejenigen höchstwahrscheinlich an einer Angststörung erkrankt und zweitens haben sie keinen Plan.“ Er rät, dass die Nutzung von Supplementen nur begleitet durch Fachleute erfolgen sollte — im schlimmsten Fall schadeten Erkrankte sich selbst.
Vorsicht bei Ingwer und Übelkeit
Gegen Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie empfiehlt Dr. Gottfried zum einen Akupunktur/-pressur. Zum anderen lassen sich Ingwerpräparate in Form von Tee (1-2 Tassen täglich) oder Kapseln (500 mg bis 1 g täglich) einsetzen. Beachten müssen Ärzt:innen jedoch, dass man sie wegen eines Interaktionsrisikos nicht am selben Tag wie Aprepitant einnehmen sollte. Für Sodbrennen und brennende Magenschmerzen fehlt jedoch die Evidenz. Die Ärztin stellte klar: „Das ersetzt nicht ein hochpotentes Antiemetikum.“ Als weiteres Präparat aus der Naturmedizin gegen gastrointestinale Beschwerden benannte die Referentin Sauerklee in verschiedenen Anwendungsformen.
Mehr zu komplementären Behandlungsmethoden und möglichen Interaktionen erfahren
Sport, Tai Chi und Yoga gegen Fatigue
An einer Fatigue leiden ca. 80 % während einer Chemo- oder Strahlentherapie und noch immer knapp 30 % der Krebsüberlebenden nach abgeschlossener Behandlung. Die S3-Leitlinie Komplementärmedizin empfiehlt neben körperlicher Aktivität auch Maßnahmen wie Tai Chi, Yoga („sollte“) und mit geringerer Evidenz Akupunktur/-pressur, Ginseng und Mindfulness-based Stress Reduction („Kann“). Allgemein sprechen die Expert:innen eine “Kann"-Empfehlung für ein ärztlich geleitetes, individualisiertes und multimodales komplementärmedizinisches Therapieangebot während und nach der onkologischen Behandlung aus.
Traubensilberkerze gegen Beschwerden antihormoneller Therapie
Hinsichtlich klimakterischer Beschwerden verweist die Expertin auf den Klassiker Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa). Die S3-Leitlinie Mammakarzinom spricht zumindest eine „Kann“-Empfehlung (Empfehlungsgrad 0) bei menopausalen Symptomen wie Hitzewallungen aus. Gelenkschmerzen unter Endokrintherapie stellten zudem eine Indikation dar, bei der eine Fastenphase möglicherweise Linderung verschaffen könnte, auch wenn sie sich nicht auf die Prognose auswirke. Hier müsse man allerdings auf Gewichtsverlust und Anzeichen für eine Sarkopenie achten.
Dauerbrenner Misteltherapie
Dr. Gottfried gab ihre eigene Einschätzung zur Misteltherapie ab. Ein möglicher Anti-Tumor-Effekt von Mistelpräparaten lasse sich gegenüber etablierten Therapien vernachlässigen. Sie hätten aber möglicherweise einen Stellenwert bei krebsbedingter Fatigue und im Nebenwirkungsmanagement, z. B. von Inappetenz, Schmerzzuständen, Schwellungen oder Schlafstörungen. Aufgrund des immunmodulatorischen Effektes sei man bei hämatologischen Neoplasien noch immer vorsichtig. Bei soliden Tumoren und besonders in der palliativen Situation kann man aber laut der Medizinerin mit der Misteltherapie arbeiten, ohne Schwierigkeiten fürchten zu müssen. Studiendaten zufolge ist es sicher, Mistelpräparate unter Immuntherapie anzuwenden.
Spray und Sanddornfruchtfleischöl zur Pflege der Mundschleimhaut
Zur Pflege der Mundschleimhaut gibt es zahlreiche Optionen auf Spraybasis (Hydrolate von Myrte oder Rose, Aloe-Vera-Öl) und Ölbasis (Aloe-Vera-Öl, Mandelöl, Sonnenblumenöl, Sanddornfruchtfleischöl). Explizit erwähnte Dr. Gottfried gute Erfahrungen mit Sanddornfruchtfleischöl auch bei Stammzelltransplantierten, die häufig langwierigen Mukositisphasen durchmachen. „Das sind Dinge, die sehr einfach und kostengünstig sind“, betonte Dr. Gottfried. Es biete sich hier außerdem eine gute Gelegenheit, Betroffene und ihr Umfeld im Sinne der Selbstwirksamkeit aktiv einzubeziehen.
Stationäre Mitbetreuung abrechenbar
Im stationären Kontext lässt sich zum einen bei einer Liegedauer von mindestens zwölf Therapietagen eine integrativmedizinische Mitbehandlung onkologischer Patient:innen über die GKV abrechnen. Sie umfasst 30 x 30 Therapieminuten und beinhaltet symptomorientiert beispielsweise Akupunktur, Phytotherapie, Mind-Body-Verfahren wie Entspannungstechniken oder pflegerische Maßnahmen wie Wickel. Zum anderen führen bei Krebserkrankten auch Therapiefolgen, v. a. Fatigue und chronisches Schmerzsyndrom/Polyneuropathie, zu stationären Aufnahmen — Indikationen, bei denen alternativen Verfahren eine Rolle zukommt.
Multimodale Interventionen funktionieren auch in der Tagesklinik
Außerhalb des (voll)stationären Settings bietet eine integrative Versorgung ebenfalls Vorteile. „Die Tagesklinik ist unser Flaggschiff in der komplementären Medizin“, kommentierte Prof. Langhorst und berichtete, wie sie in Bamberg vorgehen. Patient:innen erscheinen im Rahmen des Programms einmal pro Woche für sechs Stunden, zehn bis zwölf Wochen lang in einer festen Gruppe. Das Programm umfasst unter anderem Bewegungstherapie, Ernährungstherapie, Stressbewältigungstechniken und naturheilkundliche Anwendungen. Gewisse Programmpunkte wie eine ärztliche Visite und Bewegungstherapie finden bei jedem Termin statt. Darüber hinaus gibt es an den einzelnen Tagen Themenschwerpunkte, z. B. Lektionen in einer Lehrküche oder zum Umgang mit Stress.
Gemäß einer Selbstauskunft im Rahmen einer Studie verbesserten sich zum Ende des Programms sowie sechs Monate später:
die subjektiv eingeschätzte Arbeitsfähigkeit
der aktuelle Gesundheitszustand gemäß EQ-5D VAS
die Lebensqualität gemäß der körperlichen und psychischen Subskala des SF-12-Fragebogens
Angst
Depression
Stressempfinden
Fatigue
Zudem gaben jeweils etwa zwei Drittel der Befragten an, sich mehr zu bewegen, stärker auf die eigene Ernährung zu achten und besser mit Stress im Alltag umzugehen. Nur 28 % verneinten, dass sich ihr Gesundheitszustand verbessert habe.
1. Langhorst J. 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin; Vortrag „Komplementäre und Integrative Therapie in der Hämatologie und Onkologie“
2. Gottfried J. 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin; Vortrag „Aspekte komplementärer Onkologie – was & für wen?“