Empfehlungen für Darm-, Pankreas- und Lungenkarzinome

Krebsfrüherkennung: Warum, ab wann und wie?

Diabetes Kongress 2026
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Menschen mit Diabetes haben ein um 18–49 % erhöhtes Risiko für Darmkrebs.

Ein Diabetes erhöht das Risiko für verschiedene Tumorerkrankungen. Dementsprechend lohnt es sich, Früherkennungsmaßnahmen durchzuführen. Wie das bei Darmkrebs und Pankreaskarzinomen aussehen kann und wie erfolgreich das Lungenkrebsscreening in der Gruppe der Menschen mit Diabetes ist, wurde von drei Experten diskutiert.

Das Darmkrebsrisiko ist bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um 18—49 % erhöht, konstatierte PD Dr. Christian Pox vom Krankenhaus St. Joseph-Stift in Bremen.1 Und die, die erkranken, haben auch eine schlechtere Prognose, mit einer um 17–53 % gesteigerten Mortalität.

Menschen mit Diabetes erkranken früher als diejenigen ohne Diabetes. Es stellt sich daher die Frage, ob man mit der Früherkennung nicht drei bis vier Jahre eher beginnen sollte, so Dr. Pox. Die allgemeine Empfehlung für die Allgemeinbevölkerung lautet, ab dem 50. Lebensjahr eine Koloskopie oder einen immunologischen Test auf okkultes Blut im Stuhl durchzuführen. Bei Patient:innen mit positiver Familienanamnese, d. h. einem Verwandten ersten Grades mit einem Kolorektalkarzinom, schon früher.

 

Stoffwechselveränderungen deuten auf Pankreastumoren hin

Auch beim Pankreaskarzinom könnte sich eine Früherkennung in bestimmten Situationen lohnen. Wie Prof. Dr. Hans Scherübl, Charité – Universitätsmedizin Berlin, berichtete, ist die Beziehung zwischen Diabetes und Tumoren der Bauchspeicheldrüse bidirektional: letztere können einen Diabetes induzieren, umgekehrt erhöhe ein langjähriger Typ-2-Diabetes, der also seit mehr als fünf Jahren besteht, das Risiko von Pankreaskarzinomen um 50 % bis 100 %.2 Den Tumoren gehe in 25–30 % der Fälle ein neu aufgetretener Diabetes voraus.

Ein Gewichtsverlust und neu aufgetretener Diabetes können Warnsymptome eines Pankreaskarzinoms sein, hob Prof. Scherübl hervor. Diese treten circa ein bis drei Jahre vor der Diagnose des Tumors auf. Die Hoffnung bestehe, das diagnostische Fenster anhand der Stoffwechselveränderungen vorzuverlagern – denn bisher wird Bauchspeicheldrüsenkrebs meist erst in späten Stadien erkannt.

Kasuistik: 65-Jährige mit starkem Gewichtsverlust

Prof. Scherübl präsentierte den Fall einer 65-jährigen übergewichtigen Patientin, die sich mit neu aufgetretenem Diabetes (Blutzucker: 377 mg/dl; HbA1c: 10,2 %; HOMA-Index: 12,5 g/l) vorstellte. Innerhalb der vergangenen sechs Monate habe sie 10 kg an Körpergewicht verloren und wiegt bei einer Größe von 1,67 m noch 77 kg. Für diese Situation gebe es seit mehreren Jahren Empfehlungen des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) in London. Diese sehen vor, bei Patient:innen ≥ 60 Jahre mit neu aufgetretenem Diabetes und Gewichtsverlust eine Pankreas-Bildgebung innerhalb von 14 Tagen durchzuführen. In der Tat wurde bei der Patientin ein Pankreasschwanzkarzinom entdeckt. Es erfolgte eine Pankreaslinksresektion und Splenektomie, im Anschluss erhielt die Frau eine adjuvante mFOLFIRINOX-Chemotherapie. Der Typ-2-Diabetes wurde umklassifiziert in einen pankreatogenen Diabetes (Typ-3c).

Stadienshift im Lungenkrebsscreening geringer ausgeprägt

Ziel des Lungenkrebsscreenings ist es, Tumoren in früheren Stadien zu diagnostizieren, in denen eine Heilung noch möglich ist, erinnerte Dr. Torsten-Gerriet Blum, Lungenklinik Heckeshorn, Berlin.3 Zum Screening bei Diabetespatient:innen gebe es allerdings nur wenige Daten.

Die Ergebnisse der National-Lung-Screening-Studie deuten darauf hin, dass der Stadienshift in dieser Gruppe geringer ausgeprägt ist. Möglicherweise kommt es aufgrund des Diabetes zu einer rascheren Progression der Lungenkarzinome, vermutet Dr. Blum. Darüber hinaus fiel die Gesamtletalität in der Diabeteskohorte höher aus, ebenso die nicht lungenkrebsbedingte Sterblichkeit und tendenziell die lungenkrebsbedingte Mortalität.

Auffällig sei, dass Diabetespatient:innen eine höhere Teilnahmebereitschaft am Lungenkrebsscreening zeigen. Allerdings sei die Effektivität in dieser Personengruppe mutmaßlich reduziert, unter anderem aufgrund der schlechteren Bildqualität, die von einer häufig begleitenden Adipositas herrührt. Möglicherweise könnte man aber zukünftig durch das Screening diabetesbedingte Komorbiditäten besser erkennen, zum Beispiel Sarkopenie und Adipositas, so der Referent.

Die aktuelle Evidenz rechtfertige es jedenfalls nicht, Diabetespatient:innen vom Screening auszuschließen. Man sollte sie aber über das potenziell schlechtere Nutzen-Risiko-Verhältnis, unter anderem über die Gefahr von Überdiagnosen und -therapien, aufklären, forderte Dr. Blum.

1. Pox C. Diabetes Kongress 2026; Vortrag: „Vorsorge Darmkrebs“

2. Scherübl H. Diabetes Kongress 2026; Vortrag: „Pankreaskrebs-Früherkennung bei NOD-Diabetes nach 60?"

3. Blum TG. Diabetes Kongress 2026; Vortrag: „Lungenkrebs-Screening bei Diabetes & Rauchen“

Portraitbild Dr. Miriam Sonnet

Dr. Miriam Sonnet

Freie Autorin und Redakteurin

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