Heterogene Gruppe

Was betagte CRC-Erkrankte brauchen

ESMO Gastrointestinal Cancers Congress 2026
|Erschienen am: 
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60 % der CRC-Fälle werden im Alter von 65 Jahren oder mehr diagnostiziert.

Was verkraften Senior:innen mit CRC und welche Therapien nützen im Alter wenig? Zwei Experten berichteten anlässlich neu publizierter Praxisempfehlungen für ältere Betroffene.

Inhaltsverzeichnis

Die Daten zur adjuvanten Chemotherapie bei älteren Erwachsenen sind sehr beschränkt und beziehen sich überwiegend auf „studienfitte“ Patient:innen, kritisierte Dr. Demetris Papamichael, Bank of Cyprus Oncology Centre, Nikosia.1 Er fordert pragmatische Studien in dieser Population, die die Behandlungsrealität widerspiegeln.

Im Stadium II fällt der Vorteil durch eine adjuvante Chemotherapie schon in der Gesamtpopulation gering aus. In Auswertungen älterer Studien wurden nur 3–5 % zusätzlich zur OP geheilt, was einer Number needed to treat von etwa 20 entspricht. „Diesen Patient:innen eine adjuvante Behandlung zu geben, ist unter den besten Voraussetzungen kontrovers“, kommentierte der Kollege. Darüber hinaus schien der Effekt in einer Subgruppenanalyse mit dem Alter abzunehmen.

 

Adjuvante Chemotherapie in Stadium II meist überflüssig

Demzufolge sehen die Expert:innen in Praxisempfehlungen für Über-70-Jährige, die vor Kurzem publiziert wurden, eine sechsmonatige adjuvante Therapie mit Fluoropyrimidinen nur bei hohem Risiko (pT4, N0) und pMMR/MSS vor. Dr. Papamichael ergänzte: „Aber auch diesen Patient:innen keine Behandlung zu geben, erscheint mir vollkommen nachvollziehbar.“ Für alle übrigen Konstellationen raten sie zu einer Beobachtung.

Der Onkologe erinnerte zudem daran, dass zuallererst ein geriatrisches Screening stattfinden muss, mit oder ohne formales Assessment: „Irgendeine Form eines geriatrischen Screenings ist eine Mindestvoraussetzung, bevor man eine Entscheidung trifft.“ Die weitere Therapie richtet sich nach dem Ergebnis und beruht außerdem auf gemeinsamer Entscheidungsfindung.

Oxaliplatin: Mehr Abbrüche, moderater Zusatznutzen

Im Stadium III diskutieren Fachleute u. a. über den Zusatznutzen durch Oxaliplatin für Ältere. Angesichts widersprüchlicher Befunde geht Dr. Papamichael davon aus, dass ein möglicher Benefit gering ist. In einer gepoolten Analyse von mehr als 17.000 Stadium-III-​Patient:innen, die adjuvantes CAPOX oder FOLFOX erhielten, zeigte sich kaum ein altersassoziierter Unterschied beim DFS. Personen über 70 brachen allerdings häufiger die Therapie früh ab (21,9 % vs. 15,2 %) und erhielten eine geringere relative Dosisintensität, besonders bei sechsmonatigen Regimen. Auch bestimmte Grad-3/4-Ereignisse waren häufiger.

Die Panelempfehlungen erwähnen in diesem Stadium je nach Screeningergebnis/Fitness, Risiko und MMR-/Mikrosatellitenstatus verschiedene Chemotherapieoptionen. Dazu zählen sechs Monate eines Fluoropyrimidins, drei Monate CAPOX oder auch FOLFOX. „Ich würde zögern, Patient:innen über 70, 75 Jahren sechs Monate FOLFOX zu geben“, schätzte der Referent ein. Eine Alternative sieht er darin, an drei Monate FOLFOX drei Monate einer Fluoropyrimidin-Monotherapie anzuschließen.

Sind Tumoren Älterer anders?

Bei hochaltrigen CRC-Patient:innen unterscheidet sich die Tumorbiologie von jüngeren Erkrankten. Ihre Karzinome sind häufiger rechtsseitig lokalisiert (> 50 % vs. 35 %), MSI-H/dMMR (15–20 % vs. 5–10 %) und BRAFV600E-mutiert (12–25 % vs. 5–15 %). Außerdem gibt es häufiger Polypen mit Sägezahnstruktur und Alterationen im CIMP-Signalweg. Nicht zuletzt kamen in der Kohorte der ACCENT/IDEA-Studie signifikant mehr T4-Tumoren vor.

Auch bei metastasierter Erkrankung steht eine geriatrische Beurteilung an erster Stelle, berichtete Dr. Gabor Liposits, Kantonsspital St. Gallen.2 Fällt das Screening, beispielsweise mit dem G8-Fragebogen, unauffällig aus, können Ärzt:innen gemäß der ESMO-Leitlinien behandeln. Ebenso gibt es eine Gruppe, für die offensichtlich nur eine Supportivversorgung infrage kommt.

Komplexer gestaltet sich die Therapieentscheidung bei der Mehrheit der Über-70-Jährigen, die zwar vulnerabel, aber durchaus behandlungsfähig sind. Hier muss gemäß der Empfehlungen eine umfassende Diagnostik inklusive molekularer Analysen (RAS, BRAF, MMR-/Mikrosatellitenstatus) stattfinden, gefolgt von Shared Decision Making.

Auch bei Metastasen manchmal Watch-and-Wait möglich

Bei geringer Tumorlast, günstiger Tumorbiologie, Symptomfreiheit und/oder Patient:innenwunsch lässt sich gegebenenfalls auf intensive Therapien verzichten. Dr. Liposits schilderte: „Dann können wir Watch-and-Wait oder weniger intensive Chemotherapien mit oder ohne zielgerichtete Wirkstoffe anwenden.“ Im Fall einer symptomatischen Erkrankung oder ungünstigen Biologie richten sich die Empfehlungen nach dem molekularen Profil. Dabei sollte zunächst der MMR-/Mikrosatellitenstatus beurteilt werden (s. Kasten).

Offene Fragen bei der Immuntherapie

Behandlungsbedürftige alte mCRC-Erkrankte mit dMMR/MSI-H-Tumoren sollten gemäß der Empfehlungen in der Erstlinie Pembrolizumab oder Nivolumab/Ipilimumab erhalten. Offen bleibt gemäß Dr. Liposits, welche Personen von einer CPI-Dublette profitieren, wie lange die Immuntherapie dauern sollte und ob man diese phasenweise unterbrechen kann.

Grundsätzlich schien eine duale Checkpoint-Inhibition mit Nivolumab/Ipilimumab in CheckMate 8HW klinische Vorteile gegenüber einer Monotherapie zu erzielen. Allerdings nahmen nur fitte Erkrankte teil, und es gab doppelt so häufig ernsthafte unerwünschte Ereignisse und mehr Therapieabbrüche. Eine entitätenübergreifende Metaanalyse bei Älteren deutet wiederum darauf hin, dass diese nicht von einem zusätzlichen CTLA4-Inhibitor profitieren (HR gegenüber PD(-L)1-Monotherapie 0,92; 95%-KI 0,83–1,02; p = 0,13).

Daten aus BREAKWATER belegen, so Dr. Liposits, dass Encorafenib/Cetuximab (EC) bei BRAFV600E-Mutation keine gleichwertige chemofreie Alternative zu EC + mFOLFOX6 darstellt. Aufgrund des oft aggressiven Verlaufs sei eine Zweitlinientherapie zudem vielfach keine Option. Sein Fazit: „Bei den meisten Patient:innen brauchen wir ein Chemotherapie-Backbone.“ Eignen sich Betroffene nicht für Oxaliplatin, lasse sich EC stattdessen auch mit FOLFIRI kombinieren, wie neue Daten stützten.

RAS/BRAF-WT: Panitumumab + 5-FU reicht für Ältere

Bei einer RAS-Mutation empfiehlt sich in der Erstlinie eine Kombination aus Bevacizumab und Capecitabin oder 5-FU/Leucovorin. Für doppelt wildtypische Erkrankte existieren wiederum bereits altersspezifische Daten aus der PANDA-Studie. Den Ergebnissen zufolge beeinflusste es die Prognose nicht, ob man zusätzlich zu Panitumumab FOLFOX oder 5-FU/Leucovorin gibt. „Für vulnerable ältere Erkrankte scheint Panitumumab mit 5-FU und Leucovorin eine exzellente Option zu sein“, schlussfolgerte der Experte.

1. Papamichael D. ESMO Gastrointestinal Cancers Congress 2026; Vortrag „Practice perspective on the management of colorectal cancer in older adults: Reporting from an expert panel consensus to guide daily clinical practice; Part 1 – Adjuvant setting“

2. Liposits G. ESMO Gastrointestinal Cancers Congress 2026; Vortrag „Practice perspective on the management of colorectal cancer in older adults: Reporting from an expert panel consensus to guide daily clinical practice; Part 2 – Metastatic disease“

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