Doppelte Konsolidierung, Screening und neue Operabilitätskriterien
In der aktualisierten Living Guideline zum Lungenkrebs erhält u. a. die Immuntherapie beim Kleinzeller Unterstützung. Dank neuer Kriterien kommen außerdem potenziell mehr NSCLC-Erkrankte für eine OP infrage. Prof. Wolfgang Schütte vom Krankenhaus Martha-Maria in Halle-Dölau gibt im Interview Auskunft zu den wichtigsten Änderungen.
Sehr geehrter Prof. Schütte, welche neuen Behandlungsoptionen eröffnet die aktualisierte S3-Leitlinie „Lungenkarzinom" gegen fortgeschrittene SCLC?
Prof. Dr. Wolfgang Schütte: In die neue Leitlinie wurde für Kleinzeller unter anderem die doppelte Konsolidierung mit Atezolizumab und Lurbinectidin aufgenommen. Bisher geben Ärzt:innen zur Dauerbehandlung nach der Chemoimmuntherapie nur einen Checkpoint-Inhibitor. Gemäß neuen Daten leben Erkrankte allerdings deutlich länger, wenn sie zusätzlich das etwas andere Zytostatikum Lurbinectidin erhalten.
Eine weitere Neuerung bietet Tarlatamab als Option für die Zweitlinie. Der bispezifische Antikörper hat einen neuartigen Wirkmechanismus: Er bindet über DLL3 an die Tumorzelle und gleichzeitig an Immunzellen. Damit wirkt er ähnlich wie eine Zelltherapie. Auch hier gab es in Studien einen Überlebensvorteil gegenüber der Standardbehandlung.
Beim NSCLC wurden wiederum die Empfehlungen zur Operabilität angepasst. Was hat sich geändert?
Prof. Schütte: Die Operabilität richtet sich nach mehreren Kriterien. Es gibt eine technische Operabilität, eine onkologische Operabilität und eine Operabilität aufgrund des Gesamtzustands des/der Erkrankten. Neu ist, dass die zuständige Arbeitsgruppe neben „eindeutig operabel" und „eindeutig ungeeignet" mit „möglicherweise operabel" eine dritte Kategorie einführt. Patient:innen, die so eingestuft werden, können beispielsweise eine neoadjuvante Chemoimmuntherapie bekommen. Anschließend reevaluieren Ärzt:innen, ob sie eventuell doch operabel sind. Damit erhöhen wir potenziell die Zahl der Erkrankten, die letztendlich operiert werden können.
Welche Rolle spielen neoadjuvante Therapien?
Prof. Schütte: Allgemein hat die Neoadjuvanz durch die neoadjuvante Chemoimmuntherapie einen riesigen Stellenwert erhalten. Eine solche Behandlung erhöht bei NSCLC mit einer PD-L1-Expression > 1 über fünf Jahre hinweg die Überlebenschancen. Wir glauben sogar, dass die Immuntherapie neoadjuvant intensiver wirkt, weil noch mehr Antigen im Körper vorhanden ist.
Diese neuen Möglichkeiten, inklusive der Option einer perioperativen Therapie, können die Operabilität steigern, falls man eine sehr gute Remission erreicht. Das gilt zum Beispiel bei mediastinaler Infiltration, Strukturinfiltration oder Bedenken aus funktionellen Gründen.
Berücksichtigt die Leitlinie bereits das kürzlich eingeführte Lungenkrebs-Screening in Deutschland?
Prof. Schütte: Wir haben in den Empfehlungen noch einmal klar geregelt, wie das primäre Screening laufen sollte. Zusätzlich gibt es Informationen dazu, wie Ärzt:innen mit verdächtigen Befunden umgehen sollten und wie die weitere Betreuung der Patient:innen aussehen sollte. Durch die Zulassung in diesem Jahr hat das natürlich hohe Relevanz.
In welchen Bereichen sehen Sie noch besonders viel Forschungsbedarf?
Prof. Schütte: Besonderen Forschungsbedarf sehe ich weiterhin bei der Systemtherapie, vor allem in der Zweitlinie. Auch gibt es offene Fragen zu Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten. Sie haben anscheinend ein großes Potenzial, aber wir sind noch nicht sicher, in welcher Situation wir sie einsetzen sollen. Nicht zuletzt gibt es trotz der großen Fortschritte beim kleinzelligen Lungenkarzinom dort weiteren Forschungsbedarf.
S3-Leitlinie „Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Lungenkarzinoms“; AWMF-Registernummer 020-007OL