Neue Leitlinie zur Tuberkuloseprävention bei Migranten
Zugewanderte bringen oft ein hohes Tuberkuloserisiko mit. Eine neue S3-Leitlinie bündelt evidenzbasierte Strategien zu Screening, Diagnostik und Prävention – mit Fokus auf Risikofaktoren, latente Infektionen und gezielte Therapieoptionen.
Mit einer Inzidenz von etwa 5/100.000 Einwohnern ist die Tuberkulose in Deutschland eine seltene Erkrankung. Ein Großteil der Fälle (75 %) betrifft dabei Menschen, die in anderen Ländern geboren und neu zugewandert sind. Insbesondere bei Personen, die aus Ländern mit einer hohen Tuberkuloseinzidenz stammen, kann das Tuberkuloserisiko im Rahmen der Migration bzw. Flucht deutlich erhöht sein. Um die entsprechende Prävention bei neu zugewanderten Menschen zu verbessern, haben verschiedene Fachgesellschaften unter Federführung der DGP eine S3-Leitlinie herausgegeben. Sie umfasst insgesamt 38 Empfehlungen, wobei sieben davon speziell Kinder und Jugendliche betreffen.
Screenings bei neu zugewanderten Menschen
Generell empfehlen die Leitlinienautorinnen und -autoren die Erhebung der Anamnese bei allen neu zugewanderten Menschen. Erfragt werden sollten unter anderem entsprechende Risikofaktoren und vorangegangene Tuberkuloseerkrankungen. Bei Personen aus Hochinzidenzländern (> 100/100.000) sowie bei Vorliegen individueller Risikofaktoren wird ein Screening auf aktive Tuberkulose durchgeführt, bestehend aus Symptomabfrage (siehe Kasten) und Röntgen-Thorax. Ist die Person asymptomatisch und das Röntgen unauffällig, erfolgt eine Testung auf eine latente tuberkulöse Infektion mittels IGRA (bevorzugt) oder alternativ ein Tuberkulin-Hauttest.
Verdächtige Symptome
Allgemeinsymptome wie Abgeschlagenheit, Nachtschweiß, Fieber, Gewichtsverlust
pulmonale Symptome wie Husten > 2 Wochen mit und ohne Auswurf; Auswurf oder Hämoptysen
extrapulmonale Symptome wie z. B. einseitige Lymphknotenvergrößerung, Gibbusbildung oder Schmerzen im BWS-Bereich
Bei immunkompetenten, asymptomatischen Menschen im Alter von unter 65 Jahren, die keine zusätzlichen Risikofaktoren (z. B. Kontakt zu einer erkrankten Person mit ansteckungsfähiger Lungentuberkulose innerhalb der letzten zwölf Monate, hohes Expositionsrisiko durch Aufenthalt in Flüchtlingscamps oder Krisenregionen, HIV-Infektion) aufweisen, kann zunächst auch ein IGRA durchgeführt werden, sofern Röntgen nicht möglich ist oder abgelehnt wird.
Beim Bestehen zusätzlicher Risikofaktoren (radiologische Hinweise auf spezifische Residuen, bekannte frühere Erkrankung an Tuberkulose) sollte innerhalb eines Jahres ein Follow-up-Screening durchgeführt werden. Bei Hinweisen auf eine extrapulmonale Tuberkulose (z. B. einseitige Lymphknotenschwellung), sollte darüber hinaus eine leitliniengerechte organbezogene Diagnostik erfolgen.
Bei Personen aus Ländern mit niedriger Tuberkuloseinzidenz (< 100/100.000) erfolgt kein routinemäßiges Screening, sofern keine zusätzlichen Risikofaktoren vorliegen.
Präventive Therapie
Um einer Tuberkulose bei nachgewiesener TB-Infektion vorzubeugen, soll eine Therapie mit Rifampicin über vier Monate (4R) oder mit Isoniazid + Rifampicin über drei Monate (3HR) erfolgen. Bei Kontraindikationen oder Unverträglichkeit ist auch eine Isoniazid-Monotherapie über sechs bis neun Monate möglich (6-9H).
Die Kommunikation muss sprach- und kultursensibel der Zielgruppe angepasst werden
Die Leitlinienautorinnen und -autoren betonen, dass neu zugewanderte Menschen, die für ein Screening oder eine (präventive) Therapie der Tuberkulose infrage kommen, umfassend, verständlich und respektvoll informiert werden sollen. Die Aufklärung muss zielgruppengerecht, sprach- und kultursensibel sowie personenorientiert erfolgen, um eine informierte Entscheidung zu ermöglichen. Zudem sollen Informationsangebote so gestaltet sein, dass sie keine Stigmatisierung einzelner Gruppen fördern, sondern niedrigschwellig und wertschätzend zur Teilnahme am Screening motivieren.Darüber hinaus sollen die Betroffenen persönliche Unterlagen erhalten, die wichtige Befunde, Therapieinformationen, Empfehlungen zur Nachsorge sowie Kontaktdaten der betreuenden Einrichtungen enthalten, um die Kontinuität der Versorgung sicherzustellen.Die Autorinnen und Autoren empfehlen außerdem, die Patientinnen und Patienten auch bei unauffälligem bzw. negativem Screening über das weiterhin bestehende Erkrankungsrisiko aufzuklären.
Einen Sonderfall stellen zugewanderte Menschen aus Ländern mit hohen Resistenzraten (multiresistent/rifampicinresistent; MDR/RR-Tuberkulose > 10 %) dar. Hier sollte die Entscheidung für oder gegen eine präventive Therapie in Rücksprache mit einem spezialisierten Tuberkulosebehandlungszentrum und nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Bei engem Kontakt mit einer an infektiöser pulmonaler MDR-/RR-Tuberkulose erkrankten Person erfolgt die präventive Therapie auf Basis einer individuellen Risikobewertung (u. a. Alter, Aufenthaltsdauer, Immunstatus) und der Resistenztestergebnisse des Indexfalls.
S3-Leitlinie „Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen (TB-Risk)“; AWMF-Register-Nr. 020-029; www.awmf.org