Low Value Care

Die Ursachen von Fehlversorgung in der Arzneimitteltherapie

Podcast
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 6 Min
Beispiele für Arzneimittel, die oft zur Dauermedikation werden, sind Allopurinol und PPI (Symbolbild).

Eine Verordnung, die vor einigen Jahren noch dem Stand der Wissenschaft entsprach, kann heute unpassend sein. Trotzdem wird die Therapie manchmal nicht angepasst. Typische Kandidaten sind Allopurinol und PPI. Zwei Experten erläutern, woran das liegt und welche Folgen es hat.

Inhaltsverzeichnis

Arzneimittel-Fehlversorgung in aller Kürze

Fehlversorgung in der Arzneimitteltherapie (auch „Low Value Care“ genannt) entsteht, wenn eine Behandlung trotz verändertem Wissensstand fortgeführt wird, obwohl ihr Nutzen die Risiken nicht mehr ausreichend überwiegt. Auch eine notwendige Behandlung, die nicht erfolgt, zählt zur Fehlversorgung. Entscheidend ist immer die individuelle Situation der Patientin oder des Patienten.

Was kann Fehlversorgung in der Arzneimitteltherapie aussehen?

© Prof. Dr. Daniel Grandt

Prof. Dr.Daniel Grandt, Gastroenterologe und Vorsitzender der Kommission Arzneimittel­therapie­management und Arzneimitteltherapiesicherheit der DGIM

Ein Patient bekommt seit Jahren Allopurinol wegen erhöhter Harnsäurewerte, obwohl er noch nie einen Gichtanfall hatte. Früher hätte diese Medikation der allgemeinen Lehrmeinung entsprochen, erklärt Prof. Dr. Daniel Grandt in einer neuen Folge des Podcasts O-Ton Innere Medizin. Er ist Gastroenterologe und Vorsitzender der Kommission Arzneimitteltherapiemanagement und Arzneimitteltherapiesicherheit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Außerdem war er bis Oktober 2025 Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken. Heute verschreibe man Allopurinol nur dann, wenn es bereits einen Gichtanfall gab, stellt er klar. Dieser neue Wissensstand sei aber noch nicht überall in der Therapie angekommen. Dabei sei das Medikament hierzulande der häufigste Auslöser lebensbedrohlicher Hautnebenwirkungen – nicht, weil es so gefährlich ist, sondern weil es so oft verordnet wird.

Medikationsentscheidungen wie diese werden in der Versorgungsforschung als „Low Value Care“ bezeichnet: Therapien, deren Nutzen für die Patientin oder den Patienten – mit Blick auf Risiko und Aufwand – nicht zu  empfehlen sind. Der Begriff umfasst aber auch Therapien, die sinnvoll und indiziert wären, aber nicht erfolgen.

Welches Ausmaß hat „Low Value Care“ in Deutschland?

© Zi / Lopata

Dr. Dominik von Stillfried, Vorsitzender des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung

Wie umfangreich das Problem in Deutschland ist, lässt sich laut Dr. Dominik von Stillfried, dem Vorsitzenden des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), bedingt beziffern. So untersuchten die Techniker Krankenkasse, die Technische Universität Berlin und das Zi gemeinsam 24 Leistungen, die international als mögliche Low Value Care diskutiert werden. Das Ergebnis fiel für Deutschland überraschend niedrig aus: Die gesamten Ausgaben für die als fragwürdig eingestuften Leistungen beliefen sich je nach Definition auf 15,5 bzw. 9,9 Millionen Euro – gemessen am gesamten Gesundheitswesen ein kleiner Betrag.

O-Ton Innere Medizin, Folge 61

Low Value Care in der Arzneitmitteltherapie

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Welche ärztlichen Leistungen und Verordnungen sind oft unnötig?

Als Leistungen, die oft unnötig erbracht werden, identifizierte die Studie von Zi, TK und TU Berlin z. B.:

  • Laborbestimmungen von freiem T3 und T4 bei bekannter Schilddrüsenunterfunktion

  • Tumormarkertests ohne Krebsdiagnose

  • Verordnung von Benzodiazepinen bei älteren Menschen

  • Antibiotikaverordnungen bei Atemwegsinfektionen

  • Gastroskopien bei Dyspepsie

  • Streptokokken-Tests bei Rachenentzündungen

Dr. von Stillfried warnt jedoch davor, allein aus Abrechnungsdaten  zu schließen, welche Verordnung im Einzelfall gerechtfertigt war. Ob eine zusätzliche Laborkontrolle bei Schilddrüsenunterfunktion sinnvoll ist, hänge beispielsweise davon ab, ob die Medikamenteneinstellung schwierig verläuft – eine Information, die in den Abrechnungsdaten nicht auftaucht. Auch Prof. Grandt betont: Low Value Care lässt sich nie pauschal feststellen, sondern muss immer patientenindividuell beurteilt werden.

Warum verstetigen sich Arzneimitteltherapien, obwohl sie veraltet sind?

Wie sich Verordnungen verstetigen, obwohl sich der Wissensstand längst geändert hat, erklärt Prof. Grandt am Beispiel der Protonenpumpenhemmer: Eine irische Studie zeigte, dass gesunde Probandinnen und Probanden nach vierwöchiger Einnahme und anschließendem Absetzen unter Sodbrennen litten, während die Placebogruppe beschwerdefrei blieb – eine reaktive Übersäuerung des Magens. Das Medikament schaffe sich damit gewissermaßen seine eigene Indikation.

Ein Grund für die Verstetigung liegt nach Einschätzung beider Gesprächspartner auch im Verhalten der Patientinnen und Patienten. Wer über Jahre an ein Medikament gewöhnt ist, glaube mitunter, dass man ihm eine notwendige Behandlung vorenthalte, wenn man es nicht mehr verschreibt. „Die Leute wechseln eher ihren Arzt als ihr Medikament“, bestätigt Dr. von Stillfried. Daten des Zi zeigen: Insgesamt suchen 30 % der Versicherten einen zweiten Hausarzt auf, 13 % sogar drei oder mehr – und gerade in dieser Gruppe häufen sich fragwürdige Verordnungen und Mehrfachmedikation.

Können eine elektronische Medikationsliste oder KI Fehlversorgung verhindern?

Digitale Werkzeuge könnten nach Ansicht beider Gäste helfen. Die elektronische Medikationsliste zeigt inzwischen, welche Wirkstoffe jemand von verschiedenen Ärztinnen und Ärzten verordnet bekommt. Belastbare Studien zu ihrer Wirkung auf die Verordnungspraxis fehlen laut Dr. von Stillfried aber noch. Prof. Grandt mahnt, ein vollständiger, im Hintergrund automatisch aktualisierter Medikationsplan sei angesichts der schieren Zahl an Verordnungen die Voraussetzung dafür, dass Ärztinnen und Ärzte die Informationen im Alltag überhaupt nutzen können. Auch von künstlicher Intelligenz erwartet er Unterstützung. KI-Systeme wie das in den USA verbreitete Open Evidence, das ausschließlich auf validierte Fachliteratur zugreift, stehen in Europa aus regulatorischen Gründen derzeit nicht zur Verfügung.

Was muss sich ändern, damit Arzneimittel-Fehlversorgung messbar wird?

Mit Blick in die Zukunft fordert Prof. Grandt einen systematischen, kontinuierlichen aktualisierten Prozess, der Low Value Care in der Arzneimitteltherapie verbindlich definiert und über elektronische Systeme messbar macht. Dr. von Stillfried erwartet angesichts der im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vorgesehenen Mengenbegrenzung in der ambulanten und stationären Versorgung, dass die Debatte über Nutzen und Ressourcenverbrauch von verschiedenen Therapien in den kommenden Jahren eher zunimmt als abflaut.

Weitere Fragen und Antworten zu Low Value Care

Was ist Fehlversorgung in der Arzneimitteltherapie?

Fehlversorgung liegt vor, wenn eine Arzneimitteltherapie im individuellen Fall mehr Risiken oder Aufwand als Nutzen verursacht oder wenn eine notwendige Behandlung nicht erfolgt. Ob eine Verordnung sinnvoll ist, muss immer im Zusammenhang mit Diagnose, Beschwerden, Vorerkrankungen und anderen Medikamenten bewertet werden.

Was bedeutet „Low Value Care“?

„Low Value Care“ bezeichnet medizinische Leistungen, deren erwarteter Nutzen im Verhältnis zu Risiken, Belastungen und Kosten zu gering ist. Der Begriff umfasst auch notwendige Leistungen, die nicht erbracht werden. Eine Leistung ist deshalb nicht automatisch unnötig, nur weil sie in Abrechnungsdaten häufig vorkommt.

Ist Allopurinol bei erhöhter Harnsäure immer notwendig?

Nein. Eine erhöhte Harnsäure allein bedeutet nicht automatisch, dass Allopurinol erforderlich ist. Die Indikation hängt unter anderem davon ab, ob eine Gicht oder eine andere behandlungsbedürftige Situation vorliegt. Die individuelle Entscheidung sollte anhand der aktuellen medizinischen Leitlinien und der persönlichen Krankengeschichte getroffen werden.

Können Protonenpumpenhemmer nach dem Absetzen Sodbrennen verursachen?

Ja, nach längerer Einnahme kann vorübergehend wieder Sodbrennen auftreten. Als mögliche Erklärung gilt eine reaktive Mehrproduktion von Magensäure nach dem Absetzen. Beschwerden sollten nicht eigenständig mit einer neuen oder höheren Dosis behandelt werden, sondern medizinisch eingeordnet werden.

Wie lässt sich Mehrfachmedikation vermeiden?

Eine vollständige und aktuelle Medikationsliste ist eine wichtige Grundlage. Alle behandelnden Praxen sollten neue, weitergeführte und abgesetzte Medikamente kennen. Zusätzlich sollte regelmäßig geprüft werden, ob jedes Präparat weiterhin notwendig ist und ob Wechselwirkungen oder Doppelverordnungen bestehen.

Kann künstliche Intelligenz die Arzneimitteltherapie sicherer machen?

Künstliche Intelligenz kann medizinisches Personal bei der Prüfung von Wirkstoffen, Wechselwirkungen und Fachliteratur unterstützen. Sie ersetzt jedoch keine ärztliche Entscheidung. Die Qualität des Ergebnisses hängt von vollständigen Daten, geprüften Quellen und einer verantwortlichen fachlichen Kontrolle ab

Foto von Isabel Aulehla

Isabel Aulehla

Redakteurin Medical Tribune
Isabel Aulehla arbeitet seit 2019 im Ressort für Politik & Praxis der Medical Tribune, erst als Volontärin, dann als Redakteurin. Zuvor studierte sie Publizistik und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie befasst sich besonders gerne mit Themen rund um Behandlungsfehler und KI. Außerdem ist sie Host des Podcasts O-Ton Innere Medizin.

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