Über den Dächern dröhnen die Motoren

Fluglärm fördert Brustkrebs

Medical Tribune Bericht

FLÖRSHEIM/M. – Fluglärm erhöht deutlich das Risiko für Herz-Kreislauf- und koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall sowie Brustkrebs. Das belegen Untersuchungen des Epidemiologen Professor Dr. Eberhard Greiser. Er hat Daten des Flughafens Köln/Bonn und einer Mio. gesetzlich Krankenversicherter ausgewertet. Auch Anwohner des im Ausbau befindlichen größten deutschen Flughafens, Frankfurt/M., sind alarmiert.

Prof. Greisers Untersuchungen, die vom Bundesumweltamt und dem Rhein-Sieg-Kreis finanziert wurden, bestätigen eine Analyse von 2006, bei der der Bremer Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Fluglärm und der vertragsärztlichen Verordnung von Arzneimitteln zur Beruhigung, Blutdrucksenkung und gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachwies; Auslöser waren entsprechende Beobachtungen einer Ärzteinitiative aus dem Rhein-Sieg-Kreis gewesen.

Nun hat Prof. Greiser in einer Fall-Kontroll-Studie Klinikentlassungsdiagnosen von gesetzlich Krankenversicherten mit Fluglärmdaten des Flughafens Köln/Bonn verbunden
und Krankheitshäufigkeiten berechnet. Dabei wurden der Einfluss von Straßen- und Schienenverkehrslärm, soziale Merkmale und eine fluglärmfreie Kontrollgruppe berücksichtigt. Gravierende Unterschiede ergaben sich zwischen den Werten von Bürgern, die Anspruch auf die Finanzierung von Schallschutzfenstern fürs Schlafzimmer durch den Köln-Bonner Flughafen hatten bzw. die genau die­se Möglichkeit nicht hatten.

Experte: Toleranzwerte sind offenbar zu hoch

Es zeigt sich: Schon ab einem nächtlichen Dauerschallpegel von 53 Dezibel, wie er für die Ausweisung von Schutzzonen nach dem Fluglärmgesetz für neue oder wesentlich erweiterte zivile Flughäfen vorgesehen ist, verdoppelt sich bei Frauen ab 40 Jahren das Erkrankungsrisiko für stationär behandelte Herz-Kreislauf- und für koronare Herzerkrankungen, bei Schlaganfällen steigt das Risiko um 122 %. Der (für das Jahr 2004) maximal berechnete Dauerschallpegel in der Nähe des Flughafens Köln/Bonn lag am Tag bei 63 und in der Nacht bei 62 Dezibel.
In politischen Entscheidungen, Planfeststellungsverfahren und gerichtlichen Auseinandersetzungen zum Fluglärm sind demnach bislang zu hohe Toleranzwerte – 70 Dezibel am Tag und 55 in der Nacht –, angesetzt worden, schließt Prof. Greiser aus seinen Berechnungen.

Auch aufgrund anderer Studien im In- und Ausland, geht der Arzt von einer belegten Kausalität zwischen (nächtlichem) Fluglärm und Herz-Kreislauf-Krankheiten aus: Lärm ist ein Blutdruck erhöhender Stressor. Aber auch für Brustkrebs bei Frauen ab 40 Jahren, die ohne Schallschutzfenster dem Köln-Bonner Fluglärm ausgesetzt sind, stellte Prof. Greiser ein verdoppeltes Krankheitsrisiko fest, wenn der nächtliche Dauerschallpegel bei 53 (statt bei unter 40) Dezibel liegt. Mögliche Erklärung: Schlafstörungen mindern die Immunabwehr, insbesondere die Anzahl und Aktivität natürlicher Killerzellen, und erleichtern so die Entstehung bösartiger Neubildungen. Hier sieht er noch Forschungsbedarf. Das gilt auch für die gefundene Risikoerhöhung für Non-Hodgkin-Lymphome und Leukämien bei Frauen.

Für Krebs bei Männern ließ sich kein statistischer Zusammenhang erkennen. Möglicherweise reagieren Frauen sensibler als Männer auf Lärmstress, mutmaßt Prof. Greiser. Und außerdem sind sie seltener voll berufstätig als Männer, wären also in ihrer Wohnung länger als die Männer dem Fluglärm ausgesetzt.

Aktiver und passiver Schallschutz hilft

Kein Beleg fand sich dafür, dass Fluglärm das Herzinfarktrisiko erhöht. Auch psychische Erkrankungen ließen sich nur in einer Konstellation (Depressionen bei Frauen) mit nächtlichem Fluglärm in Zusammenhang bringen.

Im Januar stellte Prof. Greiser seine Ergebnisse bei einer Bürgerversammlung in Flörsheim am Main vor. Die nahe Rüsselsheim gelegene Stadt wird von der neuen Landebahn des Frankfurter Flughafens besonders betroffen sein (siehe Kasten). Anwesende Vertreter fluglärmgeplagter Kommunen zwischen Offenbach und Mainz sowie der Landtagsfraktionen von SPD, Grünen und Linken zeigten Interesse an einem ähnlichen Gutachten für den Ballungsraum Frankfurt – Kostenpunkt: 500 000 Euro, Erstellungsdauer: ein Jahr.

In und um Frankfurt sind etwa 1,7 Millionen Menschen von Fluglärm betroffen. Bei unterstellten gleichen Erkrankungsrisiken wie in Köln-Bonn schätzt Prof. Greiser für die Fraport-Nachbarn ohne Lärmschutz die Zahl der fluglärmbedingten Klinikfälle (bezogen auf zwei Jahre) auf über 13 000 Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 6000 Schlaganfälle, fast 14 500 koronare Herzerkrankungen sowie knapp 3000 Brustkrebserkrankungen bei Frauen ab 25 Jahren.
Die Quintessenz aus den Studien lautet: Schallschutz vermeidet Gesundheitsschäden. Doch im Sommer funktioniert der passive Schutz wegen der gekippten Fenster nicht (oder nur mit Klimaanlage). Bleibt der aktive Schallschutz: Flugbeschränkungen in der Nacht und Verbote bzw. Sanktionen für sehr laute Maschinen.

Zwei Flüge pro Minute
Mit seinem Planfeststellungsbeschluss genehmigte das Hessische Verkehrsministerium Ende 2007 den Ausbau des Frankfurter Flughafens, Deutschlands größten Airport. Durch den Bau einer zusätzlichen Landebahn im Nordwesten, die mit Rollbrücken über die A 3 und die ICE-Strecke Köln-Frankfurt mit dem jetzigen Flughafengelände verbunden wird, sollen im Prognosejahr 2020 rund 701 000 Flugbewegungen mit insgesamt 88,6 Mio. Passagieren (davon 45,8 Mio. Umsteigern) und 4,6 Mio. Tonnen Luftfracht möglich werden. Die Flugbetriebsregelung sieht eine Kontingentierung von 150 Flugbewegungen je Nacht (22 bis 6 Uhr) vor, von denen 17 planmäßig auf die Zeit von 23 bis 5 Uhr entfallen dürfen. Der Wald auf dem Gelände der Landebahn, die 2011 in Betrieb gehen soll, wurde bereits gerodet.

Der Hessische Verwaltungsgerichtshof bestätigte im vergangenen Jahr den Ausbau. Er hält aber die 17 planmäßigen Nachtflüge für rechtswidrig und plädiert für „annähernd null“ – auch als Ausgleich für die Belastung am Tag (Ist: 80 Flugbewegungen pro Stunde, Ziel: 120). Dagegen wähnt die Lufthansa ihre Frachttochter in der Existenz bedroht, wenn nicht mehr als 17 Flüge zwischen 23 und 5 Uhr erlaubt werden. In Abwägung der Belastung für die Bevölkerung mit den wirtschaftlichen Interessen der Fraport AG, der Luftverkehrsgesellschaften und der Speditionen sowie natürlich – so die offizielle Begründung – um Rechts­sicherheit zu erlangen, legte nun die hessische Landesregierung beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Revision gegen das VGH-Urteil ein – obwohl jenes genau das besagt, was Ministerpräsident Roland Koch (CDU) den Anwohnern um den Flughafen ursprünglich versprochen hatte: Einen Ausbau gibt es nur mit Nachtflugverbot. Ausbaugegner, Vertreter der vom Lärm betroffenen Kommunen und der Opposition im Landtag werfen Koch „Heuchelei“ und „Wortbruch“ vor.

MTD, Ausgabe 4 / 2010 S.18, Michael Reischmann, Foto: jupiterimages

Kommentare zum Artikel

#1Fluglärm fördert Brustkrebs

Medical Tribune / 04.03.10 06:32
Fluglärm erhöht deutlich das Risiko für Herz-Kreislauf- und koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall sowie Brustkrebs. Das belegen Untersuchungen des Epidemiologen Professor Dr. Eberhard Greiser. Er hat Daten des Flughafens Köln/Bonn und einer Mio. gesetzlich Krankenversicherter ausgewertet. Auch Anwohner des im Ausbau befindlichen größten deutschen Flughafens, Frankfurt/M., sind alarmiert.