Polizeibeamter gibt schlagkräftige Tipps zur Abwehr von aggressiven Patienten

Praxismanagement , Patientenmanagement Autor: Anke Thomas, Fotos: Anke Thomas

Anke Thomas

„Wir haben den Täter in den Besenschrank gesperrt“, informierte eine Krankenschwester die Polizei am Telefon. Der Mann hatte sich auffällig verhalten und mit Hilfe von Kollegen hatte die Schwester den (vermeintlichen) Dieb überwältigt. Was meinen Sie, durfte der Mann eingesperrt werden?, fragt Marcus Dannapfel, Polizeibeamter und Sicherheitsberater.

Wenn sich ein Mensch verdächtig benimmt, nicht auf Fragen reagiert und sich aus dem Staub machen will, darf der auch festgehalten, ja sogar in einer Besenkammer eingesperrt werden, löst Marcus Dann­apfel im Workshop „Polizeiruf 110 in der (Arzt-)Praxis! Von Aggressiven Patienten bis Zivilcourage“ beim 22. Heidelberger Tages der Allgemeinmedizin das Rätsel auf. Es gibt nämlich ein Festnahmerecht für jedermann, erklärt der Polizeibeamte, wobei es sich hier um ein Recht, nicht aber um eine Pflicht handelt.

Stempel, Rezeptformulare und Geldbeutel im Visier

Für Diebe sind Arztpraxen in zweierlei Hinsicht besonders interessant: Zum einen können Arztstempel und Rezeptformulare paradiesische Zeiten für Drogensüchtige oder Dealer möglich machen. Zum anderen, sagt Dannapfel, gibt es auch Banden, die sich auf die Pausenräume von Praxen spezialisiert haben. Im Vorfeld späht eine Gruppe aus, wo Taschen und Mäntel der MFAs gelagert werden. Später lenkt ein Teil der Truppe z.B. die MFA am Empfang ab, die anderen stehlen derweil Geldbeutel und Smartphones aus dem Pausenraum, warnt der Polizeibeamte.

Wenn Patienten oder plötzlich in der Praxis auftauchende Fremde aggressiv reagieren, ist es immer gut, wenn Kollegen aus dem Praxisteam dazukommen. Je mehr, desto besser, sagt Dannapfel. Wenn eine MFA oder ein Arzt zu bestimmten Zeiten (morgens, abends) alleine in der Praxis ist, sollte darauf geachtet werden, dass die Eingangstür von Fremden wegen eines z.B. Entriegelungsschnappers nicht einfach geöffnet werden kann. Ist eine Flucht z.B. auf die Straße nicht möglich, sollten sich Angegriffene besser nicht schüchtern geben.

Selbstbewusstes Auftreten und lautes Anschreien: Sie verlassen jetzt sofort die Praxis“ oder „Lassen Sie mich sofort los“ verunsichern Täter. Eine Untersuchung aus Hannover, macht Sicherheitsexperte Dannapfel aufmerksam, hat gezeigt, dass mehr als zwei Drittel der Täter ihr Unterfangen abbrechen und das Weite suchen. 85 % des restlichen Drittels lassen sich in die Flucht schlagen, wenn die oder der Angegriffene zur Tat schreiten und den Täter schlagen oder treten.

Wie kann sich eine MFA oder Ärztin gegen Angreifer wehren?

Dannapfel rät grundsätzlich von Mitteln ab, die – wenn der Täter sie in die Hand bekommt – zum Bumerang werden könnten. Pfefferspray gehört in diese Kategorie. Denn ers­tens, sagt Dannapfel, ist es im Eifer des Gefechts nicht ganz so leicht, den Angreifer tatsächlich mit dem dünnen Strahl des Sprays über z.B. eine Entfernung von ein bis zwei Metern zu treffen. Und zweitens wirkt das Spray erst nach fünf bis acht Sekunden. Damit bleibt einem Angreifer ausreichend Zeit, um zurückzuschlagen oder das Spray zu entwenden.

Wirksam: Trillerpfeifen oder Alarmanlagen für die Tasche

Ein einfaches und wirksames Mittel der Abwehr – auch z.B. auf dem Nachhauseweg im Dunkeln – ist der Schlüsselbund. Einen der Schlüssel zwischen die Finger geklemmt, steht eine effektive Waffe zur Verfügung. Auch Trillerpfeifen oder kleine Alarmanlagen verwirren Täter bzw. schlagen diese in die Flucht.

In manchen Situationen wird ­solch ein Hilfsmittel nicht so schnell zur Hand sein. Greift ein Täter an, sollte versucht werden, sich aus einer Umklammerung herauszudrehen, damit gegen das ungeschützte Schienbein oder kraftvoll auf den Fuß des Angreifers getreten werden kann, so Dannapfel. Ein Schlag auf den Kehlkopf ist je nach Position ebenfalls eine wirksame Abwehr. Im Workshop zeigt der Polizeibeamte die Bewegungen, die leicht geübt werden können.

Bei dem Versuch zuzuschlagen, denken die meisten an eine geschlossene Faust. Besser ist es aber, mit dem Handballen zu schlagen und die Kraft aus der Schulter herauszuholen, sagt Dannapfel.

Im Workshop dürfen die Teilnehmer alle mal kräftig auf einen Handschuh schlagen und damit ein Gespür für ihre eigene Kraft und die nötige Bewegung (für den besseren Stand ein Bein nach hinten) entwickeln. Ein wirkliches Training ist das nicht, räumt Dannapfel ein. Aber viele Täter sind absolut perplex, wenn ihnen Gegenwehr gezeigt wird. Und alleine das Üben kann schon eine Portion Selbstbewusstsein schenken, um Täter von vornherein zu schwächen.