Ärztliche Hilfe im syrischen Flüchtlingslagern im Libanon

Gesundheitspolitik Autor: MT

humdica e.V.

Die NGO humedica e. V. ist zurzeit im Libanon aktiv, so wie seit Jahren weltweit in humitären Krisengebieten. In einem Brief schildert die MT-Leserin und Ärztin Dr. Ingeborg Olzowy ihre Erlebnisse im syrischen Flüchtlingslager im Libanon.

12.5.2013

Ihr Lieben daheim!

Seit 1 Woche bin ich mit „Humedica“, einer kleinen NGO aus Kaufbeuren, im Libanon unterwegs, um syrischen Flüchtlingen, die dort zu vielen Tausenden sehr eingeengt in primitiven Lagern leben müssen,  medizinische Basis-Hilfe zu bringen.


Das Projekt läuft seit Mitte März und wird allein aus Mitteln von Humedica (Human Medical Care) finanziert, deshalb sind die Resourcen leider beschränkt. Wir arbeiten mit der lokalen christlichen Hilfsorganisation „Heart for Libanon“ zusammen, die eine Wohnung im Städtchen Zahle (ca 1,5 Stunden Fahrzeit von Beirut in Richtung Damaskus) und Mietwagen stellt, sowie die  lokalen Mitarbeiter auswählt.


Unser Arbeitsgebiet, die  Bekaa Ebene liegt auf ca. 700 bis 1000 m Höhe, zwischen den noch schneebedeckten Gebirgen Libanon und Anti Libanon. Die Nächte sind sehr kalt, aber mittags kann es  bis 35 Grad heiß werden. Da kann man sich vorstellen, wie ungemütlich das Klima in den Zelten der Flüchtlinge sein muss! Die Sicherheitslage ist noch relativ gut, wir können uns in der Stadt tagsüber frei bewegen, hören nachts aber manchmal Schüsse und vielleicht auch Bombeneinschläge. 


Unser Team besteht aus zwei Ärzten, einer Krankenschwester für Apotheke und Wundversorgung, einer Koordinatorin und einem Praktikanten. Morgens packen wir zwei Koffer mit Medikamenten, dann fahren wir nach kurzer Besprechung mit den libanesischen jungen Mitarbeitern David, Lajal und Ronnie gemeinsam los in unserem Kleinbus.  Eine halbe Stunde dauert die Fahrt, vorbei an Militärkontrollen und Panzern in eines der vielen umliegenden Flüchtlingslager.


David verhandelt mit den Camp Chefs und arbeitet in der „Apotheke“, Lajal und Ronnie arbeiten mit uns Ärzten als Übersetzer. Schnell werden zwei Tische und sechs Stühle ausgepackt, eines der Zelte ist in drei Minuten ausgeräumt - die Einrichtung besteht ja nur aus Teppich und Sitzpolstern -, dann kann die Sprechstunde beginnen. Unser Handwerkszeug besteht aus Stetoskop, Ohrenspiegel, Fieberthermometer, Lupe, Leuchte und Maßband, alle weiteren Untersuchungsinstrumente müssen wir durch Erfahrung, Instinkt und Improvisation ersetzen.


Unsere ausschließlich muslimischen Patienten leiden hauptsächlich unter Infektionen wie  Influenza, Bronchitis, Mandelentzündungen, auch mal Keuchhusten, Magen-Darm Erkrankungen, viele Hautveränderungen und Parasitosen wie Krätze und Würmer. Die Frauen, die normalerweise 8 bis 10 Kinder haben, leiden alle unter Eisenmangelanaemie. Viele Patienten haben Asthma, Herzerkrankungen und schmerzhafte Arthrosen. Unterernährt ist bisher niemand, aber die nervlichen Belastungen spiegeln sich in vielen psychosomatischen Erkrankungen wieder. 


Wir sehen pro Tag zwischen 80 und 180 Patienten. Die räumlichen Untersuchungsmöglichkeiten sind äußerst beschränkt, die Patienten können und wollen sich auch aus religiösen Gründen nicht entkleiden, da alles in der Öffentlichkeit stattfindet. Bei den Frauen ist es schon ein Problem, wenn man in die Ohren schauen will, weil sie das Kopftuch in Anwesenheit von Männern nicht abnehmen dürfen. Dazu herrscht ein Höllenlärm, der das Abhören von Lungengeräuschen fast unmöglich macht, es wird geschubst und gedrängelt und überall stehen neugierige Zaungäste, die sich über die willkommene Abwechslung im langweiligen Lagerleben freuen.


Unser Team funktioniert prima, wir sind bald Freunde. Es ist schön, dass man bei derartigen  Einsätzen regelmäßig auf Kameraden trifft, die die gleiche Wellenlänge haben. Unser Klientel besteht hauptsächlich aus armer Landbevölkerung, die infolge des Krieges ihre Felder nicht mehr bestellen und ihre Viehherden nicht mehr weiden lassen konnten, sie sind damit ihrer Lebensgrundlage beraubt und stehen jetzt vor dem Nichts.


Manche versuchen als Tagelöhner zu Dumpingpreisen auf den Feldern zu arbeiten, um sich ein wenig Geld zu verdienen, sind aber deshalb bei den Libanesen nicht gerne gesehen, weil sie ihnen die raren Arbeitsplätze wegnehmen. Die Preise steigen kontinuierlich und die Wohnungsmieten sind explodiert, weil die besser situierten Syrer jetzt in libanesischen Städten wohnen, reiche Libanesen wandern bereits nach Kanada aus, das Land ist im Umbruch.


Der kleine Libanon kann die Flüchtlingsströme nicht mehr verkraften, es gibt ja die vielen Palästinenserlager auch noch – die Lage spitzt sich zu, auch weil das Volk politisch und religiös zerrissen ist. Das kann nicht mehr lange gut gehen ...


Soviel für heute, seid herzlich gegrüßt,


Inge



humedica e. V.

 

Die humanitäre Hilfsorganisation humedica e.V. mit Sitz in Kaufbeuren, ist seit 1979 international in Krisengebieten im Einsatz. Die etwa 40 hauptamtlichen Mitarbeiter, werden von zahlreichen Ehrenamtlichen, darunter über 450 Ärzte, unterstützt. Sie leisten weltweit im Katastrophenfall medizinische Soforthilfe.


humedica versteht sich als christlich-überkonfessionlles Werk, das sich dem Gedanken der Nächstenliebe verpflichtet fühlt. Ziel der Arbeit ist es, Menschen in Notsituationen ungeachtet ihres religiösen, ethischen oder politischen Hintergrundes mit konkreter Hilfe zur Seite zu stehen.


Wer humedica unterstützen möchte, kann dies sowohl finanziell, aber auch durch seinen persönlichen Einsatz tun.

Das Spendenkonto:

Humedica e.V.
Konto 4747  BLZ 73450000 Sparkasse Kaufbeuren,

Stichwort „Syrische Flüchtlinge“

Quelle Text und Bilder: humedica e. V. / Dr. Ingeborg Olzowy, Kaufbeuren, 2013