Arznei-Beratungsprojekt: Gespräch, das sich lohnt

Gesundheitspolitik Autor: Ruth Bahners

Alexander Raths

Wie gehen wir mit der zunehmenden Multimorbidität älterer Menschen um? Welche Arzneimittelsteuerung ist dabei möglich? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Modellprojekts "Strukturiertes Arzneimittelmanage­ment" der KV Westfalen-Lippe.

Die KVWL betreibt dieses Leuchtturmprojekt seit dem 1. Oktober 2013 zusammen mit den niedergelassenen Ärzten des Praxisnetzes Siegerland, berichtete KV-Vorsitzender Dr. Wolfgang-Axel Dryden beim Gesundheitskongress des Westens.

Bisher sind die Barmer GEK und seit 1. April 2014 die Techniker Krankenkasse Partner. Ziel ist aber die Flächendeckung für Patienten aller Krankenkassen in Westfalen-Lippe.
70 Hausärzte des Praxisnetzes haben ihre Teilnahme erklärt, 39 sind bisher aktiv dabei.

Sie erhalten im ersten Schritt pseudonymisierte Patientenlisten mit Hinweisen auf mögliche Interaktionen von der KV. Wichtigstes Aufgreifkriterium ist die Verordnung von fünf verschiedenen Wirkstoffen in den letzten sechs Monaten.

Wenn die Patienten einverstanden sind, erhält der Arzt im zweiten Schritt für diese Patienten eine Medikamentenliste mit Zeitschiene. Darin sind auch die Verordnungen anderer Ärzte enthalten. Mithilfe dieser Informationen führt der Hausarzt ein Beratungsgespräch mit dem Patienten und kontaktiert Kollegen, um zu klären, was möglicherweise geändert werden könnte.

Einem Patienten 19 Präparate innerhalb eines halben Jahres verordnet

180 Patienten wurden im Berichtszeitraum vorgeschlagen, davon waren 110 bzw. 61 % mit einer Beratung einverstanden. Die relativ kleine Zahl liege an der lokalen Begrenztheit und daran, dass im Berichtszeitraum nur die Barmer GEK teilnahm, so die KV.

"Ein Patient bekam 19 verschiedene Präparate innerhalb eines halben Jahres verordnet", berichtete Dr. Dryden. Er wisse, dass das nicht einfach zu priorisieren sei, besonders wenn auch noch Verordnungen von "Koryphäen" darunter seien. Deshalb seine Empfehlung: "Fragen Sie doch einfach mal: ‚Nehmen Sie das eigentlich alles?’"

Weil diese Beratungen sehr zeitaufwendig sind, werden sie von den Krankenkassen besonders vergütet. Nach Auskunft von Dr. Hermann Kämpfer, Netzarzt aus der Region, gibt es 80 Euro pro Patient für die Erstellung eines Medikamentenplans und die Beratung des Patienten sowie 40 Euro für das Gespräch mit Kollegen. "Da lohnt es sich, auch am  Freitagabend oder Samstagmorgen eine halbe Stunde mit dem Patienten zu sprechen", meinte Dr. Kämpfer.

In der fallbezogenen Evaluation äußerten sich Ärzte und Patienten zufrieden mit dem Projekt. In 31 von 33 bisher eingegangenen Rückmeldungen zeigten sich die Ärzte durch das intensive Beratungsgespräch in der Behandlung unterstützt. Fast die Hälfte der Ärzte, nämlich 13, bestätigten Änderungen der Pharmakotherapie in quantitativer Hinsicht. Fast alle halten eine jährliche Wiederholung für notwendig.

Kritik am Modellprojekt von KBV und Apothekern

34 von 40 Patienten fühlten sich sicherer und waren stärker motiviert, die Medikamente regelmäßig einzunehmen. 17 stellten eine Veränderung ihrer Arzneimittelbehandlung fest. Beim Projekt der KV zur Verordnungssteuerung stehe nicht die Wirtschaftlichkeit, sondern die Patientensicherheit im Mittelpunkt, betonte Dr. Dryden.

Das Projekt der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände habe den Fehler, dass Einsparpotenziale hochgerechnet würden, die nicht überprüfbar seien.