Arztbewertung online: Müssen Sie um Ihren Ruf bangen?

Gesundheitspolitik Autor: Philipp Himstedt

Der neue Internet-Arztlotse der Ersatzkassen (vdek) stößt bei Bundesärztekammer und Hausärzteverband auf wenig Gegenliebe. Vor allem die Freitextfelder, die den Patienten zur Meinungskundgabe angeboten werden, stehen in der Kritik.

In Berlin stellte der Verband der Ersatzkassen (vdek) sein neues Arzt-Informationsportal www.vdek-arztlotse.de vor. Dieses nicht kommerzielle Projekt soll dafür sorgen, dass jeder Patient den für seine individuellen Bedürfnisse besten Arzt finden kann, so der vdek.

Arztlotsen bewerten nach Schulnoten

Ermöglicht werde dies durch einen unkomplizierten und schnell auszufüllenden Fragebogen, in dem die Patienten ihren Arzt mit Schulnoten in fünf Kategorien (z.B. Erscheinungsbild der Praxis, Praxispersonal) bewerten und in einem Freitextfeld ihre Entscheidung begründen. Weitere Informationen über die Praxis, zum Beispiel ob diese behindertengerecht eingerichtet ist, befinden sich ebenfalls auf der Seite. Die große Datenbank kommt dabei durch die Kooperation mit der Stiftung Gesundheit zustande, die bereits seit 1997 ein Arztauskunftsportal betreibt.

Trotz der Beteuerung des Vorstandsvorsitzenden des vdek, Thomas Ballast, dass die im Freitextfeld verfassten Beurteilungen durch einen redaktionellen Filter laufen und Schmähkritik dadurch ausgeschlossen werde, streut Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, Salz in diese Wunde: „Das Angebot verspricht den Patienten Orientierung bei der Suche nach einem geeigneten Arzt, gleichzeitig muss der Verband schon bei der Vorstellung seines Portals einräumen, dass er nicht in der Lage ist, einen Missbrauch der Seite auszuschließen.“ Dieser ist insofern möglich, als dass sich der Nutzer nicht registrieren muss, Mehrfachbewertungen durch eine einzelne Person nicht auszuschließen sind und bereits einzelne Bewertungen veröffentlicht werden.

Montgomery spart nicht an Kritik

Im Gegensatz zur AOK, die sich bei der Entwicklung ihres Arztnavigators www.aok-arztnavi.de zumindest teilweise an die vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) eigens für solche Portale entwickelten Standards gehalten habe, sei dem vdek nicht an einer Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft gelegen. Dass sich sogar die größte Ersatzkasse, die Barmer GEK, am Konkurrenzportal der AOK beteiligt, sieht Dr. Montgomery als weiteren Grund für sein vernichtendes Urteil: „Kopfnote: Avanti deletanti, Schulnote: sechs.“

Während ein weiterer Kooperationspartner in diesem Projekt, der BKK-Bundesverband, die Erweiterung seines Portals www.bkk-arztfinder.de durch die Möglichkeit der Bewertung und das damit verbundene Aufzeigen von Schwachstellen lobt, stellt sich auch der Deutsche Hausärzteverband gegen das neue Portal: „Der vdek-Arztlotse suggeriert eine Überversorgung, wir haben aber einen Mangel an Hausärzten! Man sollte sich fragen, ob das x-te Arztbewertungsportal weiterhilft, wenn es schwierig wird, überhaupt noch einen Hausarzt in der Nähe zu finden?“, so Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes. Der vdek solle seine Mitgliedskassen lieber dazu anhalten, Hausarztverträge anzubieten.

Portale für Marketingzwecke nutzen

Momentan werden die Bewertungsoptionen sowohl im vdek- als auch im AOK-Portal nur wenig genutzt. Ursächlich dafür ist beispielsweise, dass die AOK nur ihren eigenen Kunden die Möglichkeit zur Bewertung bietet. Während der Arztlotse nur über wenige ausgesprochene Empfehlungen verfügt, findet sich im Arztnavi in ganz München (PLZ 80331) kein Allgemeinmediziner mit mindestens zehn Bewertungen, die es überhaupt erst ermöglichen würden, Einsicht in bereits abgegebene Stellungnahmen zu gewinnen.

Überwiegend positive Rückmeldungen und ausbleibende Schmähkritik sollten Ihnen dennoch zu überlegen geben, ob Sie ähnlich wie Restaurants oder Hotels versuchen sollten, diese Portale für Marketingzwecke zu nutzen und die Anzahl und Qualität der Bewertungen durch Information Ihrer Patienten zu fördern.

vdek kompakter, AOK ausführlicher

Sehr informativ und praktisch sind für die Patienten sowohl das schnellere und simplere vdek- als auch das ausführlichere AOK-Portal, welches mit einem breiteren Fragenkatalog ausgestattet ist (bspw. wird nach der Einfühlsamkeit und Zuhörfähigkeit des Arztes gefragt). Je größer die Beteiligung wird, desto substanzieller werden Auskünfte für interessierte Versicherte.

Schon jetzt zieht die AOK eine positive Zwischenbilanz. Nach eigenen Angaben konnte die Online-Arztsuche seit ihrer Veröffentlichung im Mai 2011 bereits mehr als drei Millionen Besuche verzeichnen.

Thinkstock