Badewiesen-Aufstand gegen die Vereinsamung

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Keine Spur von Ein-Personen-Haushalten hier in den Alpen © fotolia/Robert Kneschke

Es ist Sommer. Und es ist heiß. Ich liege unter einem bunten Sonnenschirm auf einer Badewiese an einem glitzernden Bergsee in den Alpen. Endlich Urlaub! Um meine Liege herum stapelt sich Urlaubslektüre. Darunter auch einige medizinische Zeitschriften, die ich noch nach interessanten Artikeln durchforsten will, weil ich es zu Hause einfach nicht mehr geschafft habe.

Gerade lese ich ein Editorial, verfasst von einem von mir sehr geschätzten Ordinarius für Psychiatrie. Er zeigt von seinem Fachgebiet aus gesellschaftliche Prozesse auf, warnt vor manchen Fehlentwicklungen und belegt dies in der Regel mit eindrucksvollen Zahlen. Ganz besonders suspekt ist ihm die zunehmende Digitalisierung unserer Welt, v.a. im Bereich der Bildung und Kindererziehung.

In dem mir vorliegenden Editorial beklagt er die zunehmende Singularisierung unserer Gesellschaft, ersichtlich auch durch die Zunahme der Ein-Personen-Haushalte v.a. in den Städten und die damit verbundene Vereinsamung der Menschen. Und natürlich die Angst vor der Vereinsamung und das Allein-Gelassen-Sein in Krisensituationen. Ein eher melancholisch stimmender Artikel.

Pubertierende Schönheiten bewaffnen sich mit Eis

Nach der Lektüre schaue ich mich um und sehe am Fußende meiner Liege einen sehr munteren Kleinen, mit Sonnenhut und Badehose bekleidet, an mir vorüber wackeln. Seine Oma ist hinter ihm her und fängt ihn ein, um ihn wieder zur Decke zu Opa, Papa, Onkel, Tante und einem kleinen Cousin oder einer kleinen Cousine im Kinderwagen zurückzutragen. Ihr Erfolg ist nur kurzfristig; der Kleine begibt sich sofort wieder zielstrebig in Richtung Sandkasten. Seine schwangere Mama genießt es, dass sich die Oma wieder an die Verfolgung macht.

Schräg hinter mir ist eine muslimische Familie. Die beiden Mädchen im Grundschulalter tragen riesige Schwimmreifen über ihren knielangen Badeanzügen. Sie springen fröhlich herum und necken ein Paar, das sich gerade sonnt. Der Physiognomie nach sind es Onkel und Tante.

Neben mir bringen zwei pubertäre Bikini-Schönheiten ihrer Mutter ein Eis vom Kiosk mit und hören keine Sekunde mit ihrer intensiven Unterhaltung auf. Etwas weiter entfernt liegt eine ältere Dame auf einer Liege und wechselt mit ihrer daneben liegenden Freundin oder Partnerin gelegentlich lächelnd ein paar Worte.

Unten am Wasser stehen Mütter und Väter und kommentieren die Schwimmkünste ihrer Kinder oder stehen mit ihren Kleinkindern im Wasser, um die Schwimmflügelfraktion daran zu gewöhnen. Eine Gruppe junger Männer sitzt auf der Badeinsel und ich höre sie immer wieder laut lachen. Ab und an kühlen sie sich gegenseitig im See ab. Oder schicken einen aus der Truppe zum Bierholen.

Von Vereinsamung nirgendwo eine Spur! Und da meine amerikanische Berufsbezeichnung „family physician“ heißt, finde ich es richtig toll, so viele Menschen in partnerschaftlicher und familiärer, ja sogar groß-familiärer Beziehung zu sehen.

Ich drehe mich zur Seite, um meinem Mann die Diskrepanz zwischen dem Artikel und meinen Beobachtungen mitzuteilen. Doch der holt gerade den in den letzten Wochen versäumten Schlaf ausgiebig nach. Offensichtlich bin ich an diesem Strand der einzige Mensch, der vereinsamt ist. Zum Glück nur passager. Und so rufe ich innerlich dem Verfasser dieses traurigen Artikels zu: Nur Mut, Herr Professor! Das Glas ist nicht halbleer, es ist halbvoll. Und vielleicht sogar mehr als halbvoll. Zumindest auf dieser Badewiese.